TagesKolumne: Protestantisches Zuckerfest
Neulich stand ich beim DM an der Kasse, als mir etwas – zumindest für mich – Neues ins Auge fiel. Ich befand mich gerade in der sogenannten Quengelzone. In jenem Bereich also, wo Kinder und Ehemänner müde und mürrisch werden und mit allerlei Leckereien vom Müsliriegel bis zum Kümmerling ruhiggestellt werden sollen.
Dort erspähte ich diesmal etwas, das wie ein Adventskalender aussah. Advent war aber gar nicht. Und für die vor-österliche Fastenzeit haben die dreisten Schokoladenfabrikanten auch noch keine Naschaktion entwickelt. Auf den Pappschachteln, die hoch gestapelt im Kassenbereich standen, befanden sich Motive einer arabischen Nacht. Es waren Ramadan-Kalender.

Seien wir ehrlich: Es sind die Süßigkeiten, die dieses Land zusammenhalten. Marzipan-Schweinchen auf Glücksklee, goldene Lindt-Osterhasen mit Glöckchen und Milka-Weihnachtsmänner definieren nicht nur unser Jahr, sondern unser Sein. Nicht ohne Grund heißt es doch: Du bist, was Du isst. Ein Ramadan-Kalender ist deshalb aus vielerlei Hinsicht ein wichtiger Beitrag zur Integration.
Über die einende Kraft der klebrigen Naschereien dachte man wohl auch beim Deutschen Evangelischen Kirchentag nach. Denn während der „Abend der Begegnung“ dem Vernehmen nach im Idealfall nicht-alkoholisch und vegan zelebriert werden soll, hat eine Handreichung der Kirchentags-Organisatoren jetzt Aufmerksamkeit erregt – und in gewissen Kreisen auch für etwas Unmut gesorgt.

Wo liegt das Problem? Es wird vorgeschlagen, beim Abendmahl doch einfach das Brot – oder noch langweiliger: die stets am Gaumen klebende Oblate – gegen sündhaft-süße Leckereien auszutauschen. Christi Leib, für Dich gezuckert. Wie weit entfernt wirken da die theologischen Grundsatzdiskussionen aus der Corona-Zeit, ob man das Abendmahl eigentlich auch in digitaler Form feiern könne…
Der Kirchentag will jedenfalls eine Antwort sein auf leere Gotteshäuser und verstaubte Traditionen. Ob die Handreichung „Feierabendmahl mit Herz und Wundertüte“ Teil dieser Antwort sein kann? Das weiß nur der liebe Gott. Der Weblink zum ursprünglich 45-Seiten-Dokument führt inzwischen ins digitale Nirvana.
Der Klick auf den Download-Button am Ende dieser Kolumne (nur für Abonnenten) führt Sie derweil nicht ins digitale Nirvana, sondern zu diesen Themen:
- Schräge Töne: Der Streit um den Präsidenten der Musikhochschule in Hannover nimmt immer kuriosere Formen an.
- Wundertüte: Kurz vorm Kirchentag entbrennt in Hannovers Gemeinden eine Debatte über das christliche Abendmahl.
- Halbzeitbilanz: Kurz bevor das Kabinett Weil III endet, blicken wir zurück auf zweieinhalb Jahre – wie schlägt sich die rot-grüne Koalition? Ein Zwischenzeugnis in elf Mini-Porträts.
Im Hinduismus, hat mir meine Kollegin Anne Beelte-Altwig nun erzählt, gehört der süße Abschluss inzwischen fest dazu. Wer den Tempel verlässt, soll etwas Süßen mitnehmen, heißt es. Ich wünsche Ihnen in jedem Fall einen süßen Start ins Wochenende!
Ihr Niklas Kleinwächter
Karrieren, Krisen & Kontroversen
Meilensteine der niedersächsischen Landespolitik
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