29. Juli 2021 · 
Kommentar

Pro & Contra: Können wir in einer modernen Welt auf Bargeld verzichten?

Immer wieder flammt die Debatte auf – in diesen Tagen vor allem im Zusammenhang mit den Digitalwährungen wie „Bitcom“: Brauchen wir in einer erneuerten Welt, die nach dem Ende der Corona-Krise auf uns alle wartet, überhaupt noch das gute alte Bargeld? Ist es nicht viel sinnvoller, dass die Menschen nur noch mit ihrer EC- oder Kreditkarte (oder dem Handy) bezahlen, auch kleine Beträge? Wäre das nicht auch ein guter Schritt gegen den Schwarzmarkt? Die Rundblick-Redaktion streitet über den Sinn des Bargelds in einem Pro und Contra.

Foto: Christian Horz / Getty Images

PRO: Wir halten unter Verweis auf den Datenschutz am Bargeld fest und kaufen danach doch mit der Kreditkarte bei Amazon. Dabei würde der Verzicht auf Scheine und Münzen unser Leben nicht nur viel einfacher, sondern auch sicherer machen, meint Martin Brüning.

     Der Wunsch, das Bargeld abzuschaffen, kann je nach Lebenssituation variieren. Während man auf dem heimischen Sofa möglicherweise mit dem Argument des Datenschutzes einer Abschaffung des Bargelds mit leichter Skepsis gegenübersteht, sieht das in Schlange an der Supermarktkasse häufig schon anders aus. „Warten Sie, ich habe es passend“ ist an dieser Stelle vermutlich einer der meistgefürchteten Sätze, und auf diesen Satz folgt immer ein zeitintensives Kramen im Portemonnaies desjenigen, der gerne „passend“ bezahlen möchte. Dabei ist doch im dritten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts völlig klar: Passender und schneller als mit der Karte, dem Handy oder der Smartwatch kann man gar nicht bezahlen. Während viele sich bei einer Reise nach Schweden inzwischen freuen, dass man keine Verluste in der Wechselstube mehr hinnehmen muss, weil dort viele Geschäfte inzwischen gar kein Bargeld mehr annehmen und auch Geldautomaten in dem Land immer seltener zu finden sind, können sich dieselben Menschen einen Verzicht auf Bargeld in Deutschland nur schlecht vorstellen. Hierzulande zahlt die breite Mehrheit im Geschäft immer noch gerne mit Münzen und Scheinen, was dazu führt, dass ein Fünftel des gesamten Bargelds in Deutschland in Umlauf ist. Deutschland redet gerne über Digitalisierung, bleibt aber in der Realität gerne auf ausgetretenen Pfaden unterwegs. In vielen Behörden ist allein schon die Möglichkeit, inzwischen mit einer Bankkarte zu bezahlen, geradezu revolutionär.

    Dabei sind viele Argumente gegen die Abschaffung des Bargelds an den Haaren herbeigezogen. Wer mit dem Datenschutz für eine Beibehaltung des Bargelds argumentiert, sollte generell einmal sein Kauf- und Bezahlverhalten überprüfen. Dabei wird man feststellen, dass wir nur einen Teil unseres Geldes bar in Geschäften ausgeben. Während man an der Supermarktkasse lieber bar bezahlen möchte, ist der Datenschutz eine halbe Stunde später beim „One-Klick-Kauf“ auf Amazon schon wieder vergessen. Wer sich seinen Kontoauszug genauer ansieht, wird feststellen, dass der Großteil der Ausgaben ohne Bargeld abläuft. Der sogenannte gläserne Kunde ist schon längst Realität. Das wurde auch einst anhand der Debatte um das sogenannte Payment Blocking, dem umstrittenen Blocken des Zahlungsverkehrs zwischen Spieler und Graumarkt-Glückspielanbietern, deutlich. Wenn der niedersächsische Innenminister Finanzdienstleiter anweisen kann, bestimmte Zahlungen von Kunden zu unterbinden, bedeutet das ja nichts anders, als dass sich Finanzdienstleiter die Zahlungsströme ihrer Kunden sehr genau anschauen müssen, um dann in solchen Fällen aktiv einzuschreiten. Datenschutzexperten sehen das Verfahren daher skeptisch. Trotz dieser Problematik würde wohl niemand auf die Idee kommen, den Spieleinsatz in bar an den Online-Glücksspielanbieter auf Malta zu schicken.

