TagesKolumne: Scheitern lernen
Wenn jemand fragt, dann sage ich: „Ich habe zwei linke Hände.“ Damit erkläre ich, warum ich das Fahrrad in die Werkstatt bringe, sobald irgendetwas klappert, und beim Nachbarn klingele, wenn ein Einsatz von Bohrmaschine oder Bolzenschneider erforderlich ist. Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit. Richtig ist: Ich habe diese praktischen Heimwerker-Skills einfach nie gelernt. Wahrscheinlich bin ich davon ausgegangen, dass immer ein Mann in der Nähe sein würde, der sich die hergebrachte Rolle anziehen und mich aus der Not erretten würde. Dass nicht jeder Mann das möchte, ist mir erst später aufgegangen.

Aber nicht nur deswegen fand ich die Idee einer „Handwerkskita“ so bestechend, die neulich beim Bildungs-Summit der Unternehmerverbände vorgestellt wurde. Ich glaube, viele gestandene Branchenvertreterinnen und -vertreter waren ebenso gerührt wie ich. Im Kindergarten „Alles im Lot“ in Schwerin können sich die Kleinen in einer sechzig Quadratmeter großen Werkstatt ausprobieren. „Es sind alles Erwachsenengeräte“, erklärte die Leiterin Ina de Groot. Etwas anderes gebe es auch gar nicht auf dem Markt. Nur die Werkbänke sind auf die passende Höhe eingekürzt worden. Wenn die Vierjährigen an die Kreissäge gehen, dann immer mit 1:1-Betreuung durch eine Handwerkspädagogin oder durch einen Fachmann oder -frau aus einem örtlichen Betrieb. Es komme „viel mehr Seele ´rüber“, wenn echte Handwerker ihre Kniffe weitergeben, meint Ina de Groot.
Die Kinder restaurieren selbst Möbel für den Kindergarten und bauen sich, was sie gerne zum Spielen hätten: ein Puppenhaus in Modulbauweise, Ställe für die Tierfiguren oder ein Parkhaus für die Matchbox-Autos. Dabei, betont die Pädagogin, lernen sie auch zu scheitern. „Sie merken, dass es wieder heilt, wenn man sich einen Splitter in den Finger zieht.“ Ich glaube, das ist das Wichtigste. Denn schließlich: Was hindert mich, die Bohrmaschine oder den Schraubenschlüssel selbst in die Hand zu nehmen, wenn nicht die Angst zu scheitern?
Die Angst vorm Scheitern ist in Niedersachsen recht ungleich verteilt, wie Sie heute im Rundblick lesen:
- Ministerpräsident Stephan Weil geht ins Risiko und verteilt schon mal das Geld an die Kommunen, obwohl der Jahresüberschuss 2024 noch gar nicht feststeht.
- Die Tankstellenkette Hoyer aus Visselhövede verkauft Diesel aus Frittenfett. Ob sich der Kraftstoff auf dem Markt durchsetzt, ist noch offen.
- Angst vorm Scheitern ist der ständige Begleiter des Deutschlandtickets. Jetzt fordern Branchenexperten ein Ende des subventionierten Preises.
Ich stelle mir vor, heute wäre der erste Tag ohne Angst vorm Scheitern. Was würde ich tun? Vielleicht erstmal damit anfangen, anderen etwas zuzutrauen. So wie das Kindergarten-Team in Schwerin den Kleinen die Kreissäge anvertraut.
Kommen Sie angstfrei durch den Dienstag!
Ihre Anne Beelte-Altwig
Dieser Artikel erschien am 25.03.2025 in der Ausgabe #057.
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