
Seit Ende März bewegt der „Fall Iri“ die Politik in Niedersachsen – zunächst nur die politisch interessierten Kreise in der Landeshauptstadt Hannover, nun aber zunehmend auch die rot-grüne Koalition im Landtag. Es geht um die langjährige SPD-Ratsfrau Hülya Iri, eine engagierte Politikerin mit Migrationshintergrund, die bis zum Frühjahr auch Vize-Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion in der Landeshauptstadt Hannover war. Sie zählte zu den einflussreichsten Sozialdemokraten in Hannover.
Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover gegen Iri und auch gegen ihre Tochter Esma B.. Beide stehen im Verdacht, staatliche Fördergelder des Bundes und des Landes in Höhe von rund einer Million Euro zweckentfremdet eingesetzt und veruntreut zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung, die Ermittlungen sind noch nicht zu einem Abschluss gelangt, Iris Anwalt äußert sich zu den Vorwürfen nicht. Der Verein „Integrationsarbeit Kronsberg“ (IK), den Hülya Iri 2018 gegründet hatte, musste im Frühjahr Insolvenz anmelden. Zur gleichen Zeit zog sich die Politikerin aus der Kommunalpolitik zurück. Bekannt wurde damals allerdings auch, dass es aus dem privaten Umfeld von Hülya Iri bereits seit längerem Hinweise gab, die auf eine angebliche Veruntreuung von staatlichen Geldern hindeuteten. Entsprechende Schreiben wurden an die SPD in der Landeshauptstadt gerichtet, außerdem an verschiedene hannoversche SPD-Politiker. Einer der ersten Hinweise dieser Art mussten den SPD-Stadtverband Hannover schon im Juli 2024 erreicht haben. Aber erkennbar handelte die Partei in der Landeshauptstadt daraufhin nicht, erst im Januar 2026, also anderthalb Jahre später, wurde Iri intern zur Rede gestellt – und später dann auch zum Rückzug gedrängt. Anfang 2026 war hier der SPD-Stadtvorsitzende Adis Ahmetovic aktiv geworden.

Aus all diesen Entwicklungen folgen nun mehrere Fragen, die zunehmend auch im Landtag diskutiert werden. Warum, so lautet eine davon, hat die SPD in Hannover auf die Hinweise auf Unregelmäßigkeiten erst so spät reagiert? Warum wurden erste Vorwürfe, auch wenn sie noch nicht konkret belegt waren, im Sommer 2024 nicht zum Anlass für eine interne Nachprüfung oder wenigstens für einen freundlichen Hinweis an staatliche Stellen wie das Landessozialamt genutzt? Zwischen 2019 und 2025 hatte der Verein IK vom Bundesamt BAMF 740.000 Euro erhalten, vom Land Niedersachsen knapp 400.000 Euro. Einiges davon ist noch geflossen, nachdem die SPD in Hannover schon die Warnung erhalten hatte. Es gibt nun einige weitere Auffälligkeiten, die mit der Angelegenheit einhergehen:

- Iri schreibt an Spitzenpolitiker, auch an Olaf Lies: Hülya Iri hat sich wiederholt in Schreiben auch direkt an führende Genossen in der Landesregierung gewandt und um Unterstützung für Fördermittel geworben – so im Dezember 2020 an die damalige Sozialministerin Carola Reimann und im Folgejahr an ihre Nachfolgerin Daniela Behrens. Am 12. Mai 2025, also kurz vor der Neuwahl des Ministerpräsidenten im Landtag, schickte Hülya Iri eine Mail an Olaf Lies, der damals noch Wirtschaftsminister war: „Lieber Olaf, ich bitte um Unterstützung für den Antrag beim Landesamt für Soziales, Jugend und Familie in Oldenburg“. Als Absenderin gab sie „stellvertretende Fraktionsvorsitzende“ an. In dem Antrag wurde gebeten, neben Iri (die eine Stelle für Migrationsberatung innehat) noch eine zweite Stelle einzurichten und zu finanzieren. Geplant war, wie aus den Unterlagen hervorgeht, diese zweite Position an Iris Tochter Esma B. zu übertragen, die als „staatlich anerkannte Erzieherin“ für die Beratung qualifiziert sei. Ob Lies darauf reagiert hat und wenn ja in welcher Weise, geht aus den bisher bekannten Akten nicht hervor.
- Landesbeauftragter unterstützt Iris Antrag: Wenige Wochen, bevor Iri ihre Mail an Lies geschickt und bei ihm um Unterstützung für die zweite Beraterstelle gebeten hatte, war der Nachfolger von Doris Schröder-Köpf als Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe aktiv geworden. Der SPD-Abgeordnete Deniz Kurku verfasste unter dem Titel „Niedersächsischer Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe bei der Niedersächsischen Staatskanzlei“ einen Brief an die Oldenburger Außenstelle des Landessozialamtes - eben jene Behörde, die für die Genehmigung der Beraterstelle zuständig ist. Er schrieb am 11. März 2025: „Mit diesem Schreiben möchte ich den Antrag des Vereins Integrationsarbeit Kronsberg e.V. auf Aufstockung um eine weitere Personalstelle begleiten und unterstützen.“ Kurku schloss das Schreiben mit der Bemerkung: „Deshalb empfehle ich uneingeschränkt und mit großer Überzeugung die Förderung einer zusätzlichen Personalstelle vor Ort, um den akuten Bedarf an Integrationsangeboten und Beratungsleistungen auf dem Kronsberg zu decken.“ Dieser Brief wurde in einer Zeit abgeschickt, als die SPD in Hannover bereits Hinweise erhalten hatte – diese aber offenbar nicht zum Anlass für weitere Überprüfungen oder Informationen an andere Stellen genommen hatte. In dem Konzept, das der Verein IK daraufhin im Mai 2025 an das Landessozialamt schickte, wurde ausdrücklich auf die Unterstützung von Hannovers Sozialdezernentin Sylvia Bruns, von Deniz Kurku und auch von Hülya Iri (in ihrer Eigenschaft als Ratsfrau) hingewiesen. Außerdem wird bei den Unterstützern auch Sozialminister Andreas Philippi genannt – jedoch mit dem Zusatz in Klammern „(angefragt)“. Kurku muss sich jetzt die Frage gefallen lassen, ob er sein Empfehlungsschreiben überprüft hat - oder nur die ihm vorher von Iri übermittelten Angaben übernommen hat.
- Welche Rolle spielt Melanie Walter? Als die SPD in Hannover im Juli 2024 die ersten Hinweise auf eine angebliche Zweckentfremdung von Fördermitteln für den Verein IK bekam, war der SPD-Stadtvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Adis Ahmetovic erkrankt. Seine Co-Vorsitzende Melanie Walter führte die Geschäfte. Sie hatte das Schreiben erhalten – aber die Angelegenheit der Ratsfraktion übergeben. Da Iri die Vorwürfe dementiert habe, wie Walter auf Anfrage des Politikjournals Rundblick erklärte, habe sie „das Schreiben als vermutlich persönlich oder politisch eingeordnet und keine Rückantwort gesendet“. Offenbar unterließ es Walter nach ihrem Aufstieg als Europaministerin ins Kabinett im Mai 2025, einen Hinweis an ihren Kollegen, den Sozialminister Andreas Philippi, zu geben. In dessen Zuständigkeit fällt das Landessozialamt, bei dem 2025 neue Förderanträge des Vereins IK eingetroffen waren.