    Ein weiteres, gerade in einem Land mit unserem demografischen Wandel, gern gehörtes Gegenargument ist der Verweis auf ältere Menschen, die Probleme mit der Technik haben könnten. An der Stelle muss man immer noch einmal nachfragen, ob das dieselben Menschen sind, die mit Verve Internetpetitionen gegen ungeliebte Veränderungen starten, Autos mit riesigen Bildschirmen mit Touch-Funktion in der Mittelkonsole fahren und in Chatdiensten Fotos der Enkel hin- und herschicken. Und ob es eigentlich die bessere Alternative ist, wenn Rentner auf dem Land immer weiter fahren müssen, bis sie endlich bei einer der verbliebenen Bankfilialen Geld am Automaten abheben können. Auch und gerade für die ältere Zielgruppe wäre der Verzicht auf Bargeld einfacher und sicherer. Gerade im Haus am Waldrand ist das Geld auf dem Internetkonto immer noch sicherer aufgehoben als unter dem Kopfkissen.

Unsere Liebe zum Bargeld ist ein teures Vergnügen: Allein die Logistik, all die Scheine auf Geldautomaten im Land zu verteilen, verschlingt Milliarden.

    Die Debatte ums Bargeld ist eine der typisch deutschen Debatten, in denen Wunsch und Wirklichkeit nicht so recht zusammenpassen wollen. Wir sind für Klimaschutz, steigen aber doch gerne in den Flieger. Wir wollen in Kliniken eine Top-Gesundheitsversorgung, aber bitte im kleinen Ortskrankenhaus um die Ecke, wir wären gerne modern und digital, sind aber nach wie vor bei Internetausbau und digitalen Angeboten ein Entwicklungsland. Und wir hängen am Bargeld und sind für Datenschutz, zahlen aber bei US-Konzernen bedenkenlos ständig mit der Karte und wundern uns dann darüber, dass wir in sozialen Medien Werbeangebote bekommen, die ganz zufällig zu einem unserer letzten Käufe passen. Unsere Liebe zum Bargeld ist übrigens ein teures Vergnügen: Allein die Logistik, all die Scheine auf Geldautomaten im Land zu verteilen, verschlingt Milliarden. Wer das zahlt? Natürlich am Ende die Bankkunden.

    Und dann sind da noch die Apologeten der Freiheit, die immer wieder gerne Dostojewski zitieren. „Geld ist geprägte Freiheit“, hat der russische Schriftsteller gesagt, dies allerdings in einem Jahrhundert, in dem man weder mit Karte noch mit Smartphone zahlen konnte. Heute würde Dostojewski das Partizip „geprägt“ vermutlich einfach weglassen. Viele Freiheiten ergeben sich eben alleine aus der Tatsache, dass man genügend Geld auf dem Konto hat. Dieses Geld erst nicht bei der Bank abheben zu müssen, um es auszugeben, ist nun wahrlich kein Verlust an Freiheit.


CONTRA: Eine übertriebene Verteidigung des Bargeldes als letzter Hort der „alten Welt“ wäre völlig fehl am Platze. Wir müssen aufgeschlossen sein für Neuigkeiten. Und dennoch wäre ein vorschneller Abschied von dem bewährten Zahlungsmittel der verkehrte Weg, denn es lauern Gefahren, meint Klaus Wallbaum.

    Der durchschnittliche Deutsche, hat ein Mann aus der Bankenwelt vor geraumer Zeit berichtet, habe immer etwa 70 Euro im Portemonnaie. Das gebe ihm eine seltsame Gewissheit, wenn er aus dem Haus geht und nicht weiß, wozu er notfalls etwas bezahlen muss - auch wenn er seine EC-Karte und daneben noch seine Kreditkarte bei sich trägt. Es kommt offenbar auf dieses diffuses „Sicherheitsgefühl“ an: Im Notfall bin ich flüssig. Sind es solche überkommenen Haltungen, die unser Verhalten bestimmen – und sind sie im Zweifel wichtiger als der technische Fortschritt mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten? Als der Homo Sapiens noch als Jäger unterwegs war, ging er nicht los ohne seinen Speer oder seine Axt. Heute ist die Geldbörse wichtig, denn man weiß ja nie, was einem unterwegs begegnet. Die Befürworter der Abschaffung von Bargeld mögen einwenden, dass anstelle von Scheinen und Münzen ja auch die EC-Karte reicht. Oder das Handy, das irgendwann auch diese Kartenfunktion beinhaltet. Wäre das der richtige Weg?

    Im Grunde lässt sich der technische Fortschritt nicht aufhalten, bei der Ablösung der gewohnten Kulturtechniken dauert sein Erfolg vermutlich etwas länger, abzuwenden ist er wohl nicht. Trotzdem sollten wir einen Moment lang die Gründe erwähnen, die für ein Festhalten am gewohnten Bargeld sprechen:

Bargeld erzieht zum Maßhalten: Wenn ich mehr ausgeben will, als ich ursprünglich wollte, wirkt mein verfügbarer Bargeldbestand wie eine Bremse: Ich muss erst den Umweg zur Bank nehmen und am Automaten Geld abheben – Zeit genug, zu überlegen, ob die Ausgabe wirklich sein muss. Wenn ich die EC- oder Kreditkarte nehme, habe ich das Problem des begrenzten Budgets nicht, und mir fehlt auch der aktuelle Überblick darüber, ob ich in die roten Zahlen rutsche.

Bargeld ermöglicht die kleine, gute Tat: Wenn früher die Oma zu Besuch kam, hat sie jedem Enkel einen Taler (ein Fünfmarkstück) in die Hand gedrückt, zu besonderen Anlässen gern auch mal einen Zehnmarkschein. Wenn ein Obdachloser in der Fußgängerzone seinen Hut vor sich aufstellt, sind manche gern versucht, ein paar Münzen oder einen Fünf-Euro-Schein hineinzuwerfen. Wie soll das ohne Bargeld noch gehen? Natürlich kann die Oma dem Enkel per Handy das Geld auch aufs Konto überweisen. Bei dem Obdachlosen wird das schon schwieriger. Überhaupt: Ein Geldgeschenk verliert als Überweisung seine Gegenständlichkeit. Natürlich war der Taler früher nicht wirklich attraktiv, er diente ja auch nur dem Zweck, ihn in einen Kauf umzusetzen. Doch er hatte diese eigenartige, für jedes Sachgeschenk nötige Körperlichkeit. Welchen Wert hat Geld, wenn es nicht mehr angefasst, gerochen oder in der Brieftasche getragen werden kann? Vermutlich einen geringeren.

Bargeld ist „gelebter Datenschutz“: In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde vor ein paar Jahren das Bargeld mit dem Begriff „gelebter Datenschutz“ bezeichnet. Der Zusammenhang ist dieser: Wenn man Bargeld verbieten würde, wäre jeder EU-Bürger gezwungen, ein Konto zu eröffnen. Die Daten müssten gespeichert werden, einschließlich des jeweils aktuellen Kontostandes. Das ist heute schon so, aber das Bargeld als zweite Möglichkeit einer (unkontrollierten) Anhäufung von Vermögen ermöglicht es den Menschen, sich der Kontrolle seiner Bank (oder irgendwann des Staates) wenigstens teilweise zu entziehen. Sicher: Das ist nicht nur positiv. Wenn es etwa um Drogenhandel geht, um Prostitution oder Schwarzarbeit, ist Bargeld die bevorzugte Währung. Trotz restriktiver Vorschriften im Geldwäschegesetz, die eine Beschlagnahme von größeren Mengen Bargeld unbekannter Herkunft unter bestimmten Umständen gestatten, blüht die Kriminalität vor allem dank des Bargeldes. Nur: Darf diese Fehlentwicklung der entscheidende Grund sein, sich ganz vom Bargeld abzuwenden? Als Alternative käme ja in Betracht, die Geldwäsche-Vorschriften für die Beschlagnahme noch zu verschärfen und damit effektiver gegen die Organisierte Kriminalität vorzugehen. Denn es hat durchaus auch seine Berechtigung, was der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger 2017 gesagt hat: „Wer das Bargeld abschafft, schafft die Freiheit ab.“

Bargeld schützt vor der Allmacht der Banken: Gibt es kein Bargeld mehr, so könnten die Banken hemmungsloser dabei sein, für Spareinlagen auch Negativ-Zinsen zu verlangen.  Bisher hat der Kunde die Chance, sein Geld als Bargeld in den Sparstrumpf zu stecken und unter der Matratze zu verstecken. Fehlt ihm diese Alternative, ist er den Banken ausgeliefert.

Wenn ich mehr ausgeben will, als ich ursprünglich wollte, wirkt mein verfügbarer Bargeldbestand wie eine Bremse.

    Verschwörungstheoretiker würden noch einen Schritt weiter gehen: Ohne Bargeld kann die Europäische Zentralbank zur Belebung der Wirtschaft den Zinssatz noch weiter absenken. Das würden viele Banken nicht überleben, am Ende hätten wir nur noch wenige Großbanken – im Grunde könnte die EZB gleich die Aufgabe der Geschäftsbanken mit übernehmen. Damit hätte dann die EZB die Chance, einen Überblick über die Vermögensverhältnisse aller Bürger zu haben. Vom Überwachungsstaat, wie er in China entsteht, unterschieden sich die Zustände in der EU nur dadurch, dass hier demokratische Verhältnisse herrschen. Noch. Wie gesagt: Das würden Verschwörungstheoretiker sagen, die geneigt sind, die Wirklichkeit in den düstersten Farben zu malen. Sie zeigen allerdings, welche Ängste und Sorgen mit der Abschaffung des Bargeldes verbunden sein können.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #144.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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