10. Jan. 2017
Wirtschaft

Populisten? Es gab sie schon vor 100 Jahren

Seit wenigen Tagen scheiben wir das Jahr 2017 – und der Blick 100 Jahre zurück reicht in das letzte Jahr des Ersten Weltkriegs, in die sozialistische Oktoberrevolution in Russland und zum Ende des Kaiserreichs mit der dann ein Jahr später folgenden Revolution am 9. November 1918. Damals wurde die deutsche Republik ausgerufen, eine völlig neue Zeit brach an. Aber wie war das damals überhaupt, was ist geschehen und wie haben es die Menschen erlebt? Seit Jahren schon wirkt in Hannover ein einzigartiges Historiker-Projekt, organisiert vom DGB Niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt, unterstützt vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden, vom Arbeitgeberverband und vor allem von der AOK Niedersachsen. Jetzt hat diese Gruppe ihr drittes Buch herausgegeben mit dem Titel „Oktober 1918 bis Februar 1919: Europa, Menschen, Toleranz“ (ISBN 978-3-932082-51-1). Es ist wohl eines der ersten historischen Publikationen zum Gedenken an das Jahr 1918 – und dieses 220 Seiten dicke Buch sticht in seiner Einzigartigkeit hervor. Die Autoren versuchen nicht, mit einer tiefgreifenden, wissenschaftlichen, quellenkritischen Analyse die damaligen Verhältnisse zu ergründen. Vielmehr treten ganz unterschiedliche Verfasser auf, die sich vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen und Einschätzungen mit den geschichtlichen Verläufen beschäftigen – und Wertungen vornehmen. Sie tun das nicht – wie manche Professoren – in einem Elfenbeinturm der Hochschule, sondern aus ihrer jeweils eigenen Sichtweise heraus. Die Bandbreite ist groß. Der prominenteste Mitautor ist General Carsten Jacobson, stellvertretender Heeresinspekteur der Bundeswehr. Er ist Befehlshaber für Auslandseinsätze der Bundeswehr, hält sich oft bei der Truppe auf, so auch in Afghanistan. Er hat dort erlebt, wie der Krieg die Menschen zermürbt hat und Menschlichkeit auf der Strecke geblieben ist. Daran musste Jacobson wohl denken, als er sich damit beschäftigte, wie die Kriegsteilnehmer 1918 von der Front wieder in die Heimat gekommen waren, verroht und aggressiv. „Es war die Stoßtruppmentalität, die nun in Deutschlands Straßen zurückkehrte“, schreibt Jacobson. Ein früherer Diplomat und späterer Hochschullehrer in der DDR, Heinz Deutschland, porträtiert Käthe und Hermann Duncker, zwei führende Mitglieder der sozialistischen Arbeiterbewegung. Gleich in mehreren Beiträgen des Buches geht es um die Grundsatzfrage, die im Herbst 1918 anstand und bis heute prägend ist für das Land – soll es eine parlamentarische Demokratie geben, die aus freien Wahlen hervorgeht, oder eine sozialistische Räterepublik, in der Gruppen von Arbeitern und Soldaten die Macht an sich reißen und eine Klassenherrschaft errichten? Für die eine Richtung standen Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann, die beiden großen Sozialdemokraten, für die andere Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ein Diskurs über diese Frage blieb aus, war wohl gar nicht möglich in einer Zeit, die so stark von Umbrüchen, Ängsten und Radikalisierungen geprägt war wie diese. Auch das ist eine Lehre von 1918: Wenn politische Grundfragen entschieden werden, bleiben oft weder Zeit und Raum, dafür die Grundlagen angemessen zu klären. Gundolf Algermissen vom DGB, der das Buchprojekt leitet, stellt eine ganze Reihe von Zeitzeugenberichten aus jenen Tagen und Wochen zusammen – sie zeigen für Berlin, Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Wilhelmshaven die ganze Aufgewühltheit, die damals geherrscht haben muss. Überall bewaffnete Soldaten, Züge voller Kriegsheimkehrer, Demonstranten mit Friedensforderungen. Daneben verunsicherte Politiker wie Philipp Scheidemann, die auch nicht recht wussten, wie es weitergehen sollte – aber ahnten, dass sie jetzt handeln und Fakten schaffen mussten. Das Buch zeigt, wie die Künstler, die Dichter und die Mediziner auf diese Zeit reagierten. Wie umgehen mit den vielen Menschen, die als Arm- oder Beinamputierte von der Front zurückkamen, die seelisch schwer verletzt waren? Und dann noch die spanische Grippe, an der 1918 und 1919 weltweit 50 Millionen Menschen starben – mehr als die, die im Kriegsgeschehen ihr Leben verloren. Die Umwälzungen jener Jahre führten zum Ausbruch von Gewalt und Morden, zum ungezügelten Hass auf Minderheiten und Andersdenkende – aber auch zu pragmatischen und zukunftsweisenden Antworten auf die neuen Herausforderungen. Christian Budde, Sprecher von Niedersachsenmetall, erinnert an das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 – unterzeichnet also nur sechs Tage nach der deutschen Revolution. Die Spitzen von Arbeitgebern und Gewerkschaftsbund begründen hier ihre Rolle als Sozialpartner und unterstreichen ihre Absicht zur engen Zusammenarbeit. Sie begründen die Arbeitsverwaltung, besiegeln den Achtstundentag und regeln für jeden Betrieb einen „Arbeiterausschuss“ – Vorläufer der heutigen Betriebsräte. Budde schreibt, dass schon wenige Jahre später dieses Abkommen wieder ausgehöhlt wurde – aber bezeichnend sei, dass es 1918 als freie Vereinbarung, ohne staatlichen Druck, zustande kam. In Zeiten, in denen die Macht auf der Straße lag, fanden sich Arbeitgeber und Gewerkschaften bereit, ihre Belange gemeinsam festzulegen. Von der Politik redete ihnen niemand hinein. Revolutionäre Zeiten, so zeigen dieses und andere Beispiele, sind eben in verschiedener Hinsicht einzigartig: Nicht nur Zorn und Gewalt sind entfesselt, sondern auch die Gestaltungskräfte für eine bessere Gesellschaft. (kw)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #5.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning