26. März 2026 · 
TagesKolumne

Piepen vor dem Rathaus

Vor dem Rathaus in Adelebsen ist es wiederholt zu Vandalismus gekommen. Jetzt sollen Jugendliche durch Pieptöne vergrault werden. Echt jetzt?

In Adelebsen im Landkreis Göttingen piept es. Nicht immer, nicht überall und auch nicht für jeden. Aber nach 22 Uhr vor dem Rathaus. Wie der NDR berichtet, ist es dort wiederholt zu Vandalismus gekommen. Bänke und Mülleimer wurden beschmiert und zerstört. Auf Facebook ist auch von herausgerissenen und wacklig an benachbarte Dächer gelehnten Fahnenmasten die Rede. Jetzt hat der Bürgermeister reagiert und zwei so genannte Mosquito-Geräte installieren lassen. Diese Apparate sondern Töne im Frequenzbereich zwischen 16 und 19 Kilohertz ab, die angeblich nur Marder und Menschen unter 25 Jahren hören können. Für die, die sie hören, sollen die Töne allerdings ziemlich unerträglich sein.

Landschaftsansicht eines Dorfes mit einem Vogelschwarm am Himmel
Eigentlich ganz schön hier: Adelebsen | Foto: photography-wildlife-de via GettyImages

Moment mal. Bis eben dachten wir, Jugendliche würden zu Hause sitzen, am Handy daddeln und mit Gleichaltrigen ausschließlich über Social Media kommunizieren. Dass sie sich an der frischen Luft treffen und dabei wiederholt Unheil stiften, wie es Jugendliche seit Menschengedenken tun, wirkt so altmodisch, dass es fast rührend ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Vandalismus geht gar nicht. Straftaten müssen verfolgt und geahndet werden. Aber dass der öffentliche Raum nach 22 Uhr nur noch für Menschen über 25 zugänglich sein soll, muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Gerade neulich hat Barbara Otte-Kinast ihren Kolleginnen und Kollegen im Landtag ins Gewissen geredet, dass sie mehr über die Einsamkeit von jungen Menschen sprechen müssen. Um das Thema ist es nach Corona schnell wieder still geworden. Aber Einsamkeit macht misstrauisch und demokratieverdrossen. Ein zentral gelegener Ort, ein bisschen wettergeschützt und mit Bänken ausgestattet, ist eigentlich genau das, was Stadtplaner gegen Einsamkeit empfehlen. Warum Jugendliche aus Adelebsen so wütend oder so gelangweilt sind (vielleicht auch beides), dass sie ausgerechnet diesen Ort zerstören, müsste man sie selbst fragen. Wenn es niemanden vor Ort gibt, der mit ihnen reden kann, dann ist das vielleicht Teil des Problems.

Ja, es ist nicht im engeren Sinn gerecht, jetzt zu fordern, dass die Tunichtgute noch eine Belohnung bekommen sollen, zum Beispiel ein neues Jugendzentrum (das, wie der NDR schreibt, erst geplant und dann wieder gestrichen wurde). Aber ist es fair, dass es bisher offenbar keine passenden Orte gab, wo Jugendliche ihre Wut loswerden und ihre Energie für etwas Sinnvolles einbringen können? Sollen sie vielleicht wieder nach Hause gehen und daddeln?

Wir haben heute unsere Energie in diese Themen gesteckt:

  • Keine Rechtsgrundlage: Rot-Grün hat im Landtag beantragt, die Kennzeichnung von Polizisten in Einsätzen auszuweiten. Nach der Polizei lehnt auch der Datenschutzbeauftragte den Plan rundweg ab.


  • Viele Radwege: Niedersachsen möchte sich als „Fahrradland“ präsentieren und den Anteil des Radverkehrs am Mobilitätsmix erhöhen. Dazu wird nun viel Geld in die Hand genommen.


  • Schwierige Ausgangslage: Steigende Kosten und offene Finanzierungsfragen setzen die Wärmewende unter Druck. Der Umbau wird zur politischen und finanziellen Bewährungsprobe.


  • außerdem: Ein Abschied von einem lieben Kollegen, ein neues Amt für Braunschweigs Oberbürgermeister, eine Expansion nach Süden und ein bisschen weniger Bürokratie.

Ich wünsche Ihnen einen Donnerstag ohne Piepen im Ohr!

Ihre Anne Beelte-Altwig

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #058.
Anne Beelte-Altwig
AutorinAnne Beelte-Altwig

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