„Bring uns etwas mit“, höre ich noch, bevor die Tür ins Schloss fällt. Irgendjemand macht den Witz immer, wenn ich zu einem Termin aufbreche, bei dem die aktuellen Entwicklungen in der Drogenszene diskutiert werden. Aber wieder sind die Kollegen leer ausgegangen. Bei der 36. Niedersächsischen Suchtkonferenz gab es nur Anti-Stressbälle als Giveaways, Getränkeverschlüsse, die das Untermischen von K.o.-Tropfen verhindern sollen – und die übliche Dosis Kulturkampf. Dass auf offener Bühne darüber gestritten wird, ob die Cannabis-Legalisierung ein schlimmer Fehler war oder die längst überfällige Entkriminalisierung eines Lebensstils, ist eher selten. Eher hat jede Veranstaltung ihre eigene Tendenz. Jede Expertin ist ausgerüstet mit Studienergebnissen, die die eigene Position „Pro“ oder „Contra“ Cannabis-Legalisierung untermauern – und die Berichterstatterin ist so klug wie vorher.

Bei manchen Fachleuten – eher denen aus dem Pro-Cannabis-Lager – wird deutlich, dass hier mehr auf dem Spiel steht. Es geht auch um die Verteidigung – wenn nicht des eigenen Lebensstils, dann vielleicht des eigenen Milieus, der Nachbarschaft, der Szene, wo man gern ausgeht. Merkwürdig übrigens, wie bedeckt sich die FDP und die Grünen, die die Legalisierung gemeinsam durchgesetzt haben, seit einer Weile zu dem Thema halten. Haben sie sich entschieden, dass ihre Szene doch woanders ist? Dass bei anderen – naturgemäß dem Contra-Lager - die Distanz zu den Drogen konsumierenden Milieus größer ist, merkt man oft schon an der Wortwahl.
Die Göttinger Neurologie-Professorin Hannelore Ehrenreich zeigte, was schlechte Vorzeichen sind, um später im Leben Schizophrenie und Gewaltneigung zu entwickeln. Dazu gehört nicht nur früher Drogenkonsum, sondern auch „Urbanicity“: also wie dicht besiedelt und wie grün (oder grau) die Gegend ist, in der man aufwächst. Die Falten auf meiner Stirn wurden immer tiefer. Denn dort, wo Hannover am dichtesten besiedelt ist, bin ich zu Hause. Okay, meine Nachbarschaft riecht gelegentlich nach Gras, aber dass sie ein Risikofaktor für Schizophrenie sein soll, war schon ein harter Schlag.
Nach einer Tasse Kaffee hatte ich mich wieder beruhigt. „Urbanicity“ ist einer von mehreren Risikofaktoren, die zusammenkommen müssen, um ein Leben zu ruinieren. Und am Ende zeichnet es liberale Gesellschaften aus, dass man Risiken eingehen darf. Wichtiger finde ich etwas anderes: Wenn die Risikofaktoren so genau bekannt sind, muss man dafür sorgen, dass sie möglichst selten gemeinsam auftreten. Junge Menschen, deren Geburt schon schwierig war, die durch Flucht oder Missbrauch traumatisiert sind, sollten besonderen Schutz genießen. Offenbar fängt ein solcher Schutz schon damit an, etwas Grün in ihre Wohnumgebung zu bringen, das nicht Gras aus einer Tüte ist.
Außer meinen Eindrücken von der Suchtkonferenz haben wir noch diese Themen für Sie:
Kommen Sie mit klarem Kopf durch den Freitag!
Ihre Anne Beelte-Altwig


