26. Aug. 2020
Wirtschaft

Verstaatlichung der Werften? Blick richtet sich gen Emsland

Für die Meyer-Werft, größter Arbeitgeber im Emsland und in Teilen Ostfrieslands, stehen offenbar entscheidende Tage bevor. Denn in Berlin wird verschärft über ein Rettungskonzept für die Werften diskutiert, sogar von einer Übernahme einzelner Unternehmen durch Land und Bund ist die Rede. Dabei geht es zwar nicht vorrangig um die Meyer-Werft mit ihrer Stammbelegschaft von 3600 Leuten, die noch acht Kreuzfahrtschiffe im Auftragsvolumen hat und jetzt dabei ist, die Abarbeitung dieser Projekte zeitlich zu strecken. Vielmehr ist der Auslöser einer Diskussion über eine Verstaatlichung die Krise der Werften im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern (MV Werften). Dort heißt es, der bisherige Mutterkonzern, Genting aus Honkong, wolle seine Anteile abstoßen und das Unternehmen mehrheitlich in den Besitz des deutschen Staates bringen. Bisher schon sind Schiffsneubauten in MV mit reichlichen Bürgschaften abgesichert worden. Eine staatliche Übernahme der Werften in Wismar, Rostock und Stralsund (mit 3100 Beschäftigten) dürfte aber nicht ohne Rückwirkungen auf die Meyer-Werft bleiben.
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Bisher ist in der niedersächsischen Landespolitik eine staatliche Beteiligung an der Meyer-Werft, die der Eigentümer auch gar nicht anstrebt, eher abwehrend diskutiert worden. Vor wenigen Wochen sagte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann in einem Interview: „Für eine staatliche Beteiligung gibt es bei der Meyer-Werft derzeit meines Erachtens keinerlei Anlass.“ Die Frage ist nun, ob sich das ändern sollte, wenn der Mitbewerber im Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern – dessen Standorte teilweise im Wahlkreis von Kanzlerin Angela Merkel liegen – unter einen besonderen staatlichen Rettungsschirm schlüpfen sollten. Tatsächlich bekommt auch die Meyer-Werft derzeit schon Unterstützung, dazu gehören Liquiditätshilfen der KfW-Bank und die Bereitschaft der Landesregierung, bei Infrastrukturfragen zu helfen. Das sind viele Details: die Ausbaggerung des Papenburger Hafens etwa, die Übernahme der Kosten, wenn Kreuzfahrtschiffe über die Ems zur See überführt werden, oder die hohen Gebühren für das Sperrwerk, die das Land nach EU-Recht verlangen muss. Auf der Strecke der Ems hängen teilweise einige Kabel zu tief, das erschwert derzeit solche Überführungen – und auch da könnte das Land helfen. Diskutiert wird demnächst außerdem über einen Beitrag der Belegschaft in Form von Lohnverzicht, Vorruhestandsregeln oder Arbeitszeitverkürzung (ohne Lohnausgleich). Bisher hat es an dieser Stelle noch keine Bewegung gegeben, die Ausgangslage ist schwierig. Die Debatte um die Verstaatlichung der MV Werften, die seit wenigen Tagen akut ist, bringt nun neue Dynamik auch in die Diskussion über die Meyer-Werft. Falls das Land Mecklenburg-Vorpommern die Mehrheit an den MV Werften übernehmen sollte, könnte sich die Frage nach einer Unterstützung des Unternehmens durch ein erfahrenes Management einer anderen Werft stellen – und in Betracht könnte dann Meyer kommen, zumal das emsländische Unternehmen auch einen Werftenstandort in Mecklenburg-Vorpommern hat, nämlich in Rostock. Eine ganz andere Frage ist, inwieweit die aufkeimende Debatte über eine Verstaatlichung der Werften auch andere Unternehmen in Niedersachsen betreffen könnte. Die Werft in Elsfleth ist kürzlich von der Bremer Lürssen-Werft übernommen worden, das Unternehmen baut derzeit an der Gorch Fock. Gut möglich ist, dass auch von dort Wünsche laut werden, bei einer Verstaatlichung von Werften nicht außen vor bleiben zu wollen. Für die Meyer-Werft gilt dieser Wunsch jedenfalls nicht. Es heißt, das Unternehmen in Papenburg lege sehr großen Wert darauf, eine selbstständige, von der Familie geführte Firma zu bleiben. So etwas erleichtere eine schnelle und sichere Entscheidungskultur in der Geschäftsführung.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #148.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter