Vorigen Herbst wurde das Museum Wiesbaden von einer Welle aus Fanliebe überrollt: Taylor Swift, Superstar und selbst ernannte Englischlehrerin ihrer Fans, hatte auch noch die Vertretung im Kunstunterricht übernommen. Im Video zu dem Song „The Fate of Ophelia“ hat sie ein Gemälde nachgestellt, das bisher ein beschauliches Dasein unter der C-Prominenz der Kunstgeschichte gefristet hatte. Plötzlich stürmten Fans die Jugendstilsammlung in Wiesbaden, tanzten vor dem Gemälde von Friedrich Wilhelm Theodor Heyser und hinterließen Perlenarmbändchen, das Erkennungszeichen der Swifties.

Die Museumsleute reagierten prompt: Sie druckten die ertrinkende Ophelia auf Plakate, Taschen und T-Shirts. Sie veranstalten Taylor Swift-Führungen und feierten sogar ein eigenes Event für die Fans ab: mit einem Vortrag, einer Musik-Schnitzeljagd und Stationen zum Selfiesknipsen und Armbänderbasteln. 200 Tickets waren innerhalb eines Tages ausverkauft. Warum ich Ihnen das erzähle? Ophelia hätte auch die Marienburg sein können. Nein, nicht weil sie ähnlich dekorativ versinkt wie Hamlets unglückliche Braut. Die Gefahr durch den abrutschenden Hang ist erstmal gebannt, wie sich meine Kollegin Amelie Schmidt überzeugen konnte. Der Laubengang wird jetzt durch gigantische rote Stahlklammern abgestützt.
So wie die Wiesbadener Ophelia ist auch die Marienburg durch den Hype um die Serie „Maxton Hall“ unversehens aus der dritten Reihe ins Rampenlicht gerutscht. Ältere Niedersachsen rieben sich verwundert die Augen: Die Marienburg? Dieses lahme Ausflugsziel, dessen emotionalste Sehenswürdigkeit ein Kalenderblatt mit dem Datum war, an dem Königin Marie ihr Schloss verlassen und ins Exil aufbrechen musste? „Neuschwanstein des Nordens“, das setzen sie gerne in Gänsefüßchen, von denen die Häme heruntertropft wie die Feuchtigkeit aus dem maroden Dachgeschoss.
Leute, möchte man ihnen zurufen, seid mal still und hört zu: den Swifties oder den Maxton Hall-Fans, die extra aus Korea angereist sind, um vor Bauzäunen und „Betreten verboten“-Schildern zu stehen. Vielleicht hört ihr dieses leise Rauschen? Das muss der Zeitgeist sein. In der Marienburg ist er eingefangen in wie in einer Zeitkapsel. Es ist, als könnte man in einen Kopf aus dem 19. Jahrhundert schauen, sein Weltbild, seine Träume. So wie Maxton Hall und The Fate of Ophelia irgendwann etwas über uns erzählen werden. Die Fans können sagen, sie waren Teil davon. Wenn die Marienburg am Pfingstwochenende für Besucher öffnet: Können sie dann etwas mitnehmen, was sie verbindet mit diesem Ort und den Menschen, die ihn geschaffen haben? Das Wiesbadener Museumsteam hatte genau so etwas vorbereitet. Mal sehen, was die Stiftung Schloss Marienburg daraus macht.
Wir machen erstmal etwas aus dieser Ausgabe:
Ich wünsche Ihnen einen rutschfesten Dienstag!
Ihre Anne Beelte-Altwig


