
Der Vorsitzende des Philologenverbandes (PHVN), Christoph Rabbow, findet deutliche Worte: „Wenn ich verantwortlicher Bildungspolitiker wäre, könnte ich nicht mehr ruhig schlafen.“ Nach seinen Berechnungen fehlen in den nächsten sieben Jahren in Niedersachsen 12.000 Lehrkräfte. Das folge aus den 5000 Pensionierungen bis 2032 und den 7000 zusätzlichen Stellen, die wegen der Steigerung der Schülerzahl um 100.000 in diesem Zeitraum nötig würden. „Ich erwarte von Kultusministerin Julia Hamburg, dass sie sich an die Sache macht und Veränderungen zügig umsetzt“, betont Rabbow. Bisher sei noch nichts geschehen. Dem für die Lehrerausbildung zuständigen Wissenschaftsminister Falko Mohrs habe er schon vor sechs Monaten geschildert, dass Reformen nötig seien. „Aber seitdem ist nichts passiert“, sagt Rabbow.
Nun betont der Vorsitzende des Philologenverbandes, dass es auch darum gehen müsse, mehr Lehrer zu einer erfolgreichen Ausbildung zu bringen. Zunächst müsse der Numerus Clausus für bestimmte Fächer oder auch für Grundschullehrer entfallen. „Es kann nicht sein, dass jemand nicht Grundschullehrer werden kann, nur weil sein Abitur keine sehr gute Note hat.“ Als nächstes müssten Lehramtsstudenten besser begleitet werden – damit man helfend eingreifen kann, falls sie ihr Studium abbrechen wollen. „Wir verlieren 40 Prozent in den ersten beiden Studienjahren, das ist nicht hinnehmbar.“ Dann sollten zum Ende der Ausbildung in Studienseminaren Praxissemester eingeführt werden, die möglichst schon dort stattfinden, wo der angehende Lehrer später eingesetzt wird. „Das brauchen wir vor allem auf dem Land“, sagt Rabbow. Dass Ministerin Hamburg dies für Stade und Cuxhaven organisiert habe, sei „eine viel zu kleine Minimallösung“. Der PHVN-Vorsitzende geht noch weiter und wünscht sich ein einheitliches Bildungsministerium für Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Quereinsteiger in den Lehrerberuf sollten schon im Referendariat eingestellt werden, also früh auch schon unterrichten. Damit das für Bewerber lukrativ wird, müsse man auch über ein System der Bafög-artigen Förderung nachdenken.
Der Philologenverband hat im Juni 2025 bei seinen Mitgliedern nach der Arbeitsbelastung nachgefragt – und von rund 1700 von ihnen eine Antwort erhalten. 70 Prozent gaben an, ihre Arbeitsbedingungen hätten sich in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert. Mehr als 80 Prozent leiden unter Schlafstörungen und Gereiztheit. Ein Drittel der Befragten waren wegen Überlastung krankgeschrieben, 20 Prozent würden im Jahr mehr als sechs Wochen wegen Krankheit ausfallen. Ein Drittel der Teilzeitkräfte würden angesichts der vielen Aufgaben sogar ihre Tätigkeit reduzieren. Als Ausweg empfiehlt der PHVN, die Lehrer von Verwaltungsaufgaben zu entlasten und dafür Verwaltungskräfte an den Schulen einzusetzen. Auch KI könne eine Rolle spielen. Eine „absolute Frechheit“ sei es, so meint Rabbow, dass Lehrer Stunden nachholen müssen, die sie in der Korrekturphase für die Abiturarbeiten nicht leisten könnten. Rabbow spricht zudem von einer „Teilzeitfalle“: Viele Lehrer hätten sich für Teilzeit entschieden und spürten, in der vorgegebenen Zeit ihre Arbeit nicht zu schaffen. Einige Bundesländer planen angesichts des Lehrermangels, anlasslose Anträge auf Teilzeit-Jobs gar nicht mehr zuzulassen. Rabbow sagt: „Dies ist möglich.“ Er verzichtet aber darauf, diesen Weg zu bewerten.


