15. Apr. 2021
Wirtschaft

Trotz Krise – die Startups boomen

Krise? Welche Krise? Die Corona-Pandemie hat den Gründungen von Startups in Niedersachsen keinen Abbruch getan. Laut Startup-Monitor, der am Donnerstag vom Wirtschaftsministerium und dem Bundesverband Deutsche Startups vorgestellt wurde, wurden im vergangenen Jahr 106 Neugründungen gezählt, das waren 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei sticht eine Region ganz besonders hervor: Allein 42 der Neugründungen gab es in und um die Landeshauptstadt Hannover.

Screenshot: MB.

Die Stadt könne schon als Leuchtturmprojekt gelten, hier könne man einen sehr guten Vergleich zu anderen Städten in Deutschland ziehen, sagte Startup-Verbandspräsident Christian Miele. Neben Hannover als Standort mit hoher Startup-Aktivität sieht man vor allem in den Universitätsstädten Bewegung. Am Standort Göttingen sei „mit Blick auf die Größe der Universität allerdings noch Potenzial zu heben“, hieß es gestern. Die niedersachsenweite Steigerung bei den Gründungszahlen nannte Miele ein sehr gutes Zeichen.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Wir haben eine wichtige, relevante Gründerszene in Niedersachsen entwickeln können.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann zeigte sich mit den Zahlen hochzufrieden. „Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Wir haben eine wichtige, relevante Gründerszene in Niedersachsen entwickeln können“, sagte er in der Online-Pressekonferenz. Für Althusmann ist eine lebendige Gründerszene gleich aus zwei Gründen wichtig: Zum einem ist Althusmann davon überzeugt, dass Bundesländer ohne ein lebendiges Startup-Ökosystem im Wettbewerb den Anschluss verlieren werden. „Das ist kein kurzfristiger Hype“, mahnte er und verwies daraus, dass 90 Prozent der Startups trotz Krise mehr Personal einstellen wollten. „Etwas Besseres kann uns doch gar nicht passieren“, meinte Althusmann. Zum anderen wird die Startup-Szene und ihre Kultur seiner Meinung nach die entscheidende Brücke in die Zukunft nach Corona sein. Dabei werde es maßgeblich auf die jungen und frischen Ideen der Gründer ankommen.

Standortvorteil: günstiger Büroraum

Die jungen Gründer sehen dabei am Standort Niedersachsen Vor- und Nachteile. Im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt gefällt hier besonders vielen die Verfügbarkeit von günstigem Büroraum. Auch die Nähe zu den Universitäten wird sehr positiv bewertet. Hochschulen seien „ein zentraler Baustein in der Entwicklung des Ökosystems“, heißt es im Startup-Monitor. Schwieriger als im Bundesdurchschnitt erweisen sich dagegen Kooperationsmöglichkeiten mit etablierten Unternehmen. Und ein großes Problem bleibt immer wieder der Faktor Geld.

Im Bundesdurchschnitt sehen 70 Prozent der Gründer den Zugang zu Kapital als Problem, in Niedersachsen sind es sogar 83 Prozent. Althusmann verwies auf den Wachstumsfonds, dessen Aufbau sich gerade in der heißen Phase befinde. 50 Millionen Euro stellt das Land dafür bereit. Weitere 50 Millionen aus privatem Kapital sollen hinzukommen. „Wir wollen eine Hebelwirkung entwickeln“, erklärte der Wirtschaftsminister, konnte aber noch nicht sagen, wieviel Gelder auf privater Seite bisher eingeworben werden konnten. Man sei „gut unterwegs“, er sei optimistisch – mit diesen Aussagen blieb Althusmann sicherheitshalber lieber im Ungefähren.

Wir schaffen ein großes gemeinsames Innovationspotenzial und haben die besten Chancen, immer mehr vom Startup-Wachstum hier nach Niedersachsen zu holen.

Wolf Goertz, Mitglied im niedersächsischen Startup-Beirats, hält den Wachstumsfonds für ein ganz wichtiges Mittel, um Gründer hier zu halten und wachsen zu lassen. „Wir schaffen ein großes gemeinsames Innovationspotenzial und haben die besten Chancen, immer mehr vom Startup-Wachstum hier nach Niedersachsen zu holen“, meinte Goertz. Er mahnte aber zugleich an, der Mittelstand müsse noch stärker zum Co-Investor werden. Schaut man auf die Finanzierungsquellen der Gründer, so sind die eigenen Ersparnisse immer noch die wichtigste Grundlage.

83 Prozent der Gründer in Niedersachsen sind an das eigene Sparschwein gegangen, fast jeder Vierte hat Geld von der Familie oder von Freunden erhalten. Staatliche Fördermittel hat etwa die Hälfte der jungen Unternehmer erhalten. Im Vergleich dazu ist der Anteil von Risikokapital nach wie vor gering. Nur 8,8 Prozent der niedersächsischen Gründer konnten mit sogenanntem „Venture Capital“ arbeiten. Zum Vergleich: Bundesweit liegt der Durchschnitt mit 18,6 Prozent deutlich höher. Bei wichtigen Kapitalquellen gebe es einen deutlichen Nachholbedarf, heißt es im Startup-Monitor.

Es geht um Menschen, die Zeit und Potenzial in die Hand nehmen. Ihnen müssen wir den Raum dafür ermöglichen.

Ein wichtiges Thema bleibt die Frage, wer eigentlich Startups gründet. Es handelt sich mehrheitlich nicht nur um Betriebswirte und Ingenieure, sondern vor allem auch um: Männer. Nur jedes fünfte Startup wird in Niedersachsen von einer Frau gegründet. Damit liegt die Zahl zwar höher als im Bundesdurchschnitt (15,9 Prozent), das Startup-Ökosystem bleibt aber nach wie vor  sehr männlich geprägt. Für Stephanie Birkner, Professorin für „Female Entrepreneurship“ an der Universität Oldenburg, ist ein Umdenken in der Wirtschaft notwendig. „Die Grenzen in den Köpfen müssen weg, Wirtschaft muss vielfältig gedacht werden“, sagte Birkner. Auch die Politik müsse bei der Förderung flexibler denken, es gebe nicht den typischen erfolgreichen Gründer mit der klassischen Erwerbsbiographie. „Es geht um Menschen, die Zeit und Potenzial in die Hand nehmen. Ihnen müssen wir den Raum dafür ermöglichen.“

Von Martin Brüning

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #071.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter