7. Juli 2022
Wirtschaft

Wandel in der Automobilindustrie: „Das Zahnrad der Zukunft ist der Mikrochip“

Diskutieren mit Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar (von links) über die Mobilität der Zukunft: Renate Köcher, Thomas Vietor, Christian Kötz und Peter Holdmann. | Foto: Lorena Kirste

Erst die Stickoxiddebatte, dann Corona, die Halbleiter-Lieferprobleme und nun die Energiekrise: Die Automobilindustrie in Deutschland kämpft seit fünf Jahren gegen eine rückläufige Produktion. Vor allem Niedersachsen als Automobilland Nummer 1 mit 700 Zulieferbetrieben ist betroffen. Zeitgleich verlangt die Klimakrise einen Wandel in der Industrie – auch in der Automobilwirtschaft. Der Großteil der Bevölkerung hält den technischen Fortschritt für wesentlich, um die Klimabelastung zu verringern, so das Ergebnis einer Studie des Institutes für Demoskopie Allensbach. „Uns ist bewusst, dass wir handeln müssen. Es geht nicht um die Notwendigkeit, sondern um den Weg, den wir wählen“, sagte Christian Kötz, Vorstandsmitglied bei der Continental AG, bei einem Science-Talk auf der Ideen-Expo. Ein wesentlicher Baustein seien dabei die Investitionen, so Volker Schmidt, Aufsichtsratsvorsitzender der Ideen-Expo und Hauptgeschäftsführer von Niedersachsen-Metall. „Innovation setzt Investitionen voraus. Wenn wir nicht aufpassen stehen wir in ein paar Jahren vor Quantensprüngen.“

Nur 14 Prozent der Ostdeutschen erwägen E-Auto-Kauf

Die E-Mobilität könnte ein wichtiger Bestandteil der Zukunft der Automobilindustrie sein. Ein Teil der Bevölkerung ist dem grundsätzlich nicht abgeneigt. Je höher der Bildungsgrad, desto eher können sich die Befragten vorstellen, künftig ein E-Auto zu nutzen, heißt es dazu in der Allensbach-Umfrage. Zusätzlich spiele der Wohnort eine entscheidende Rolle, so käme im Osten nur für 14 Prozent der Bevölkerung ein E-Auto in Frage, im Westen für 31 Prozent. Die junge Generation hat vor allem Vorbehalte wegen der Kosten, der Verfügbarkeit von Ladestationen und der Reichweite. „Die Mehrheit fragt sich allerdings, ob E-Autos wirklich umweltfreundlicher sind, wenn man sich den ganzen Zyklus anschaut“, sagte Prof. Renate Köcher, Geschäftsführerin des Institutes für Demoskopie Allensbach.

Renate Köcher | Foto: Lorena Kirste

Auch in der Industrie ist man teilweise skeptisch. „Es wurden noch nicht alle Antworten beim E-Auto gefunden. Aktuell würde ich niemandem empfehlen eins zu kaufen, sondern stattdessen zu leasen. Wegen der Batterie“, gab Peter Holdmann zu, Leiter der ZF-Division Personenkraftwagen-Fahrwerktechnik. Für eine zukunftsfähige Automobilindustrie müsse man sich vielmehr insgesamt breiter aufstellen und ganzheitlicher denken. Conti-Vorstand Kötz ruft dazu auf, auch die Themen autonomes Fahren und Digitalisierung nicht aus den Augen zu lassen. „Das Zahnrad der Zukunft ist der Mikrochip. Wir beschäftigen uns daher massiv mit Softwareentwicklung“, betonte Holdmann im Gespräch mit Moderator Ranga Yogeshwar. Längst müsse man international suchen, weil man in Deutschland nicht so viele „kompetente Softwareentwickler zusammenbekommt, wie wir gerne hätten“. Zeitgleich müssten die Werke automatisiert und den Fachkräften vor Ort Schulungen ermöglicht werden.

Das Interesse an Weiterbildungsmaßnahmen sei groß, so Köcher. „Ich erlebe eindrücklich bei der Belegschaft von Unternehmen, die sich im Transformationsprozess befinden, dass das wichtigste eine Zukunftsperspektive ist.“ Der Weg von Tesla sei dabei auch nicht die Lösung, alleine schon wegen der Kosten, erklärt Prof. Thomas Vietor, Leiter des Instituts für Konstruktionstechnik in Braunschweig. „Wir müssen auch über andere Wege nachdenken. Viele leihen sich mittlerweile Autos.“ Auch der Anteil an Gebrauchtwagen ist in Deutschland nach wie vor auf einem hohen Niveau. „Wir haben Autos, die uns zehn, zwanzig Jahre lang begleiten. Die müssen wir rückwirkend auch C02-neutraler bekommen“, sagte Holdmann. 

„Wird in 15 Jahren Niedersachsen immer noch Automobilland sein?“, fragte zum Abschluss Moderator Yogeshwar. „Autos werden auf jeden Fall produziert. Die Produktion der Zusteller dürfte allerdings abgenommen haben“, vermutete Holdmann. Nicht jedes Unternehmen habe eine Perspektive, war sich auch Köcher sicher. Großes Potential könnte in der Produktion von Batterien liegen, meint Prof. Vietor. „Die Zuliefer- und Herstellerindustrie steht in den nächsten Jahren vor unterschiedlichen Herausforderungen. Die Welt wird sich für die Hersteller ändern, das ist aber auch eine große Chance für die Zulieferer“, sagte Kötz.

Dieser Artikel erschien am 8.7.2022 in Ausgabe #128.
Audrey-Lynn Struck
AutorAudrey-Lynn Struck