Otto Ellerbrock (18) ist der neue Vorsitzende des Landesschülerrats Niedersachsen. Mit Niklas Kleinwächter spricht er über Beteiligungsmöglichkeiten für Schüler in Niedersachsen, seine Kritik am SPD-Bildungspapier und eine gewagte Idee für eine neue Schulverfassung. Dieses Interview ist eine stark gekürzte Abschrift des Gesprächs, das Sie hier in voller Länge nachhören können: Spotify | Apple | Deezer | Podigee

Rundblick: Herr Ellerbrock, finden Sie, dass auf die Jugend zu wenig gehört wird?
Ellerbrock: Grundsätzlich ja. Wir merken in vielen Bereichen, dass auf die Jugend zu wenig gehört wird, aber auch vor allem: dass der Jugend zu wenig zugetraut wird. Das stört mich, weil ich das Gefühl habe, dass da völlig der Weitblick fehlt.
Rundblick: Woran würden Sie das denn festmachen?
Ellerbrock: Viel wird über die Köpfe von Jugendlichen hinweg entschieden, weil man ihnen nicht zutraut mitzureden, Entscheidungen zu treffen oder auch, weil man einfach nicht auf sie hören möchte. Ich erlebe das unmittelbar, wenn zum Beispiel über ein Handyverbot gesprochen wird dann reden erstmal die angeblichen Experten unter sich – und die Jugend wird erst im letzten Schritt beteiligt.
Rundblick: Als Landesschülersprecher sind Sie jetzt die Stimme der Schülerschaft in Niedersachsen. Aber wie wird man das eigentlich?
Ellerbrock: Man muss eine Reihe von Wahlen gewinnen, so ist es in Niedersachsen über die Schülerwahlordnung geregelt. Alle Klassensprecher einer Schule bilden den Schülerrat. Dieses Gremium wählt wiederum Vertreter für den Kreisschülerrat, ich war zum Beispiel drei Jahre Kreisschülersprecher im Landkreis Lüneburg. Alle zwei Jahre finden dann auch die Wahlen zum Landesschülerrat statt. Die sind tatsächlich etwas komplizierter, denn da werden in jedem ehemaligen Regierungsbezirk nach Schulformen getrennt Mitglieder für den Landesschülerrat gewählt. Auf der konstituierenden Sitzung im April wurden dann die Posten verteilt, so bin ich Landesschülersprecher geworden. Wir haben aber nicht alle Positionen besetzen können und das ist aus meiner Sicht ein Warnsignal.
Rundblick: Woran lag das?
Ellerbrock: Die meisten Posten, die wir nicht besetzen konnten, stammen aus Förderschulen, Hauptschulen und Realschulen. Diese Schulformen sind benachteiligt, gerade wenn es um Schülerbeteiligung geht. Ich glaube, das hängt mit dem großen Thema Bildungsgerechtigkeit zusammen. Ich glaube, dass auf dem Gymnasium die Schülervertretungsarbeit sichtbarer ist als vielleicht in den anderen Schulformen und die Schüler generell auch vom Elternhaus, aber auch von den Lehrkräften eher empowert und unterstützt werden.
Rundblick: Sie sind nicht nur in der Schülervertretung aktiv, sondern auch schon ziemlich lange SPD-Mitglied. Es gibt Zeitungsartikel über Sie aus dem Jahr 2023, damals waren Sie der jüngste Delegierte beim SPD-Bundesparteitag. Was hat Sie dorthin verschlagen?
Ellerbrock: Ein wesentlicher Punkt war für mich ein Zukunftstag, den ich bei einer Abgeordneten der SPD-Fraktion im niedersächsischen Landtag verbracht habe. Da gab es ein Planspiel und ich wurde zum Fraktionsvorsitzenden gewählt und durfte direkt eine Rede halten und das hat mir einfach unheimlich gut gefallen. Und dann ist im selben Schritt die Partei vor Ort auf mich zugegangen und hat mich eingeladen, an der Fraktionssitzung teilzunehmen. Das hat mich überzeugt, auch weil es einen persönlichen Kontakt gab, alle einfach freundlich und einladend waren. Natürlich ist es für die SPD auch ein Gewinn, wenn ein junger Mensch Mitglied wird und gleichzeitig haben mich damals schon die Aspekte zur Bildungspolitik der SPD überzeugt. Da habe ich dann gesagt, okay hier möchte ich mich engagieren.

