Landwirtschaft sei keine Mathematik, sagt Kammerpräsident Gerhard Schwetje bei der Vorstellung der diesjährigen Erntebilanz für Niedersachsen. Trotz umfangreicher Zahlenwerke könne er deshalb nicht alle Phänomene ganz genau bestimmen und erklären. Der Landwirt auf dem Feld sei, weil er unter freiem Himmel arbeitet, wahlweise dem lieben Gott oder der Laune der Natur ausgesetzt. Wieso also beispielsweise in diesem Jahr der Eiweißgehalt beim Getreide angestiegen ist, obwohl doch in den vielen „roten Gebieten“ Niedersachsens die strengen Düngeregeln gelten, weiß Schwetje aus dem Stegreif nicht zu beantworten. Kai-Hendrik Howind, Pflanzenbau-Experte der Landwirtschaftskammer, kann immerhin berichten, dass die Sonneneinstrahlung im Vorjahr geringer gewesen sei als in diesem, und dass die Niederschläge zur rechten Zeit den Pflanzen geholfen haben, die Nährstoffe aus den Ernterückständen im Boden zu verwerten. Das Ergebnis, eine qualitativ und quantitativ ziemlich gute Getreideernte, kann die Landwirte allerdings nur begrenzt zufrieden stimmen. Insgesamt sei die Ernte in diesem Jahr „sehr beachtlich“ ausgefallen und habe „überdurchschnittliche Erträge“ eingebracht. Dennoch müsse festgestellt werden, „dass dieser erfolgreichen Arbeit auf dem Acker vielfach enttäuschende Erzeugerpreise gegenüberstehen“, sagt Schwetje. Für zahlreiche Betriebe sei es unter diesen Bedingungen schwer, zufriedenstellende Wirtschaftsergebnisse zu erzielen.

Die Preissituation bereitet den Landwirten Sorgen. Kammerpräsident Schwetje fasst die aktuelle Lage salopp so zusammen: „Zurzeit macht es deutlich mehr Spaß, Milchviehhalter zu sein als Ackerbauer.“ Noch vor zehn Jahren haben die Milchbauern ihre Betriebskosten wegen der extrem niedrigen Milchpreise nicht decken können. Nach vielen schlechten Jahren haben sie derzeit allerdings wieder die Chance, Reserven zu bilden oder in ihre Betriebe zu investieren, führte Schwetje aus. Anders beim Ackerbau: Die Getreideernte sei in diesem Jahr mit 5,8 Millionen Tonnen um gut ein Drittel höher ausgefallen als im Vorjahr. Und auch die Qualität ist sehr gut. Ein globales Überangebot drückt derweil den Preis. Gute Ernteprognosen aus Russland und den Vereinigten Staaten werden dafür verantwortlich gemacht. Zudem ist der Schockmoment durch den Ukrainekrieg auf dem weltweiten Getreidemarkt nicht mehr zu spüren. „Mit durchschnittlich 17 Euro pro Doppelzentner sind die Erzeugerpreise beim Getreide im dritten Jahr in Folge gesunken“, berichtet Schwetje. Bei Braugerste und Winterweizen fielen die Preisabschläge im Vergleich zum Vorjahr besonders deutlich aus. „Die Erlöse aller Getreidearten liegen unter dem Fünf-Jahres-Schnitt.“
Ähnlich sieht es bei der Kartoffelernte aus. Die Zeiten, in denen sich mit der Kartoffel gutes Geld verdienen lässt, seien zumindest vorläufig vorbei, erklärt der Präsident der Landwirtschaftskammer. Ein Grund für den Preisverfall ist auch hier ein Überangebot: „Mit fast 14.000 Hektar gibt es dieses Jahr in Niedersachsen einen Rekordwert“, erläutert Schwetje. Im Vergleich zum Vorjahr sind das gut 8000 Hektar mehr, die sich laut Landwirtschaftskammer auf alle Verwertungsrichtungen verteilen, also auf Speise-, Pommes-, Chips- sowie Stärke-, Pflanz- und Industriekartoffeln. Niedersachsen verteidigt damit seinen Titel als „Kartoffelland Nummer eins“ innerhalb Deutschlands. Anlass zur Freude kann diese Entwicklung für die Ackerbaubetriebe aber kaum sein, denn der Kartoffelpreis liegt niedrig wie nie. Pro Doppelzentner bekommt ein Kartoffelproduzent aktuell im Schnitt 14 Euro. Laut Landwirtschaftskammer liegt dieser Wert gut 60 Prozent unter dem Vorjahrespreis. Bessere Qualität zahlte sich zudem nicht mehr immer aus, stellt Schwetje fest: „Für Pommes-Kartoffeln wurden zeitweise nur noch so viel geboten wie für Futter-Kartoffeln. Das stellt viele Betriebe vor eine wirtschaftlich schwierige Lage.“ Schwetje rät den Landwirten daher, die Vermarktung ihrer Produkte viel früher mitzudenken. Erst anzubauen und dann abzuliefern, sei nicht mehr der richtige Weg. Vielmehr müsse die Verbindung zum Vermarkter schon viel früher hergestellt werden. Eine gute Marktbeobachtung und kluge Planung werde immer wichtiger.

Beim Anbau der Zuckerrübe haben die Betriebe unterdessen bereits auf die veränderte Marktlage reagiert. „Der Weltmarktpreis für Zucker hatte wegen großer Erntemengen 2024 seinen Höhenflug beendet“, berichtet Schwetje. Die Zuckerhersteller haben weniger Flächen unter Vertrag genommen, mit rund 100.000 Hektar kehrt Niedersachsen auf sein altes Niveau zurück. Allerdings deutet sich eine schlechte Ernte an. Trockenheit im Frühjahr habe vielen Beständen zu schaffen gemacht. Mit einem Zuckergehalt zwischen 17 und 19 Prozent liegt die Ernte, ersten Betrachtungen zufolge, über dem fünfjährigen Mittel. Unvermindert wächst derweil die Anbaufläche für Zwiebeln weiter an. Im Vergleich zum Vorjahr waren es in diesem Jahr zehn Prozent mehr, insgesamt also 9300 Hektar für das Knollengewächs. Ein Schädling auf dem Vormarsch könnte dem Knollenwachstum in Niedersachsen jedoch womöglich bald Einhalt gebieten. Bisher wurde die Schilf-Glasflügelzikade im Norden noch nicht so häufig gesehen. Das Schadinsekt breitet sich aber aus dem Süden und dem Osten kommend immer weiter aus. Der Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer habe die Entwicklung im Auge, berichtet Schwetje. Man feile an einer Strategie, zudem arbeiteten Züchtungsunternehmen an widerstandsfähigeren Sorten.
Der Ökolandbau in Niedersachsen stagniert. Mit gut 155.000 Hektar werden lediglich sechs Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet. Die Landwirtschaftskammer stützt sich bei dieser Zahl auf offizielle Informationen der Bundesanstalt für Landwirtschaft. Erklärtes Ziel der Landesregierung ist es, den Anteil des Ökolandbaus in den kommenden fünf Jahren auf 15 Prozent zu steigern. Niedersachsens Agrarministerin Miriam Staudte (Grüne) greift in ihrer Stellungnahme zur Erntebilanz insbesondere die Entwicklung im Ökolandbau heraus. „Erfreulich ist, dass im Ökolandbau nicht nur die Erträge gut, sondern auch die Erlöse stabil geblieben sind. Die wachsende Nachfrage alternativer Proteinquellen, wie beispielsweise der Acker- oder der Sojabohne, zeigt klar, dass sich der Wachstumstrend weiter fortsetzt“, wird die Ministerin in einer Mitteilung zitiert. Die Landwirtschaftskammer erkennt eher verhaltene Bereitschaft konventioneller Betriebe, ihre Arbeitsweise umzustellen. Eine Nachfrage erkennt die Kammer allerdings bei Molkereien, die Bio-Milch beziehen wollen. Agrarministerin Staudte greift diesen Impuls auf: „Wer umstellen will, sollte es jetzt tun, wo die Molkereien suchen und nicht warten, bis andere auf die Idee kommen.“


