25. Nov. 2020
Soziales

Staatssekretär mahnt zu mehr Tempo bei der Digitalisierung

Digital-Staatssekretär Stefan Muhle hat angemahnt, das Tempo der vergangenen Monate bei der Digitalisierung beizubehalten. „Niemand nimmt Rücksicht auf uns, wenn wir uns Strategien für 2025 oder 2030 überlegen. Wir haben die Zeit nicht“, sagte Muhle beim „Digitalgipfel Gesundheit“ von niedersächsischer Ärztekammer und Hochschule Hannover, der in diesem Jahr nur online stattfand. Beispielhaft ist für den Staatsekretär die Entwicklung des Corona-Impfstoffs. Das Tempo zeige auf, wie die Dinge nun laufen müssten, gerade im Gesundheitssystem drohten ansonsten neue Mitspieler auf die Fläche zu treten, die nur auf neue Möglichkeiten warteten.
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Als Negativ-Beispiel sieht Muhle die Diskussion der Kultusministerkonferenz über ein Pflichtfach Informatik, das nun ab Mitte 2023 mit einer Stunde wöchentlich ab der zehnten Klasse eingeführt werden soll. Das reiche nicht aus. „Wir müssen uns der Herausforderung bewusst sein und mehr Tempo an den Tag legen.“ Durch die Corona-Krise gebe es inzwischen eine sehr viel höhere Sensibilität für digitale Möglichkeiten, es habe einen deutlichen Kompetenzaufbau gegeben. „Wir können digital mehr als wir noch im März konnten.“

Ende der "rosa Zettel"

Man könne es sich nicht leisten, jetzt einfach stehen zu bleiben, erklärte auch Jörg Debatin, Leiter des „Health Innovation Hubs“ der Bundesregierung. Man habe sich regulatorisch stark weiterentwickelt, jetzt müsse man am Ball bleiben. Die Digitalisierung sieht er ein Stück weit als „alternativlos“, auch wenn er die Belastung der Mediziner vor Ort und auch den Frust verstehe, wenn neue Technologien bei der Einführung nicht auf Anhieb fehlerfrei funktionierten. „Wir brauchen aber diese neuen Instrumentarien“, machte Debatin deutlich. Als Beispiel nannte er die elektronische Patientenakte, die in ersten Schritten im kommenden Jahr eingeführt werden soll, und das digitale Rezept, das ein Jahr später zu erwarten ist. Debatin sprach vom „Ende der rosa Zettel“ als Grundlage für eine ganz neue und viel bessere Medizin. Patienten bekämen dann einen QR-Code, den sie vorab an die Apotheke schicken könnten. Dadurch könne auch vorab geprüft werden, ob das entsprechende Medikament gerade verfügbar sei. Den Datenschutz sieht Debatin bei der Digitalisierung als zentrales Element, Sicherheit und Nutzen müssten miteinander verbunden werden. Für den Digitalisierungsexperten brauche es deshalb auch in der europäischen Datenstruktur eine Cloud, die ähnlich groß wie die Cloud des US-Konzerns Google sein müsse, aber den europäischen Werten entspreche.

Rechtsunsicherheit ist großes Problem

Professor Fabian Schmieder von der Hochschule Hannover mahnte in Bezug auf den Datenschutz, Rechtsunsicherheiten seien für Transformationen immer ein großes Problem. In der Datenschutzgrundverordnung heißt es, die Verantwortlichen müssten „angemessene Maßnahmen“ für den Datenschutz treffen. Gedroht wird mit Bußgeldern von bis zu zehn Millionen Euro. „Das schafft in Arztpraxen und Krankenhäusern qualifizierte Unsicherheit“, sagte Schmieder und sprach von einem erheblichen Damoklesschwert. Unklar sei, was denn nun dem Risiko angemessen sei, diese Verantwortung überantworte der Gesetzgeben den Ärzten in den Praxen und Krankenhäusern. Darin sieht der Hochschulprofessor ein ganz großes Hemmnis bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Er forderte einen behördlich anerkannten Datenschutzstandard für Arztpraxen mit konkreten Maßnahmen und Implementierungsvorschlägen. „Das wäre ein wichtiger Beitrag, um Digitalisierungshemmnisse abzubauen“, erklärte Schmieder. Trotz der voranschreitenden Digitalisierung im Gesundheitssektor wird sich nicht alles verändern. Zwar habe die Coronakrise habe  mit all ihren dramatischen Folgen zugleich einen großen Schub in der Digitalisierung gebracht, sagte Martina Wenker, Präsidentin der niedersächsischen Ärztekammer. Sie nannte als Beispiel die Videosprechstunden, die zum Beispiel viele Hausärzte monatelang angeboten hätten. Der „Goldstandard“ bleibe aber der direkte Arzt-Patienten-Kontakt, sagte Wenker. Auch Professor Josef von Helden, Präsident der Hochschule Hannover, meinte, das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient solle und könne durch die Digitalisierung nicht ersetzt werden.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #213.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter