4. Dez. 2020
Wirtschaft

Vor Corona ging es Niedersachsens Wirtschaft blendend

Es scheint zunächst absurd, sich im Dezember 2020 nach bald neun Monaten Corona-Pandemie und mitten im zweiten Lockdown mit den Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten des Vorjahres auseinanderzusetzen. Doch diese Zahlen, die das niedersächsische Landesamt für Statistik (LfS) am Freitag vorgelegt hat, werden künftig immer wieder als Anhaltspunkt dienen. [caption id="attachment_51707" align="alignnone" width="780"] Referenzjahr 2019: Vor Corona ging es Niedersachsens Wirtschaft blendend - Foto: Dina Damotseva[/caption] An den Werten aus dem Jahr 2019 lässt sich schließlich messen, wie weit sich das Land von der alten Normalität entfernt hat, oder wie nah es wieder daran zurückreicht. „Datenvergleiche mit dem Referenzjahr 2019 werden zeigen, wie gut und wie schnell Niedersachsen die mit der Corona-Pandemie verbundenen Herausforderungen bewältigt“, erklärte Simone Lehmann, Präsidentin des Landesamts für Statistik.
Niedersachsen wies für das vergangene Jahr eine gute Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage auf.
Wie der Niedersachsen-Monitor in diesem Herbst verrät, waren die Ausgangsbedingungen vor der Corona-Krise für die Wirtschaft des Landes nicht die schlechtesten. „Niedersachsen wies für das vergangene Jahr eine gute Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage auf“, erklärte Lehmann. Mit einer Wachstumsrate von 0,9 Prozent lag Niedersachsen über dem Bundesschnitt von 0,6 Prozent. Auch die Zahl der Erwerbstätigen ist angestiegen. 4,15 Millionen Menschen standen 2019 in Lohn und Brot. Entsprechend sank die Arbeitslosenquote um 0,3 Prozent auf genau 5 Prozent und liegt damit um Bundestrend. https://www.youtube.com/watch?v=4KUlBKBFwV4 Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten knackte im vergangenen Jahr erstmals die Marke von drei Millionen Menschen. Zugleich nahm die Zahl der Minijobber ab, sie sank um 1,7 Prozent auf 489.500. Die gute wirtschaftliche Lage wirkte sich auch positive auf die Landesfinanzen aus. Die Steuereinnahmen Niedersachsens stiegen um 5,3 Prozent an, insgesamt stiegen die Landeseinnahmen um 3,5 Prozent. Der öffentliche Gesamthaushalt wies einen Finanzierungsüberschuss von 423 Euro pro Kopf aus.

Einkommensschere weitet sich

Doch nicht allen ging es besser: Die Schere der Einkommen weitete sich, die Armutsgefährdungsquote in Niedersachsen stieg, erläuterte Lehmann. Die Zahl der Menschen, die als armutsgefährdet galten, erreichte nach 2016 zum zweiten Mal seit 2005 den traurigen Höchstwert von 16 Prozent. Das bedeutet, dass insgesamt 1,26 Millionen Menschen in Niedersachsen auch nach Erhalt von Transferleistungen wie Arbeitslosengeld weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens zur Verfügung hatten. Zugleich verringerte sich die Zahl der Personen, die in einer Bedarfsgemeinschaft lebten, in der eine Person Hilfen nach den Sozialgesetzbuch bezogen hat.
Lesen Sie auch: FDP will Landesämter in Verbünde überführen
Doch dann erreichte die Corona-Pandemie auch Niedersachsen, im März 2020 ging das Land in den ersten, harten Lockdown. „Ab März 2020 wurden insbesondere die wirtschaftlichen Entwicklungen stark durch die Corona-Pandemie bestimmt, die Wirtschaftsleistung in Niedersachsen sank deutlich“, erläuterte LfS-Präsidentin Lehmann. Im ersten Halbjahr sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Niedersachsens preisbereinigt um 7,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Deutschlandweit fiel dieser Trend etwas schwächer aus, dennoch verringerte sich das BIP immerhin um 6,6 Prozent. https://twitter.com/Statistik_NDS/status/1334793434742337536 Die Entwicklung traf sodann auch die Beschäftigten. Die Zahl der Erwerbstätigen gemessen am Arbeitsort ging im zweiten Vierteljahr (also im April bis Juni) um 1,2 Prozent zurück, bundesweit war es ein Rückgang um 1,3 Prozent. Entsprechend stieg die Zahl der Arbeitslosen. Zum Stichtag 30. Juni waren in Niedersachsen 6 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung arbeitslos gemeldet, das sind 1,1 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor und ein Prozentpunkt mehr als zu Beginn des Jahres. In der gesamten Bundesrepublik stieg die Zahl der Arbeitslosen zur Jahresmitte 2020 auf 6,2 Prozent und lag damit 1,3 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert.
Brexit-Effekt bei den Einbürgerungen: Insgesamt leben immer mehr Menschen in Niedersachen. Auch 2019 hat es erneut einen Anstieg der Bevölkerungszahl gegeben. Wie bereits in den Jahren zuvor lag das aber nicht an der Zahl der Neugeborenen. Im Gegenteil: Es gab im vergangenen Jahr ein Geburtendefizit von 21.000. Dennoch stieg die Zahl der Niedersachsen auf 7,99 Millionen und verharrte damit knapp unter der 8 Millionen-Marke. Das Plus von etwa 0,1 Prozent oder 11.200 Personen geht zum Großteil wie in den Vorjahren auf Zuwanderung zurück. Die Zahl der Einbürgerungen ist um 29 Prozent auf 10.930 Menschen angestiegen. Dabei ließ sich 2019 ein besonderer Effekt feststellen. Außergewöhnlich viele Neu-Bürger Niedersachsens kommen aus Großbritannien. Kurz vor dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, der Anfang 2020 formal vollzogen wurde, schnellte die Zahl der Einbürgerungen noch einmal in die Höhe – deutlicher als noch in den Jahren davor seit dem Referendum 2016. Die Sorge vor Komplikationen ausgelöst durch einen No-Deal-Brexit dürften die 2.216 Menschen dazu motiviert haben, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Laut Landesstatistik lebten knapp drei Viertel von ihnen bereits länger als 20 Jahre in Niedersachsen.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter