Das Landvolk meldet den Durchbruch im Kampf gegen den Fachkräftemangel – und das ganz ohne Deregulierung, höheren Mindestlohn oder überhaupt eine Bezahlung: Ein Winzer am Teutoburger Wald brauchte 95 Menschen, die ihm die Trauben vom Stock holen. Er versprach dafür ein Mittagessen und den ersten Federweißer des Jahres – innerhalb von 24 Stunden waren alle Plätze vergeben. Nach jahrelangem Wehklagen der Agrarlobby über fehlende Hände auf den Feldern zeigt sich nun das wahre Problem: Die Einheimischen scheuen keineswegs die körperliche Arbeit, sie muss nur dem Zeitgeist entsprechen.
Beim Spargel gilt das Bücken als elende Knochenarbeit, für die man selbst im östlichsten Osteuropa trotz steigender Löhne kaum noch Helfer findet. Dieselbe Kniebeuge drei Felder weiter und eine Saison später wird dagegen als Mitmach-Event mit Savoir-vivre zelebriert. Für Stangengemüse macht sich kein Städter krumm, ohne sofort über Ischias und schändliche Ausbeutung zu klagen. Ruft hingegen der Winzer, setzt sich derselbe Büromensch begeistert den Strohhut auf und inszeniert seinen unbezahlten Arbeitseinsatz auf Instagram als naturnahe Auszeit vom Alltag.
Dieses Erfolgsmodell könnte man vielleicht auch auf andere Problemzonen übertragen. Schließlich klingt fast jede Zumutung verlockend, wenn man sie nur ausreichend romantisiert, zum Gemeinschaftserlebnis erklärt und vorsichtshalber mit einem coolen englischen Namen versieht: Die Nachtschicht im Krankenhaus wird zum „Moonlight Care Retreat“, Speditionen vermarkten das Fernfahren als „European Roadtrip Experience“ und die Straßenmeisterei wirbt für eine „Open-Air Asphalt Workation“. Der Fachkräftemangel war womöglich nie ein Problem des Arbeitsmarktes – die Jobs wurden einfach nicht unter dem richtigen Label angepriesen und mit einem Glas Wein beworben.

Nach der Weinlese kommen wir nun zur Rundblick-Lektüre. Für unsere heutige Ausgabe brauchen Sie weder Strohhut noch Gartenschere. Wir berichten über folgende Themen:
Ich wünsche Ihnen einen entspannten Mittwoch. Sollten Sie heute noch irgendwo unbezahlt anpacken, bestehen Sie wenigstens auf Mittagessen und Federweißer.
Ihr Christian Wilhelm Link


