Wenn es glatt wird, streut man. Und was für den braven Hausbesitzer die Räumpflicht ist, ist für den ertappten Promi die Gewissensbereinigung. Wer eiskalt erwischt wird, leugnet nicht bis zum Umfallen, sondern schippt eine ordentliche Portion Reue-Splitt auf den glatten Boden der Tatsachen, bevor das eigene Image den Halt verliert. Anders als auf die streikenden Straßenmeistereien in Niedersachsen kann man sich dieser Tage auf den Winterdienst des Gewissens verlassen, der uns einen unerwarteten Wintereinbruch der Entschuldigungen einbringt.
Zum Teil steckt dahinter ein moralisches Wetterphänomen aus den USA: das Tief „Epstein“. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte in einem Interview: „Es war dumm von mir, Zeit mit ihm zu verbringen.“ Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit räumte „schlechtes Umgangsvermögen“ ein und bedauerte, „überhaupt Kontakt zu Epstein gehabt zu haben“. Ein Trick, den man in keinem Bauhof lernt: Schnell eine Handvoll Selbsterkenntnis unter die durchdrehenden Reifen werfen, damit alle moralischen Abgründe möglichst schnell im Rückspiegel verschwinden.
Ein anderer Royal, der sich unerwartet einsichtig zeigte, war der designierte RTL-Dschungelkönig Gil Ofarim. Mit einer Story über einen Hotelmitarbeiter, der ihn wegen seiner Davidstern-Kette abgewiesen haben soll, schaffte es der frühere Bravo-Love-Story-Star zu bundesweiter Bekanntheit. Leider begab er sich damit auf moralisch und rechtlich ganz dünnes Eis, denn die Geschichte war frei erfunden. Jetzt entschuldigte sich Ofarim vor laufenden Kameras dafür beim Bundesland Sachsen und der Stadt Leipzig, die darauf allerdings frostig reagierte.
In Hannover versucht EU-Parlamentarierin Katrin Langensiepen derweil mühsam, den Gehsteig vor der Parteizentrale der Grünen freizuschaufeln. Bei der Abstimmung zum Mercosur-Handelspakt war sie zwar nicht in einen Blizzard geraten, verirrte sich aber dennoch auf die Seite der AfD. „Das war ein politischer Fehler“, räumte Langensiepen im HAZ-Interview ein. Doch während sie dort noch probierte, den Vorfall als schlechte Tagesform der Grünen wegzuschippen, war Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay schon längst mit dem schweren Schneepflug durchgeprescht: „Total irre“ hatte Onay das Votum des Europaparlaments beim Neujahrsempfang der Ingenieurkammer genannt. Als Kommunalpolitiker weiß er eben, wie effizienter Winterdienst geht.

Und dann gab es noch ein Fehlereingeständnis der Kategorie ‚Vollbremsung‘ – passenderweise von Deutschlands oberstem Autofahrer. Gerhard Hillebrand hat am Montag sein Amt als ADAC-Verkehrspräsident niedergelegt, nachdem er in der ‚Neuen Osnabrücker Zeitung‘ im Dezember 2025 für teureren Sprit geworben hatte. Wie der Spurhalteassistent so versagen konnte, dass es zu dieser unheimlichen Geisterfahrt gegen die ureigenste Verbandspolitik kam, ist zwar immer noch rätselhaft. Hillebrand nahm den Fehler aber voll und ganz auf die eigene Schippe.
Allerdings greift nicht jeder zu Schaufel und Streugut. Der eine oder andere Politiker und Staatenlenker hat festgestellt, dass er selbst bei Glatteis nicht ins Schlingern kommt, solange er nur stur geradeaus fährt. Im Zweifel geht es einfach weiter auf blankem Eis – und die Physik wird zur Lüge erklärt. Wer so unterwegs ist, braucht keinen Winterdienst. Er braucht nur eine Anhängerschaft, die selbst dann noch von Ideallinie schwurbelt, wenn der Wagen schon längst auf dem Dach liegt.
Bleiben wir bei der heimischen Bodenhaftung. In der Landespolitik rutscht so leicht keiner aus – zumal dort ohnehin genug Sand im Getriebe knirscht. Unserer politischen Räumpflicht folgend berichten wir heute über folgende Themen:
Kommen Sie rutschfrei ins Wochenende!
Ihr Christian Wilhelm Link


