16. Jan. 2017
Kommentar

Pro & Contra: Brauchen wir mehr Hochhäuser?

„Wachsende Städte – Urbanität durch neue Dichte?“ Darüber diskutieren in zwei Tagen Experten bei der Veranstaltung Architektur im Dialog“ im Alten Rathaus in Hannover. Wir fragen: Wie dicht darf es denn werden? Sollte stärker in die Höhe gebaut werden? Ein Pro und Contra von Martin Brüning und Klaus Wallbaum.  [caption id="attachment_14874" align="aligncenter" width="780"]Pro & Contra: Martin Brüning (li.) und Klaus Wallbaum Pro & Contra: Martin Brüning (li.) und Klaus Wallbaum[/caption] PRO: Die Gesellschaft, auch die städtische, altert und hat den Mut verloren. Dabei bräuchten wir für eine Verdichtung unkonventionelle und nonkonforme Ideen, meint Martin Brüning. Der Bauwagen von Peter Lustig dürfte für nicht wenige meiner Generation die perfekte Wohnsituation darstellen. Er ist nachhaltig, weil der vormalige Bauwagen als Wohnung weitergenutzt wird. Er ist gemütlich und individuell. Und er ist dank eines großen Gartens naturnah und dennoch mitten in der Stadt, im fiktiven Ort Bärstadt – in Wirklichkeit in Berlin. Die wirkliche Wohnsituation der meisten von uns dürfte mit der in Peter Lustigs Bauwagen wenig gemein haben. Weil wir aber immer noch den blauen Bauwagen im Kopf haben, sind viele von uns neuen Ideen wenig zugänglich. Am liebsten würden wir zurück zur Natur, aber bitte mit allen Vorteilen, die uns die modernen Gebäude zu bieten haben. https://www.instagram.com/p/85wNx1L-pl/?taken-by=nycgov Die Städte stehen vor großen Herausforderungen. Die bereits seit ein paar Jahren zu beobachtende Landflucht und die große Zahl der Zuwanderer, die ebenfalls in die Städte drängen, machen es nötig, in den Städten mehr Wohnraum zu schaffen. Das wird zunehmend schwierig mit einer Bevölkerung, die jedes zusätzliche Geschoss über einem drei- bis vierstöckigen Gebäude als Zumutung empfindet und selbst die hässlichsten freien Plätze verteidigt, als ob freie Fläche per se ein Gewinn für eine Stadt wäre. In Hannover ist das gut zu beobachten. Hier wird eine lebhafte Debatte über den Steintorplatz mitten in Innenstadt geführt, dessen Bebauung von vielen als Zumutung gesehen wird – ein windiger Platz, auf dem ein jeder wie bestellt und nicht abgeholt steht und sogar die Rufe laute Marktschreier verloren verhallen. Auch die Debatte um den Landtagsneubau vor einigen Jahren war symptomatisch, bei der sich, begleitet von der lokalen Presse, die Bewahrer aus den Besserverdiener-Bezirken erfolgreich gegen den Abriss eines Gebäudes durchsetzten, hinter dessen fader Fassade vermutlich kaum jemand der Befürworter wohnen oder arbeiten wollte. Wenn Bekleidungsketten in der City in architektonisch ansprechenderen Gebäuden residieren als das Parlament, kann etwas nicht ganz richtig sein. Die Gesellschaft, auch die städtische, altert und hat den Mut verloren. Wir wollen nicht höher, nicht schneller und nicht weiter. Und Kurt Schwitters legendärer Satz wäre heute vermutlich nicht mehr ohne Bindestrich und Fortsetzung denkbar: „Vorwärts nach weit – aber bitte nicht zu weit.“ Dabei wäre ein schneller und höher dringend erforderlich. Lähmend lange Prozesse und provinzielle Proteste der Bedenkenträger lassen kaum Platz für Fortschritt und neue Ideen. Wir reisen gerne in Städte mit beeindruckender Architektur und verrenken uns in US-Metropolen staunend die Hälse – aber bei uns soll doch bitte alles so bleiben, wie es ist. Neue Ideen schauen wir uns lieber nur in der Wohnen-Beilage der Zeitung an. Dabei kann eine Verdichtung in den Innenstädten und auch der Bau von architektonisch anspruchsvollen hohen Gebäuden durchaus seinen Reiz haben und zugleich die Wohnungssituation in den Städten massiv entspannen. Hochhäuser haben durch Bausünden der 60er und 70er Jahre sowie den Plattenbauten in der DDR zu Unrecht einen schlechten Ruf bekommen. Wer im Hochhaus wohnt, war vom Weitblick und der Qualität oft angetan – die Einbettung des Hochhauses in das lokale Umfeld ließe sich heute bestimmt wesentlich besser lösen als vor 30 Jahren. Und die grünen Lösungen für Balkone und Dachterrassen könnten einmal über Einzelbeispiele in Architekturmagazin hinauskommen. Zudem ist das Bauen in die Höhe ökologisch wesentlich sinnvoller als neue Gebiete an den Stadträndern zu erschließen. Denn dadurch wird noch mehr Boden versiegelt und die Kosten für die nötige Infrastruktur sind kaum noch zu schultern. [caption id="attachment_15190" align="aligncenter" width="780"]Inzwischen schon seit Jahren ohne Hochstraße: Der Aegidientorplatz - Foto: KW Inzwischen schon seit Jahren ohne Hochstraße: Der Aegidientorplatz - Foto: KW[/caption] Am Aegidientorplatz mitten in Hannover gab es von 1968 bis 1998 eine provisorische Hochstraße. Zuerst wollte sie kaum jemand, und als sie abgerissen wurde, wollten sie viele behalten. In zwanzig Jahren werden unsere Kinder so etwas gar nicht mehr kennen – weil die Besitzstandswahrer erst gar nicht zugelassen haben, dass etwas unkonventionelles und nonkonformes gebaut wird. Die wachsende Stadt mit mutlosen Bewohnern - wollen wir das wirklich? Mail an den Autor dieses Kommentars   CONTRA: Zu eng, zu dicht, zu hoch und zu hektisch: Die Großstädte werden größer, aber die Bebauung muss Grenzen haben, meint Klaus Wallbaum: Wenn die Anzeichen nicht trügen, wird der Trend zu den größeren Städten noch stärker. Hier konzentrieren sich die größeren Unternehmen, hier sind die Verwaltungen angesiedelt, hier gibt es die Universitäten. Junge Menschen zieht es hierher, und zunehmend die älteren auch. Kurze Wege zu Ärzten, Supermärkten, Kultureinrichtungen sind ein wesentlicher Standortvorteil. Während das flache Land zu veröden droht und viele mittelgroße Städte unter Abwanderung leiden, werden die Metropolen immer größer. Zwei Fragen stellen sich. Erstens: Ist das Wachstum der großen Städte zu Lasten der ländlichen Gegenden ein Naturgesetz, das wir hinnehmen müssen? Zweitens: Muss die Verdichtung in den Großstädten zunehmen – oder sollte es Regeln und Grenzen geben, damit es hierzulande keine „Amerikanisierung“ im Städtebau gibt? Nicht ohne gute Gründe gibt es das Instrument der Landesplanung, das bisher allerdings von allen Landesregierungen nur sehr zurückhaltend und zögerlich eingesetzt worden ist. Künftig wird es stärker darum gehen, planvoll und langfristig zu steuern. Es muss Anreize geben, damit Mittelzentren auf dem Land weiterhin gefragt sind. Sie müssen gut erreichbar sein über moderne, ausgebaute Verkehrswege, sie müssen eine gute Infrastruktur haben – und sie müssen im Wettbewerb mit den Großstädten mithalten können. Womöglich wird es nötig, kleine Dörfer in ihrer Umgebung aufzugeben und die Menschen von dort in diesen mittleren Städten anzusiedeln. Auch das bedarf einer steuernden, ordnenden Hand von Landesbehörden. Diese Schritte sind erforderlich, damit der Wachstumsdruck auf die Großstädte abgefedert wird. Was aber geschieht, wenn die Großstädte trotzdem ihre fast schon magnetische Wirkung behalten, wenn immer mehr Leute in Hannover, Braunschweig, Oldenburg oder Osnabrück leben wollen, wenn dort die die Wohnungsnot wächst und die Nachfrage immer größer wird? Man könnte die Wohnhäuser größer bauen, so wie die Wolkenkratzer, die den US-Großstädten das Gesicht geben. Wer einmal in New York war, wird den Reiz, der von diesen Giganten ausgeht, nie vergessen. New York ist hektisch, laut und voller Gedränge – und es ist doch irgendwie schön und charakteristisch. Aber mitten in Manhattan gibt es auch den Central Park, eine riesige Grünfläche, eingerahmt von den Hochhäusern. Und es gibt, jenseits der Touristenattraktionen, die Slums, die Gegenden, in denen niemand sich freiwillig aufhält, weil er sonst um sein Hab und Gut und auch um sein Leben fürchten müsste. Viele New-York-Besucher kommen dort nie vorbei. https://www.instagram.com/p/BPM0tKnFGtM/?taken-by=stadtosnabrueck

Die Stadtväter und -mütter in Großstädten wie Hannover sind heute angesichts der aktuellen Nachfrage schnell bereit, immer mehr Freiflächen mit Wohngebäuden zu bestücken. Die Landeshauptstadt ist ein Beispiel dafür. Liegt dem dann immer eine vorausschauende, weitblickende Stadtplanung zugrunde? Vor der Kommunalwahl ging es darum, ob der Steintorplatz auch noch mit Gebäuden bestückt werden soll. Der umstrittene Plan war ein Aufreger-Thema, nach der Wahl wurden die Pläne wieder kassiert. Hatten manche Hannoveraner auch das Gefühl, die Stadtoberen würden in ihrer Bereitschaft zu Neubauten die Maßstäbe aus dem Blick verlieren – und hemmungslos jede Freifläche opfern? Je größer die Stadt, je mehr die Stadt wächst, desto wichtiger sind auch Freiräume, Ruhezonen und Bereiche, in denen die Hektik nicht herrscht, in der man eine Auszeit nehmen kann. Auch Hannover braucht seinen Central-Park, wenigstens aber eine freie Fläche, die mit mindestens so viel Herzblut, Engagement und Leidenschaft beplant wird wie ein neuer Wohnblock. Denn eines ist auch klar: Nur alles unbebaut in dem Zustand lassen, wie er ist – das wäre keine qualifizierte Stadtplanung.

Lesen Sie auch:   Wenn es in Hannover künftig auch genug schöne Grünflächen neben den Wohnhäusern gibt, kann die Stadt dann auch Hochhäuser vertragen, Wolkenkratzer also, wie wir sie in Deutschland schon in Frankfurt am Main sehen? Wohl eher nicht, denn es muss immer auch darum gehen, den Charakter einer Stadt zu wahren. Dresden beispielsweise hat den Canaletto-Blick, die historische Ansicht von der anderen Elbseite zur Frauenkirche, zur Hofkirche, zum Schloss und zur Oper. Der Anspruch, diesen Blick zu erhalten, schützt vor den schlimmsten Bausünden. An anderen Orten, wo nicht so viele historische Ansichten überliefert sind, ist die Gefahr eines zu unbegrenzten Stadtwachstums viel größer. Dort muss man umso mehr aufpassen. Man sollte es tun. Mail an den Autor dieses Kommentars    
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #9.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning