16. Aug. 2022
Wirtschaft

Wachsender Bedarf an Energieberatung bringt Verbraucherzentrale ans Limit

Aufgrund der steigenden Gaspreise ist bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen die Nachfrage nach Energieberatungen in der ersten Jahreshälfte enorm gestiegen. Im vergangenen Jahr haben noch insgesamt rund 20.000 Bürger dieses Angebot der Beratungsstelle angenommen. Allein in der ersten Jahreshälfte 2022 waren es nun schon 15.000 Beratungen. „Wenn man das hochrechnet, sind wir am Ende des Jahres bei gut 30.000 Beratungen, also bei einem Anstieg um 50 Prozent“, sagt die Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale, Petra Kristandt, im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick.

Foto: Christian Wilhelm Link

Rund 140 Energieberater sind in Niedersachsen im Auftrag der Verbraucherzentrale derzeit im Einsatz. Gefördert wird dieses Angebot vom Bundeswirtschaftsministerium. Die Experten, in der Regel Architekten und Ingenieure, zeigen den Bürgern Wege auf, wie sie ihren Energieverbrauch weiter verringern können. Im Idealfall inspizieren sie dabei die Wohnungen und Häuser und geben Ratschläge zu Dämmung, Heizung und Fenstern. Inzwischen wird aber auch immer häufiger eine Telefon- oder Videoberatung angeboten. Doch die Nachfrage übersteigt bei Weitem das Angebot. „Wir bewerben die Energieberatung jetzt schon gar nicht mehr“, erklärt Kristandt. „Wer jetzt einen Termin bucht, erhält frühestens Mitte Oktober eine Beratung. Die Wartezeit beträgt derzeit also zwei Monate.“

„Wir bewerben die Energieberatung nicht mehr. Wer jetzt einen Termin bucht, erhält frühestens Mitte Oktober eine Beratung"

Auf dem Energiegipfel der Landesregierung hat man sich deshalb darauf verständigt, die Finanzierung der Verbraucherzentrale aufzustocken. Wann das geschehen kann, ist aber noch offen. Kristandt erkennt in dieser Lage ein Argument für etwas, was sie schon seit längerem fordert: Die Finanzierung der Verbraucherzentrale müsse verlässlicher aufgestellt werden. Anderthalb Millionen Euro institutionelle Förderung erhält die niedersächsische Verbraucherzentrale über Finanzhilfen des Landes, finanziert über die Glücksspiel-Abgabe.

Verbraucherzentrale hofft auf verlässliche Finanzierung

Derzeit kommen noch 500.000 Euro zusätzliche Mittel über die politische Liste hinzu. In der Summe erhielt die Verbraucherzentrale im vergangenen Jahr also etwas über zwei Millionen Euro für ihr Alltagsgeschäft. Weitere Gelder fließen über Projektförderungen vom Landesagrarministerium oder von einzelnen Bundesministerien an die Beratungsstelle. „Die Projektförderungen bedienen aber nicht die aktuelle Nachfrage“, kritisiert Kristandt. Da Projekte klar definierte Zielsetzungen und Zeiträume haben und sich stets vom Tagesgeschäft abgrenzen müssen, habe sie keine Spielräume, um auf neue Herausforderungen, wie etwa die steigenden Energiekosten, angemessen reagieren zu können. Zudem werde es immer schwerer, Fachkräfte zu gewinnen, wenn die Projektstellen auf zwei Jahre begrenzt werden.

Anbieterwechsel lohnt sich längst nicht mehr

Der Trend zur Energieberatung setzte bereits im vergangenen Herbst ein, also noch vor Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Im Laufe des Jahres verstetigte sich die Entwicklung und führte dazu, dass die Schwerpunkte der Rechtsberatung von Themen wie Telefon, Internet und Mobilfunk oder Verträgen mit Fitnessstudios oder für Pauschalreisen, die in den Corona-Jahren dominant waren, auf die hinteren Plätze der Statistik verdrängt worden sind.

Anfangs gab es noch vermehrt Nachfragen zu einem möglichen Anbieterwechsel, die Verbraucherzentrale hat allerdings schon zu Beginn des Jahres gesagt, dass sich dieser Schritt eigentlich nicht mehr lohne und nur das Energiesparen wirklich einen Effekt erziele. Zudem nimmt sich die Verbraucherzentrale seit einigen Monaten jene Energieversorger vor, die entgegen der geltenden Rechtslage Preise oder Abschlagszahlungen erhöht haben. „Die Anbieter sollen sich seriöser verhalten“, sagt Kristandt und kündigt an, dass man Verbandsklageverfahren prüfe. 


Gegen Lebensmittelverschwendung: Neben den Energiekosten steigen auch die Preise für Lebensmittel weiter an. Für die Verbraucherzentrale führt dies gewissermaßen zu einer Rückbesinnung auf ihre Anfangsjahre. „Als die Verbraucherzentrale 1957 eingerichtet wurde, haben wir ‚Einmach-Kurse für Hausfrauen‘ angeboten. Jetzt geht es wieder darum, den Menschen zu zeigen, wie sie das Obst aus ihrem Garten haltbar machen können“, erläutert Kristandt. Passend dazu bietet die Verbraucherzentrale schon länger Beratungen gegen Lebensmittelverschwendung an.

Für Elektromobilität: Ein neues Projekt der Verbraucherzentrale nimmt die Elektromobilität in den Blick. Bislang war dieser Themenbereich nicht vorgesehen, bei Anfragen musste die Beratungsstelle stets ablehnen. Ab Oktober werden nun zwei Experten für zunächst zwei Jahre kostenlose Online-Vorträge anbieten. Teilnehmer sollen dabei erfahren, ob sich Elektromobilität für sie lohnt, welches Fahrzeug geeignet ist und wo sie die Autos am besten aufladen sollten. Weitere Informationen wird die Verbraucherzentrale Mitte September bekanntgeben.

Dieser Artikel erschien am 17.8.2022 in Ausgabe #140.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter