25. Juni 2026 · 
Blick in die WirtschaftBildung

Schluss mit Generationen-Bashing: Warum die Industrie mit ihren Auszubildenden zufrieden ist

Roboter, Zuckerbären und neue Ansprüche: Auf der Ideen-Expo in Hannover zeigen Sennheiser, Edeka, Nordzucker und Salzgitter AG, wie die Ausbildung der Zukunft aussieht.

Hip-Hop oder Elektro? Die Entscheidung fällt per Mausklick. Dann steigt der Besucher auf der Ideen-Expo in Hannover in den Smart #5, drückt auf Play – und erlebt einen echten Wow-Moment: Die Musik scheint den gesamten Wagen zu erfüllen, tatsächlich aber hört sie fast nur der Fahrer. Auf der Rückbank könnte jemand ungestört Videos schauen, auf dem Beifahrersitz wäre sogar ein Telefonat problemlos möglich. Dort sitzt allerdings Jimmy Fischer und erklärt, wie das Ganze technisch funktioniert. Im Unternehmen absolviert er ein duales BWL-Studium und arbeitet normalerweise im Bereich Finanzen und Controlling. An diesem Sonnabend ist er Botschafter für die Audiotechnik aus der Wedemark. Je länger seine Ausbildung dauert, umso begeisterter ist er dabei, weil er immer mehr Einblicke auch in andere Abteilungen bekommt. „Das ist sehr cool, weil man jetzt sieht, wo die Fäden zusammenlaufen", sagt Fischer. Dass er privat Audio-Fan ist, hilft ebenfalls. „Wenn man für die Produkte brennt, macht das umso mehr Spaß.“

Mit vollem Elan dabei (von links): Hanna Schlums, Mark Stanway, Jimmy Fischer und ihr Ausbilder Christoph Knake am Stand von Sennheiser. | Foto: Link

Während die Besucher im Smart #5 mit dem Soundsystem experimentieren, spricht Ausbildungsleiter Christoph Knake über die Generation, aus der Unternehmen wie Sennheiser ihren Nachwuchs gewinnen. Mit den gängigen Klischees über die Generation Z kann der technische Ausbildungsleiter wenig anfangen. „Ich bin kein Freund vom Generationen-Bashing. Meistens sind es wir Älteren, die ein Problem haben", sagt Knake. Von mangelnder Motivation könne jedenfalls keine Rede sein. Alle 31 Auszubildenden und dual Studierenden des Unternehmens engagieren sich auf der Ideen-Expo freiwillig. „Die haben hier wirklich Spaß, das ist einfach toll zu sehen“, freut sich der Ausbilder. Das gängige Vorurteil, dass es den Jugendlichen von heute an Eigeninitiative oder Disziplin fehlt, kann er ebenfalls nicht bestätigen. „Ich kann nicht behaupten, dass das irgendwo ein Thema wäre.“ Dass die Schulabgänger von heute einige Defizite mit in den Ausbildungsbetrieb bringen, bestätigt er dagegen. „Es gibt Sachen, die auf der Strecke geblieben sind. Das sind aber die Dinge, die bei uns auch schon schwierig waren – vor allem Mathe und Naturwissenschaft.“

Die Erwartungen der jungen Generation an die Arbeitswelt hätten sich dagegen deutlich verändert. „Sie erwarten eine sehr offene Kultur und offenes Feedback, weil sie das aus ihrer Peergroup gewohnt sind“, sagt er. Viele Hemmschwellen früherer Generationen seien verschwunden. „Ich hätte damals einen Teufel getan und meinen Ausbilder gefragt: Können Sie mir mal helfen, ich habe ein Problem.“ Heute sei das anders. „Es ist da völlig normal, Probleme zu teilen.“ Gleichzeitig bringe die Generation Z neue Impulse in die Unternehmen. Besonders sichtbar werde das beim Umgang mit Künstlicher Intelligenz. „Ich habe morgens immer selber meine E-Mails gelesen, dann kam ein Auszubildender und hat gesagt: Mensch, Christoph, lass das doch Copilot machen. Dadurch habe ich viele freie Ressourcen gewonnen.“ Von den insgesamt 15 Ausbildungsberufen bei Sennheiser sind allerdings nicht alle gleichermaßen gefragt. „Elektro und IT gehen immer gut“, berichtet Knake. Schwieriger sei es bei Berufen, die mit einem veralteten Image zu kämpfen hätten. Als Beispiel nennt er den Zerspanungsmechaniker. „Der Beruf gilt als dreckig und schwierig – das ist er aber gar nicht. Das ist einfach jemand, der aufs My genau arbeiten kann.“ Insgesamt setzt Sennheiser auf eine möglichst praxisnahe Ausbildung und verfolgt das Ziel, die Nachwuchskräfte langfristig im Unternehmen zu halten. „Wir geben allen eine Perspektive, teilweise schon im ersten Ausbildungsjahr“, sagt Knake. Denn gerade in einer Branche, in der sich Technologien rasant weiterentwickeln, sei guter Nachwuchs für das Unternehmen wichtiger denn je. Wer Interesse an Technik mitbringt, sich für die Produkte begeistern kann und bereit ist, dazuzulernen, hat bei Sennheiser gute Chancen „Wir suchen keine Noten, wir suchen Persönlichkeiten. Wenn das stimmt, ist der Rest nur noch Formsache.“

