4. März 2026 · 
TagesKolumne

Tickende Uhren und herumliegende Zeitungen

Kulturpessimismus in Kolumnenform: Wann haben wir aufgehört, unseren Kindern beizubringen, die analoge Uhr zu lesen? Lasst uns die Zeit umdrehen und das wieder ändern!

Als kinderloser Onkel fehlt mir oft das Alltagswissen, wenn es um das Kerncurriculum an Niedersachsens Grundschulen geht. Seit einigen Monaten treibt mich aber die Frage um, wann die Kinder heutzutage eigentlich noch lernen, eine analoge Uhr zu lesen. Meine Wahrnehmung nach jüngsten Kind-Kontakten: gar nicht mehr so richtig.

Meine erste Uhr habe ich zur Einschulung geschenkt bekommen. Die Zeiger waren kleine Figuren. Flik hieß die eine, Flak die andere. Auf meinem Wecker turnten die beiden sogar in groß herum. Natürlich konnte ich die Zeiger nicht ab Klasse 1 in einen zeitlichen Zusammenhang bringen. Aber sie waren da: jeden Tag, auf dem Nachttisch und am Handgelenk.

Foto: Imgorthand via Getty Images

Nun kann man einwenden, die Uhren mit Zeigern seien Relikte einer längst vergangenen Zeit. Wozu braucht man die denn noch? Dank Smartwatch und Tablet kommt Kind ja auch ohne Zeiger noch rechtzeitig zum Unterricht. Vermutlich nimmt die Alltagsrelevanz tatsächlich fortlaufend ab. In immer weniger Haushalten dürften Uhren noch ticken oder gar schlagen.

Ein Verlust ist das in meinen Augen trotzdem. Und nicht nur, weil damit auch das Kulturgut Kuckucksuhr ein Ende finden dürfte. Die Uhrzeit anhand von zwei bis drei Zeigern, die sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit im Kreis drehen, schärft doch auch noch andere Fähigkeiten, die wir in der Welt von morgen brauchen können. Was eine Viertelstunde ist, versteht man doch viel besser, wenn man sieht, wie viel vom Uhrenkuchen noch übrigbleibt.



Mit den Uhren ist es wie mit den Zeitungen: Erst verschwinden sie aus den Wohnzimmern, und dann aus der Lebensrealität der nächsten Generation. Verloren geht dabei das Beiläufige. Weil die Uhr tickt und schlägt, hämmert sie die Zeit in unseren Kopf. Besonders laut tickt sie gerade dann, wenn die Langeweile groß ist. In jenen Momenten also, in denen der rastlose Geist nach der herumliegenden Zeitung greift und anfängt zu lesen, was einfach da geschrieben steht – und sich die Welt auf diese Weise neu erschließt…

Im Rundblick lesen Sie heute nichts darüber, wann Kinder lernen, Uhren und Zeitungen zu lesen. Aber diese lesenswerten Themen haben wir:

  • Wahlkreise: Zur Landtagswahl 2027 gibt es 90 Wahlkreise, nicht wie bisher 87. Rot-Grün setzt die Reform gegen das Nein der Opposition durch. Die Schlussdebatte verläuft emotional.


  • Verfassung: Selbstvergewisserung in stürmischen Zeiten: Das Land Niedersachsen bekennt sich zur Europäischen Union und verankert den Schutz jüdischen Lebens als Staatsziel in der Verfassung.


  • Schulgesetz: Ab jetzt berät das Parlament über die Novelle des niedersächsischen Schulgesetzes. Opposition und Verbände melden Redebedarf an.


  • Sparkassenverband: Mit einer provokanten Rechnung eröffnet der Sparkassenverband eine neue Debatte: Was bringt dem Land langfristig mehr – digitale Endgeräte oder tausende zusätzliche Wohnungen?

Drucken Sie heute doch ausnahmsweise einmal den Rundblick aus und lassen ihn irgendwo herumliegen. Vielleicht hilft es ja…

Ihr Niklas Kleinwächter

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #042.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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Tickende Uhren und herumliegende Zeitungen