3. Juli 2015
Wirtschaft

Stellenboom geht an Niedersachsens Frauen weitgehend vorbei

(rb) Hannover. Die in Niedersachsen in den vergangenen Jahren um fast zwölf Prozent gestiegene Beschäftigungsrate ist an zahlreichen Frauen vorbeigegangen. Das gilt insbesondere für Arbeitnehmerinnen, die im Westen des Landes leben, aber auch für die Region Helmstedt. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), Regionalstelle Hannover. Danach hat sich die Erwerbstätigkeit von Frauen in dem Zeitraum von 2005 bis 2014 zwar ebenso verbessert wie in Gesamtdeutschland. Auch der Anteil der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in der niedersächsischen Bevölkerung wuchs von 41,5 Prozent auf 50,6 Prozent. Doch entgegen den Trends in anderen westdeutschen Bundesländern ist in Niedersachsen der Abstand zu den Männern, die 2014 zu 60,4 Prozent sozialversicherungspflichtige Jobs hatten, nicht kleiner geworden. Dafür lag die Quote der Minijobs bei den Frauen im Sommer 2014 bei 12,3 Prozent, während es bei den Männern nur 5,1 Prozent waren. Aus Sicht von Klaus Stietenroth, Chef der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesarbeitsagentur, ist das eine auffällige Entwicklung, auf die reagiert werden müsse. „Die Fachkräftepotenziale bleiben ungenutzt, gleichzeitig wächst für die Frauen das Risiko, im Alter auf Unterstützung des Staates angewiesen zu sein“, warnt Stietenroth. Besonders kritisch sieht er die überdurchschnittlich hohe Minijob-Quote von Frauen im Westen des Landes. Warum noch nicht einmal jede zweite der zumeist qualifizierten Arbeitnehmerinnen in den Regionen Emden-Leer, Nordhorn, Vechta und Osnabrück vom 26./27. Lebensjahr an, also nach der Geburt der Kinder, den Weg zurück in die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung findet, kann die IAB-Studie nicht vollends klären. Eine Ursache sind nach Erkenntnissen des Autors Uwe Harten branchenspezifische Besonderheiten: Neben dem Dienstleistungssektor haben in Niedersachsen die produktionsorientierten Branchen – Landwirtschaft, Automobilindustrie und Zulieferer, Baugewerbe, verarbeitendes Gewerbe, Logistik – für den Stellenboom gesorgt. Dies gilt besonders für den kinderreichen Westen. Das führte dazu, dass hier der Abstand zwischen Frauen und Männern bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung 2014 bei 15 Prozent lag und zugleich 15 Prozent der dort lebenden Frauen maximal 450 Euro entweder durch Putzen oder Bedienen „hinzuverdienten“. Arbeitsmarktpartner, Kommunen und Politik müssten gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen, insbesondere für familienfreundliche Arbeitszeiten und eine bedarfsorientierte Kinderbetreuung sorgen, fordert Stietenroth.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #125.
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