„Grundsätzlich stellen wir fest, dass Bewerbende sich bewusst für Arbeitgeber entscheiden, die Perspektiven, Sicherheit und Entwicklung bieten“, sagt Jens Witteborn. | Foto: Edeka/Max Lautenschläger

Mit Gratis-Bananen lockt Edeka Minden-Hannover die Besucher an den Stand auf dem Außengelände. Bei Edeka werden allerdings nicht nur Lebensmittel-Experten ausgebildet: 1500 junge Menschen starten jedes Jahr in 24 Ausbildungsberufen, „von der Fleischerin bis zur Immobilienkauffrau, vom Großhandel bis zur Produktion“, wie Geschäftsführer Jens Witteborn erklärt. Zur Bewerberlage hält sich das Unternehmen bedeckt. Nur so viel: „Junge Menschen haben heute viele Möglichkeiten, und das spüren wir.“ Punkten könne Edeka in dieser Situation mit Sicherheit und Perspektiven. Soft Skills sind für Witteborn das A und O bei Bewerbern: „Motivation, Offenheit, Lernbereitschaft“. Sein Tipp für das Vorstellungsgespräch: „Persönlichkeit zeigen! Wir geben Bewerbern immer den Rat, über sich zu erzählen. Hobbys, Sportarten, Lieblingsfächer – mit Authentizität punktet bei uns jeder Bewerber.“ Der jungen Generation attestiert er eine „gute Basis“ für ihre Karriere im Unternehmen. „Gleichzeitig vermitteln wir im Rahmen der Ausbildung gezielt Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit und Selbstorganisation“, ergänzt er.

Wenn es einen Publikumsliebling auf der Ideen-Expo gibt, dann sind das die Stahlrosen, die die Besucher am Stand der Salzgitter AG selber herstellen können. Das Unternehmen präsentiert sich aber nicht nur als immer klimaneutraler werdender Stahlhersteller mit Mechanikern, Technikern, Ingenieuren und Materialwissenschaftlern. Auch die Tochterunternehmen suchen nach Nachwuchskräften: Der Getränkeabfüllanlagenhersteller KHS bringt Plastikflaschen in Glücksschweinchenform mit, die Salzgitter Digital Solutions bietet eine Minecraft-Simulation zum Erkunden des Stammwerks Salzgitter an, die Werksfeuerwehr der Salzgitter Flachstahl GmbH lässt virtuelle Brände löschen und bei den Verkehrsbetrieben Peine-Salzgitter darf man eine digitale Lok steuern. Konzernweit gibt es rund 1250 Auszubildende, von denen rund 300 jedes Jahr neu eingestellt werden, erklärt Konzernvorständin und Arbeitsdirektorin Birgit Dietze. „Unser Anspruch ist es, auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten nicht an Ausbildung und der Personalentwicklung zu sparen“, betont die Juristin und frühere Gewerkschaftsfunktionärin. Wobei das Unternehmen dabei auch seine eigenen Interessen im Blick hat. „Der demografische Wandel kommt immer näher. Bis 2035 werden uns etwa 30 Prozent unserer Beschäftigten aus Altersgründen verlassen“, sagt Dietze.

Salzgitter-Personalvorständin Birgit Dietze wünscht sich Azubis, die lernbereit, teamfähig und neugierig auf die Zukunft sind. | Foto: Link

Dass der Stahlriese durch sein Transformationsprojekt Salcos ein fast schon grünes Image hat, hilft bei der Nachwuchssuche. „Wir sind da ein echter Beschäftigungsmagnet. Viele junge Leute kommen zu uns, weil sie hier einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten wollen“, berichtet die Personalvorständin. Von ihrem Arbeitgeber erwarten die Nachwuchskräfte Feedback sowie Transparenz, Flexibilität und „dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet“, weiß Dietze. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit ihrer Beschäftigung stehe bei der jungen Generation weiter oben als früher, aber auch die Vereinbarkeit von Beruf und Leben sei für die Generation Z ein wichtiger Punkt.

Bei der Salzgitter-Personalchefin stößt das auf viel Verständnis. „Teilzeitbeschäftigte sind oft viel produktiver, weil sie kompakt und konzentriert arbeiten“, sagt Dietze. Dass in einigen Bereichen des Unternehmens Schichtbetrieb gilt – 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr –, ist zwar nicht für alle Bewerber attraktiv. Diejenigen, die sich für eine Ausbildung im Salzgitter-Konzern entscheiden, wissen allerdings, worauf sie sich einstellen. „Nachts zu arbeiten ist natürlich eine Belastung, das sehen wir aber auch bei den älteren Generationen.“ Der Personalvorständin wiederum kommt es bei den Nachwuchskräften auf Eigeninitiative, Organisationsfähigkeit und Lernbereitschaft an. Vor allem letztere bringt die Generation Z ihrer Erfahrung nach mit. „Die jungen Menschen kommen mit einem anderen Anspruch. Sie wollen mehr als früher wissen, wo sie aktuell stehen und wie sie sich entwickeln können“, sagt Dietze. Sie freut sich vor allem über die Digitalkompetenzen, die die Berufsanfänger von heute ins Unternehmen einbringen. Die Qualität der heutigen Schulbildung sieht Dietze zwar durchaus kritisch, die Generation Z habe aus ihrer Sicht aber keine besonders auffälligen Schwächen. „Unser Motto ist es, Stärken zu stärken“, betont Dietze.

Am Stand der Nordzucker AG hat sich eine lange Schlange gebildet. Wer schon fast vorne angelangt ist, kann sich eine Hohlform für eine Art Riesen-Gummibären schnappen. Jetzt gilt es, die Form mit Zucker zu füllen, zu stopfen und zu pressen, bis daraus ein fester Zuckerbär geworden ist. Wer hier seine Begeisterung für ein typisch niedersächsisches Produkt entdeckt, für den haben Marco Will und Timo Kock eine gute Nachricht: Einige wenige Ausbildungsplätze sind noch frei. An den fünf deutschen Produktionsstandorten der Nordzucker AG arbeiten rund einhundert Auszubildende, aktuell dreizehn Prozent davon weiblich. Jedes Jahr sind zwanzig bis dreißig Plätze neu zu besetzen. „Es kommen etwa fünf Bewerbungen auf einen Platz“, berichtet Marco Will, Head of Human Resources Germany. Nur am Standort in Sachsen-Anhalt sei es schwieriger, die Ausbildungsplätze zu besetzen.

Zwei Männer stehen vor dem Modell einer Industrieanlage. Dahinter eine Schlange von Jugendlichen.
Marco Will (l.) und Timo Kock am Stand der Nordzucker AG auf der Ideen-Expo. | Foto: Beelte-Altwig

„Unser Ziel ist, unseren eigenen Nachwuchs auszubilden“, erklärt Will. Die Maschinen in der Zuckerproduktion seien einzigartig und für Seiteneinsteiger nicht leicht zu verstehen. „Einige ehemalige Auszubildende sind inzwischen Führungskräfte bei uns“, wirbt Timo Kock, der Ausbildungsleiter für den gewerblichen Bereich an den deutschen Standorten. Auf jeden Fall gibt es nach der Ausbildung den tariflich garantierten Anschlussvertrag über bis zu sechs Monate. „Wer mit gut oder sehr gut abschließt, den übernehmen wir grundsätzlich unbefristet“, verspricht Will. Bewerber sollten Interesse an MINT-Fächern mitbringen. Allerdings ist Timo Kock nachsichtig: „Eine Vier in Mathe ist noch kein Ausschlusskriterium.“ Die Ausbilder seien angehalten, notfalls den Schulstoff mit den Jugendlichen nachzuarbeiten. Wer in einem Online-Eignungstest zeigt, dass er das Ohmsche Gesetz „schon einmal gehört hat“, kann sich auf eine Einladung zum Interview freuen. Am liebsten ist den Ausbildungsverantwortlichen, wenn sich jemand nach einem Praktikum für eine Lehre entscheidet. „Knappst euch doch mal eine Woche von den Sommerferien ab“, appelliert Kock. Denn ein freiwilliges Kurzpraktikum – am besten vor dem Abschlussjahr – signalisiere viel mehr Interesse als schulische Pflichtpraktika.

Die Auszubildenden verändern das Unternehmen, da sind sich Will und Kock einig. „Sie wollen mehr Sinnhaftigkeit“, erklärt Kock. „Das finde ich positiv.“ Will ergänzt: „,Das war schon immer so‘ funktioniert nicht mehr.“ Er findet auch gut, dass die Jugendlichen Wert auf Nachhaltigkeit legen und Ideen einbringen, wie man in einer energieintensiven Branche Strom sparen könnte. „Sie fordern uns auch heraus“, sagt er schmunzelnd. Also ist die Generation Z besser als der Ruf, der ihr in der Arbeitswelt vorauseilt? Timo Kock nickt: „Auf jeden Fall!“

Dieser Artikel erschien am 26.6.2026 in Ausgabe #118.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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