24. März 2019
Soziales

Verdi bestätigt nur knapp den bisherigen Landesleiter Ahting

So spannend ging es bei Verdi, der Dienstleistungsgewerkschaft mit 250.000 Mitgliedern in Niedersachsen und Bremen, schon lange nicht mehr zu. Der bisherige Landesleiter Detlef Ahting (57), seit acht Jahren an der Spitze der Organisation und für eine beständige, vertiefte Sacharbeit bekannt, hatte plötzlich einen Herausforderer bekommen – den ein Jahr älteren Sebastian Wertmüller, Verdi-Geschäftsführer für Süd-Ost-Niedersachsen. Die beiden Kandidaten traten recht gegensätzlich auf. Während Amtsinhaber dafür warb, dass Verdi sich noch stärker inhaltlich profilieren und mit der Stärke seiner fachlichen Arbeit überzeugen solle, forderte Wertmüller nachdrücklich eine „politische Profilbildung“. [caption id="attachment_39243" align="alignnone" width="780"] Der knapp wiedergewählte Verdi-Chef Detlef Ahting - Foto: kw[/caption] Verdi solle sich, so Wertmüllers Botschaft, von der engen Bindung an die SPD lösen. „Wir müssen erkennen, dass die Sozialdemokraten fast überall an Kraft und Stärke verlieren – und wir müssen uns stärker Grünen, Linken, Christdemokraten und in der Frage der Freiheitsrechte auch der FDP zuwenden. Allen anderen aber nicht“, forderte der 58-Jährige. Vorher hatte es geheißen, Ahting sei als Vertreter des bisherigen hauptamtlichen Apparates der klare Favorit. Die Wahl fiel dann aber doch recht knapp aus: Der bisherige Landesleiter wurde mit 63 Stimmen für weitere vier Jahre im Amt bestätigt, für Wertmüller sprachen sich 56 Delegierte aus, also sieben Stimmen weniger.

Verdi verliert jährlich zwei Prozent seiner Mitglieder

Viele Beobachter waren davon ausgegangen, dass die Wahl mit einem Kurswechsel verbunden sein könnte. Ahting steht für eine Fortsetzung der bisherigen Marschrichtung, die öffentliche klare Positionierung mit einer ausgeprägten Gesprächs- und Konsensbereitschaft in kleinen Kreisen zu verknüpfen. In seiner Bewerbungsrede forderte er, Verdi müsse sich intensiv mit den Rahmenbedingungen der Arbeit und aktuellen politischen Themen kümmern. Das gelte für die Kritik an der Pflegekammer ebenso wie für Forderungen nach mehr sozialem Wohnungsbau. Der Landesbezirk soll neue Formen entwickeln, Schüler, Studenten und Auszubildende anzusprechen. Wenn Verdi-Vertreter sich in den Bereichen Gesundheit, Logistik und Handel als Experten präsentieren könnten, helfe das auch der Organisation. Dabei kündigte Ahting, dem seine Kritiker oft ein „zu leises“ Auftreten vorhalten, auch eine andere Form des Auftreten an: „Nett war gestern. Jetzt verschaffen wir uns Respekt!“ Die angespannte Situation der Pflegekräfte lasse keine Freundlichkeiten mehr zu, man werde nachdrücklich von der Politik Änderungen verlangen. In seinem Rechenschaftsbericht hatte Ahting zudem die SPD/CDU-Koalition im Landtag an die Zusage erinnert, für Personaluntergrenzen in den Krankenhäusern zu sorgen: „Macht das endlich! Bitte nicht nur große Töne spucken, sondern auch handeln!“ Ausdrücklich meine er damit auch Ministerpräsident Stephan Weil persönlich.

Verdi-Mitgliedschaft soll mit der bei der AfD unvereinbar sein

Der Herausforderer Wertmüller musste sich später in der Befragung von der Delegierten Berit Böhme vorhalten lassen, in seinen Überlegungen gar nicht auf den Wandel der Arbeitswelt eingegangen zu sein. Immer mehr Mitarbeiter verlassen die Betriebe, gründen ihr eigenes Unternehmen und bearbeiten als Klein-Unternehmer Aufträge. Deshalb gewinnt die früher skurril anmutende Sparte „Selbstständige“ in der Gewerkschaft immer mehr an Gewicht. Wertmüller machte deutlich, dass er seinen Schwerpunkt anders setzt und der Kampf „gegen Populismus und Rechtsextremismus“ für ihn eine „Antriebsfeder“ sei. Er wolle politische Debatten – etwa über die Arbeitszeit oder sexuelle Belästigung – in die Betriebe bringen, Verdi solle „aktiver, agiler, aktionsorientierter und offener im Diskurs“ werden. Offensichtliche Mängel, etwa in der Mitgliederbetreuung und -beratung, dürften nicht verschwiegen werden. Ihn störe, dass Verdi zwei Prozent Mitglieder jährlich verliere. Seit 2011 waren es 10.000. Die Tarifbindung nimmt ab, das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei 52,6 Jahren. Er wolle versuchen, in einem großen Jugendkongress alle möglichen Organisationen einzuladen, die künftig „Träger einer aufgeklärten Politik“ sein könnten. Greenpeace oder „Fridays for future“ sollten dazu zählen. Wenn Wertmüller am Ende auch knapp verloren hat, einige seiner politischen Ziele fanden auf dem Delegiertentag eine breite Mehrheit: Beschlossen wurde, dass die Mitgliedschaft bei Verdi mit der bei der AfD unvereinbar sein soll. Eine entsprechende Festlegung dazu solle aber auf Bundesebene beschlossen werden, wurde einschränkend hinzugefügt. AfD-Mitgliedern, die sich Verdi anschließen wollen, solle nach einer Änderung der Bundesstatuten künftig die Aufnahme verweigert werden.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #056.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning