TagesKolumne: Säule im System
Zwei Jahre nach dem offiziellen Ende der Corona-Pandemie arbeitet immer noch jeder vierte Deutsche zumindest teilweise im Homeoffice. „Wir sehen in den Daten keinerlei Hinweise darauf, dass das Homeoffice auf dem Rückzug ist“, erklärte Jean-Victor Alipour vom Ifo-Institut am Montag. Wenig überraschend: In der Dienstleistungsbranche liegt die Quote bei 34,3 Prozent – im Bauhauptgewerbe hingegen bei 4,6 Prozent. Und das vermutlich auch nur, weil jemand Homeoffice mit Heimwerker verwechselt hat. Denn dass fast jeder Zwanzigste seine Arbeit von der Baustelle mit nach Hause nimmt, klingt nicht gerade wahrscheinlich.
Bei der Nord/LB wiederum liegt die Homeoffice-Quote bei beachtlichen 50 Prozent. Das berichtete CEO Jörg Frischholz bei der gestrigen Bilanzpressekonferenz. Er selbst sei allerdings „ein bisschen altertümlich unterwegs“ und bevorzuge die Präsenz. Menschen und Teams müssten sich treffen, Gedanken müssten fließen, sagte Frischholz. Ich persönlich bin da ganz bei ihm – jedenfalls theoretisch. Praktisch hätte ich mich während der Pressekonferenz im Glaspalast der Nord/LB auch gerne wieder an den Laptop zurückgewünscht.
Ich hatte mir nämlich einen Sitzplatz ausgesucht, von dem aus ich zwar Jörg Frischholz bestens sehen konnte, aber Kommunikationschef Tim Rehkopf komplett hinter einer Säule verschwand. Kein Sichtkontakt – keine Chance, mich in der Fragerunde bemerkbar zu machen.

Glücklicherweise erfüllte sich das alte chinesische Journalistensprichwort – Sie kennen es bestimmt: „Wenn du nur lange genug am Rande einer Pressekonferenz sitzt, stellt irgendwann jemand die Fragen, die du auch stellen wolltest.“ Weisheit lässt sich eben überall finden – manchmal auch versteckt hinter Säulen.
Und wem das noch nicht genügt an tragenden Gedanken und verstellten Sichtachsen, der sei auf die weiteren Themen unserer heutigen Ausgabe verwiesen – alle sorgfältig ausgemeißelt, auf griechischem Fundament errichtet und garantiert tragfähig (bis zur nächsten Sitzung):
■ Schulden auf Sand gebaut? Der Streit um die Grundgesetzänderung wird zur Akropolis-Debatte der Gegenwart: Ist der Wegfall von Artikel 71 der niedersächsischen Verfassung ein verfassungspolitischer Staatsstreich – oder nur ein besonders kühner Umbau im bundesrepublikanischen Säulensystem? Die Landespolitik sucht noch den passenden Bauplan.
■ Nord/LB gießt neues Fundament: Nach Jahren der Konsolidierung erhebt sich die Landesbank aus den Trümmern der Schiffskreditkrise wie der Phönix aus der Asche. Der Vorstand will nicht mehr sanieren, sondern endlich wieder aufrichten – mit frischem Kapital, geglätteter Cost-Income-Ratio und dem Segen der Eigentümer.
■ Ahorn gegen den Sturm: Bernd Althusmann berichtet aus Ottawa, wo Kanada Haltung zeigt: gegen Trumps Zollschranken, für europäische Partnerschaft – und mit einem Hymnen-Patriotismus, der bis in die Arktis schallt. Während Europa zaudert, steht der Norden – kühl, klar und womöglich als künftiger Schutzdachträger des Westens bereit.
In diesem Sinne: Bleiben Sie sichtbar – und meiden Sie tragende Elemente,
Ihr Christian Wilhelm Link
Dieser Artikel erschien am 26.03.2025 in der Ausgabe #058.
Karrieren, Krisen & Kontroversen
Meilensteine der niedersächsischen Landespolitik
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