15. Juni 2020
Soziales

Teure Corona-Krise: "Man kann bald den Boden des Tresors sehen"

Niedersachsen ist in Bezug auf die Krankenhausversorgung bisher gut durch die Corona-Krise gekommen – die Strategie hat allerdings viel Geld gekostet. Darauf hat Jörg Niemann vom Verband der Ersatzkassen (VDEK) am Montag in der Enquetekommission Gesundheit des Landtags aufmerksam gemacht. https://www.youtube.com/watch?v=Rj1w0zvf35k Niemann kritisierte den von der Politik angestrebten maximalen Leerstand von Krankenhäusern. Dadurch seien viele notwendige Behandlungen unterblieben. Auch die Auslastung der Corona-Kapazitäten habe unter 50 Prozent, der Risikopuffer dadurch bei über 100 Prozent gelegen. „Besser wäre eine gezielte Kapazitätssteuerung gewesen“, sagte Niemann, der auch den Leerstand in psychiatrischen Kliniken, Fachkliniken und kleinen Krankenhäusern kritisierte. Dieser sei unnötig gewesen, weil diese Häuser keinen Beitrag in der Corona-Krise hätten leisten können. Der SPD-Sozialexperte Uwe Schwarz schränkte allerdings ein, dass die Frage der Kapazitätsauslastung vor einigen Monaten anders beurteilt wurde. "Wenn die Pandemie den befürchteten Verlauf genommen hätte, dann hätten wir die Kapazitäten eben doch benötigt", mahnte Schwarz. Damals sei das alles gut und richtig gewesen, stimmte Niemann zu. In der nachträglichen Bewertung müsse man aber feststellen, dass es großteils nicht nötig gewesen sei.
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Zugleich verschärft sich der Streit um die Kosten. Gerade die gesetzlichen Krankenkassen sehen sich massiv unter Druck. Niemann warnte davor, zu viele Kosten auf die Beitragszahler abzuwälzen. Die Kassen hätten in den vergangenen Jahren Kosten für zahlreiche Forderungen und Leistungsausweitungen schultern müssen. Dadurch seien die Ausgaben zwischen 2014 und 2019 um 45 Milliarden Euro (23 Prozent) gestiegen. https://soundcloud.com/user-59368422/unterschiedliche-corona-regeln-in-landkreisen-fuehren-zum-akzeptanz-problem „Schon vor der Pandemie gab es einen hohen Beitragsdruck. Nun wird die Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds im zweiten Halbjahr aufgebraucht sein. Da kann man dann den Boden des Tresors sehen“, mahnte Niemann. Er befürchtet eine dramatische Verschärfung des Beitragsdrucks. So seien neben den zusätzlichen Kosten wegen der Corona-Krise gleichzeitig sinkende Beitragseinnahmen durch mehr Arbeitslosigkeit und die Zunahme der Kurzarbeit zu erwarten. Die gesetzlichen Kassen wehren sich zum Beispiel dagegen, dass sie und damit die Beitragszahler allein die Kosten für zusätzlichen Corona-Tests übernehmen. Nachdem Sozialministerin Carola Reimann in diesem Zusammenhang das Verhalten der privaten Krankenkassen schon als „Skandal“ bezeichnet hatte, forderte am Montag auch die AOK Niedersachsen eine andere Kostenverteilung.

Streit um die Kosten für Corona-Reihentests

Frank Preugschat, Bereichsleiter Versorgung bei der AOK Niedersachsen, hält die sogenannte „asymptomatische Reihentestung“ für sinnvoll und nachvollziehbar, also das Testen aus akutem Anlass zum Beispiel von Menschen in Pflegeheimen, ambulanten Pflegediensten und Kindergärten die keine Symptome haben. Es gehe allerdings darum, wer es bezahlt, sagte Preugschat in der Enquetekommission. https://www.youtube.com/watch?v=QZnuPmhpvm0&feature=emb_title „Das Ganze ist eine gesamtgesellschaftliche Daseinsaufhabe. Sie kann nicht nur von den Beitragszahlern der gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden“, forderte Preugschat. Wenn breit getestet werden solle, müssten das auch alle bezahlen. Bundesweit könnten Reihentestungen die gesetzlichen Kassen bis zum Jahresende schätzungsweise rund 1,5 Milliarden Euro kosten. „Das ist für die gesetzlichen Kassen ein Pfund, selbst wenn es erst einmal aus der Liquiditätsreserve kommt. Bliebe es längerfristig dabei, hätte das auch Auswirkungen auf den Beitragssatz“, warnte der AOK-Experte. Reimann hatte die privaten Kassen in diesem Zusammenhang der Reihentests als „Totalausfall“ bezeichnet. Egal, welche Corona-Maßnahmen man sich im Gesundheitswesen ansehe, gebe es immer eine Unterstützung durch die gesetzlichen Kassen, sagte die Ministerin vor gut anderthalb Wochen. „Ich sehe überhaupt keine Unterstützung durch die private Assekuranz.“ Es könne aber nicht sein, dass die Verantwortung einseitig auf der gesetzlichen Krankenversicherung bleibe.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning