Wer in Niedersachsen nach einer schwierigen Phase wieder auf eigenen Beinen steht, sollte sich besser von Christian Meyer fernhalten. Es besteht akute Auswilderungsgefahr. Kürzlich erst entließ der Umweltminister eine Luchsin im Osterwald in die Freiheit, am heutigen Montag will er den nächsten Luchs im Harz und am Donnerstag auf der Insel Juist mehrere gerettete Heuler freilassen. Bereits im Mai hatte Meyer dort Kegelrobben ausgewildert. Niedersachsens Wildtierwaisen haben inzwischen eine eigene Zeitrechnung: vor Christian und nach Christian.
Für den klassischen Ministertermin braucht es ein rotes Band, einen Spaten oder einen überdimensionierten symbolischen Scheck. Meyers liebste Requisiten sind dagegen die Transportbox und der Eimer. Wenn ein halbwegs fotogenes Tier bereit für die Rückkehr in die Wildnis ist, greift offenbar ein Auswilderungserlass aus dem Umweltministerium. Demnach haben sämtliche Wildtier- und Artenschutzstationen zwischen Harz und Küste die Auswilderungsreife unverzüglich der Hausspitze anzuzeigen. Von einer eigenmächtigen Öffnung der Transportbox ist bis zur Prüfung des ministeriellen Terminkalenders abzusehen. Den Vollzug übernimmt Meyer persönlich.
Das Unboxing ist für Meyer kein Hype, dem er hinterherjagt, sondern ein politisches Lebenswerk. Auf den Geschmack kam er möglicherweise, als er als Landwirtschaftsminister 2016 der Auswilderung von 30 Moorenten am Steinhuder Meer beiwohnte. Kaum war er 2022 als Umweltminister ins Kabinett zurückgekehrt, gab es kein Halten mehr: Allein im Sommer 2023 entließ Meyer mehr als 1000 Rotbauchunken, eine Luchsin und rund 40 Sumpfschildkröten in die Freiheit. Ein Jahr später folgten Dutzende Geburtshelferkröten. Und das sind wohlgemerkt nur die Fälle, von denen die Öffentlichkeit weiß. Wie viele Transportboxen Meyer abseits laufender Kameras geöffnet hat, bleibt Verschlusssache.

Selbst die Fische hat der Minister nicht vergessen: Für Aale, die von der Weser an die Nordseeküste gebracht und dort ausgesetzt werden, stellte das Land 150.000 Euro für ein eigenes Taxi bereit (wir berichteten). Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische – vor Meyers Freiheitsdrang ist keine Wirbeltierklasse sicher.
Irgendwann wird es in Niedersachsen kein Tier mehr geben, das Christian Meyer noch in die Freiheit entlassen könnte. Dann bleibt nur der letzte Schritt: Der Umweltminister wird selbst ausgewildert. Ohne Dienstwagen, WLAN-Hotspot und Social-Media-Team setzt ihn dann der Ministerpräsident in einem geeigneten Habitat im Solling aus. Doch keine Sorge: Meyers Überlebenschancen werden von Fachleuten als hervorragend bewertet. Der Umweltminister gilt als extrem anpassungsfähig und besitzt die seltene Gabe, selbst im dichtesten Unterholz noch auf mehrere Kilometer Entfernung das Rotlicht einer Fernsehkamera zielsicher anzusteuern.

Damit entlassen wir nun auch diese TagesKolumne in die Freiheit. Ob sie sich in freier Wildbahn behaupten kann, muss sich zeigen. Wir bleiben noch ein wenig in Niedersachsen und schauen, was dort sonst so kreucht und fleucht. Heute geht es um folgende Themen:
Einen wilden Start in die Woche und ganz viel Freiheit wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link