Rundblick: Eine der ersten Stellungnahmen des neuen Landesschülerrats richtete sich gegen das jüngst vorgestellte SPD-Bildungspapier. Ist Ihnen das schwergefallen, sich in der neuen Rolle gegen Ihre eigene Partei positionieren zu müssen?
Ellerbrock: Ich muss hier deutlich sagen: Ich bin SPD-Mitglied und stimme mit den Werten grundsätzlich überein. Aber natürlich gehe ich nicht bei allen Entscheidungen mit. Im Amt des Landesschülersprechers legt man das Parteibuch schon ein Stück weit ab. Deshalb fällt es mir dann auch leicht, das SPD-Positionspapier zu kritisieren.
Rundblick: Die SPD hat da ein Zehn-Punkte-Programm für bessere Bildung und Betreuung in Niedersachsen aufgelegt. Da geht es um KI und Medien, Familienzentren, Kindergärten, Gewaltprävention, Lehrkräftegewinnung, Berufsorientierung und Berufsbildung, Inklusion und Lehrmittelfreiheit. Sie haben Ihre Kritik vor allem aber an dem achten Punkt festgemacht: „Demokratie lernen von Klein auf“ – Was hat Sie daran gestört?
Ellerbrock: Demokratie und Mitbestimmung ist das Hauptthema des Landesschülerrats und wir stehen dazu wirklich in gutem Austausch mit den Abgeordneten. Wir sitzen mindestens einmal im Monat mit den bildungspolitischen Sprechern der Regierungsfraktionen zusammen und auch mit der CDU haben wir dazu einen engen Austausch. Und trotzdem habe ich von diesem SPD-Papier aus unserem Pressespiegel erfahren. Über den Zeitpunkt habe ich mich schon sehr gewundert. Inhaltlich gehe ich bei vielem mit, aber über den einen Punkt bin ich dann gestolpert. Wir reden viel über Beteiligungsstrukturen und wie diese gestärkt werden können. Freistellung für Schülervertretungsarbeit ist zum Beispiel eine unserer Forderungen. Und dann schaue ich in den SPD-Vorschlag und das erste, was ich sehe, ist, dass ein zweiter Landeselternrat für Kindertagesstätten gefordert wird. Da musste ich schmunzeln, weil das doch eigentlich eine kommunale Angelegenheit ist. Das Demokratie-Budget ist immerhin eine gute Sache, die wir selber gefordert haben. Aber zur Schulverfassung steht da kein Wort drin.
Rundblick: Haben Sie mal nachgefragt, wie das zustande gekommen ist?
Ellerbrock: Ich habe unsere Kontakte in der SPD-Landtagsfraktion angeschrieben und die Kritik hat auch gewirkt, würde ich sagen. Dörte Liebetruth [SPD-Generalsekretärin, Anm. d. R.] hat mich zu einem Gespräch in die Landesgeschäftsstelle eingeladen, damit wir über unsere Kritikpunkte noch einmal sprechen können. Vielleicht kann man ja auch nochmal Nachbesserungen vornehmen. Das habe ich auch allen Parteien angeboten – gerade, wenn wir zur Landtagswahl gehen. Wir helfen natürlich gerne bei den Wahlprogrammen im Bereich Demokratiebildung und Bildung generell und geben unsere Expertise dazu ab.

Rundblick: Uns hat ja besonders irritiert, dass die SPD da nun Politik als Pflichtfach in der Oberstufe fordert. Das ist ja ein Widerspruch zur eigenen rot-grünen Oberstufenreform, nach der es mehr Wahlfreiheit geben soll.
Ellerbrock: Das hat uns im Landesschülerrat auch irritiert. Und da muss man wirklich sagen: Wir kritisieren das Kultusministerium ja gut und gerne, aber wir unterstützen es auch in Punkten, die wirklich unterstützenswert sind. Und da muss ich aus meiner Perspektive einfach sagen: Dieser Prozess, den wir mit der Oberstufenreform haben, ist ein wirklich guter Beteiligungsprozess. Alle Verbände konnten sich vorab einbringen. Und natürlich ist es schön und schülerfreundlich, wenn man die Prüfungsfächer freier wählen kann und sich wirklich nach seinen Interessen bilden kann. Dieses individuelle Lernen kommt mit rein. Aber diese Forderung aus dem SPD-Positionspapier steht völlig im Gegensatz zu dem, was die AG Oberstufenreform hier vereinbart hat. Die Forderung behindert diese Arbeit nur unnötig. Der Landesschülerrat hat übrigens gefordert, den Politikunterricht einfach schon früher, nämlich in der fünften Klasse starten zu lassen. So würde auch die Demokratiebildung früher beginnen und wir hätten die Diskussion nach hinten raus nicht.
Rundblick: Sie fordern eine Reform der Schulverfassung. Was muss sich da ändern?
Ellerbrock: In der Schule werden die wesentlichen Entscheidungen in der Gesamtkonferenz und im Schulvorstand getroffen. Dabei geht es um alles, was das Schulleben an einer Schule unmittelbar betrifft, also zum Beispiel auch die Schulordnung und eben auch pädagogische Konzepte. Aktuell ist es so, dass in der Gesamtkonferenz alle Lehrkräfte sitzen und je nach Größe der Schule gibt es einen Schlüssel, der im Gesetz steht, aber es können höchstens 14 Schülervertreter und 14 Elternvertreter mitarbeiten. Jetzt sitzen in dem Gremium also alle Lehrkräfte einer Schule in diesem riesigen Block maximal 28 andere Leute gegenüber. Die können mit ihren Stimmen nichts ausrichten und nichts bewirken. Wir haben eine Drittelparität vorgeschlagen, so dass alle Gruppen – die Schüler, die Eltern und die Lehrer gleichberechtigt in der Gesamtkonferenz vertreten sind. Ein anderer Vorschlag ist, dass die Schulleitung in wichtigen Fragen der Schulorganisation das Einvernehmen mit den Schülervertretern herstellen muss. Erst hieß es, das stehe im Widerspruch zum Gesetz, weil die Schule unter Aufsicht des Staates bleiben muss. Aber wir haben uns dann mit Juristen ausgetauscht und da kam der Vorschlag auf, die Regionalen Landesämter für Schule und Bildung könnten als Schlichtungsstelle auftreten. Das heißt: Wenn ein Beschluss gefasst werden sollte, der rechtswidrig ist, oder etwas nicht schnell genug geht, könnte die Landesschulbehörde dann in diesen Prozess eingreifen und eine Entscheidung kassieren, kippen und gegebenenfalls mit Beratung unterstützen. Ich weiß, da gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen in den Verbänden. Aber da müssen wir einfach diesen Beteiligungsprozess starten. Das könnten die Verbände untereinander machen, oder die Initiative geht vom Kultusministerium aus.
Was Otto Ellerbrock zu einem Social-Media-Verbot oder dem neuen Wehrdienst denkt, hören Sie im Politiknerds-Podcast – zum Beispiel hier: Podigee, Spotify, Apple, Deezer.


