17. Sept. 2019
Wirtschaft

Vor dem Klimagipfel startet Niedersachsen eine Offensive für die Wasserstoff-Technologie

Man wolle nicht nur Gas geben beim Thema Wasserstoff, sondern „grünes Gas“. Darin waren sich Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) am Dienstag einig. Beide stellten wenige Tage vor dem nationalen Klimagipfel eine Bundesratsinitiative vor, mit der Deutschland beim Thema Wasserstoff stärker Fahrt aufnehmen soll. Dabei geht es der Landesregierung konkret um „grünen“ Wasserstoff, also solchen, der mit Strom aus erneuerbaren Energien abgesondert wird. https://www.facebook.com/MinisterOlafLies/posts/2400665030054762 Es geht um die Elektrolyse, also die elektrische Zerlegung von Wassermolekülen in Sauerstoff und Wasserstoff. Der Wasserstoff kann als Gas dem Erdgas beigemengt werden – mit dem Effekt, dass bei der Verbrennung deutlich weniger Kohlendioxid entsteht, also die Atmosphäre entlastet wird. Wasserstoff kann auch als ein Antriebsstoff für Lastwagen, Autos, Schiffe oder Flugzeuge genutzt werden, und er lässt sich speichern, etwa in Kavernen in Norddeutschland.

Wenn wir hier nicht Fahrt aufnehmen, verpassen wir eine große Chance.


Es gebe zwar eine bundesweite Wasserstoff-Strategie, aber die reiche nicht aus, erklärte Lies nach der Kabinettssitzung und machte deutlich, dass er eben nicht alleine auf den Bund setzen will. „Auch wenn sie uns über den Kopf streicheln und sagen, bleibt mal ruhig, wir machen das ja, sind wir noch nicht zufrieden. Wenn wir hier nicht Fahrt aufnehmen, verpassen wir eine große Chance“, betonte Lies.

Bundesweite Wasserstoffwirtschaft wird benötigt

Man brauche grünen Wasserstoff im industriellen Maßstab bei der Erzeugung und Anwendung, nötig sei eine bundesweite Wasserstoffwirtschaft. Viele setzten zwar bereits auf die Wasserstofftechnologie, die Umsetzung vollziehe sich viel zu langsam. Drei Reallabore reichten aber nicht aus. Während Deutschland aber bei Batteriezellen keinerlei Vorsprung mehr habe, könne es bei der Wasserstofftechnologie noch eine herausragende Rolle einnehmen und zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen und sichern. Hinzu kommt für Lies und Althusmann, dass es keine Stahlproduktion in Deutschland mehr geben werde, wenn es nicht gelinge, die CO2-Emissionen zu reduzieren – und das probieren Stahlkocher in mehreren Ländern schon mithilfe von Wasserstoff.

Wasserstoff muss zur Bahn-Infrastruktur dazugehören

In der Bundesratsinitiative werden unter anderem „faire Marktchancen“ für grünen Wasserstoff gefordert. Wenn etwa neue Fahrzeuge auf der Schiene ausgeschrieben werden, solle der Anbieter darauf vertrauen können, dass der Bund über die Bahn nicht nur den Stromanschluss, sondern auch die Wasserstoffzufuhr finanziert. Gegenwärtig sei das nicht so, jeder Investor müsse die Kosten dafür selbst tragen – und das mache diese Technologie in der Praxis unwirtschaftlich. Wasserstoff müsse deshalb zur Bahn-Infrastruktur künftig dazugehören. Zudem müsse das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) angepasst werden. Wer Strom nutzt, um damit grünen Wasserstoff für Züge herzustellen, sollte von der EEG-Umlage befreit werden, so die Forderung aus Niedersachsen. Wirtschaftsminister Althusmann sieht auch Potenziale im Schwerlastverkehr auf der Straße. Es gebe bereits Lastwagen-Prototypen mit Wasserstoffantrieb. Sie sollen nach dem Willen der Landesregierung weniger Maut zahlen müssen. Für Lastwagen lohne sich der Wasserstoffantrieb deshalb, weil die nötigen Batterien für eine hohe Reichweite viel zu schwer seien. Im Verhältnis dazu sei ein Wasserstofftank weitaus leichter.

Althusmann: weltweiter Schlüsselrohstoff

Lies und Althusmann sehen die Technologie nicht als Insellösung für Niedersachsen. Man habe inzwischen viele Bundesländer an der Seite, darunter nicht nur die Nord-Länder, sondern auch Bayern oder Baden-Württemberg. Althusmann zeigte sich überzeugt, dass Wasserstoff weltweit ein Schlüsselrohstoff sein werde. Das gilt umso mehr, als nach Ansicht der Landesregierung die rein auf Strom basierte Energiewende unrealistisch ist. Die „rein elektrische Welt“, in der für die Mobilität über Wärme bis hin zur Industrie Strom verwendet werde, sei nicht realistisch, erklärte Lies. Erzeugter Strom könne nur schwer gespeichert werden. „Das geht mit Wasserstoff deutlich einfacher, hier ist der Norden mit seinen Kavernen äußerst geeignet, um langfristig Energie zu speichern“, hebt der Umweltminister hervor. Hinzu komme, dass der grüne Wasserstoff dem Erdgasnetz beigemischt werden könne. Damit könne dann zum Beispiel geheizt werden. In Berlin arbeite man derzeit daran, dass 20 Prozent Wasserstoff beigemischt werden könnten. Das wäre dann eine 20-prozentige CO2-Minderung beim Heizen. In der Bundesratsinitiative wird gefordert, eine kontinuierlich ansteigende Beimischungsquote für grünen Wasserstoff und erneuerbares Methan in den Gasversorgungsnetzen festzulegen.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #162.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter