Heute spulen wir zunächst ein paar Jahrzehnte zurück.
„Ich brauchte noch etwas Milch und Butter,
da traf ich im Laden Martin Luther.
Das stellte aber nichts Besonderes dar,
weil’s ja ein Reformhaus war.“
Dieses Gedicht begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich hörte es auf einer selbst aufgenommenen Kompaktkassette, auf die jemand mit Kugelschreiber einfach nur „Otto“ geschrieben hatte. Ob darauf tatsächlich Otto Waalkes zu hören war, kann ich nicht mehr mit Gewissheit sagen. Bei dermaßen alten Aufnahmen verschwimmen Autorenschaft und Wortlaut irgendwann zu einem erinnerungstechnischen Bandsalat. Sicher bin ich mir nur: Der Witz war damals schon alt. Und ich fand ihn großartig.
Heute könnte man im Reformhaus statt Martin Luther auch Friedrich Merz treffen. Das wäre ebenfalls nichts Besonderes, denn schließlich wird der Bundeskanzler von seiner Partei ganz offensiv als „Reformkanzler“ vermarktet. Auf der CDU-Internetseite befindet er sich gleich in einer ganzen Reformabteilung. Im Angebot sind Wirtschaftsreformen, ein Reformpaket und eine Reformkoalition. Dazu gibt es Rentenreform, Sozialstaatsreform und Bürokratieabbau. Letzterer steht im christdemokratischen Reformhaus vermutlich bei den frei verkäuflichen Arzneimitteln, denn egal, wie regelmäßig man ihn einnimmt – seine Wirkung ist wissenschaftlich kaum nachweisbar.
Der Reformbegriff ist in der Politik ungefähr das, was in der Lebensmittelindustrie unter „mit verbesserter Rezeptur“ läuft. Trotz des positiven Framings schaut man als mündiger Konsument gleich bei den Inhaltsstoffen nach, welche hochwertigen Zutaten diesmal wieder aus Kostengründen gestrichen wurden. Dass Friedrich Merz die Dosierung der Sozialleistungen verringern möchte, ist auch so eine Rezepturanpassung, die man den Bürgern erst einmal schmackhaft machen muss.
Am Sonnabend lädt die niedersächsische CDU deswegen in Langenhagen zur Verkostung. Im Maritim Airport Hotel will der Reformkanzler seine neue Rezeptur persönlich schmackhaft machen und zugleich seiner Partei im hiesigen Kommunalwahlkampf Auftrieb geben. Das Testpublikum dürfte der Marke grundsätzlich gewogen sein. Doch auch treue Stammkunden wollen wissen, warum sie weiterhin denselben Preis zahlen müssen, während die Portionsgröße schrumpft.
Eine Prognose wage ich schon jetzt: Von diesem Auftritt wird keine selbst bespielte Kompaktkassette zurückbleiben, auf die jemand mit Kugelschreiber „Friedrich“ geschrieben hat und über die Jahrzehnte später noch gelacht wird – zumindest nicht wegen der gelungenen Wortwitze.

Im Rundblick-Mixtape laufen heute folgende Nummern aus der niedersächsischen Otto-Show:
Falls Ihnen diese Glosse gefallen hat, müssen Sie zum Zurückspulen glücklicherweise keinen Bleistift in die Kassette stecken. Scrollen Sie einfach nach oben und lesen Sie sie noch einmal.
Mit einem fröhlichen „Holladihiti!“ verabschiedet sich für heute
Ihr Christian Wilhelm Link


