
Die Bundeswehr ist in Niedersachsen so sichtbar wie lange nicht mehr: Öffentliche Gelöbnisse mitten in der Landeshauptstadt, Militärübungen mit hunderten Gästen und Koordinierungstreffen mit zivilen Partnern – was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien, ist inzwischen zum Alltag geworden. Seit der russischen Invasion in die Ukraine sucht die Truppe gezielt den Schulterschluss mit der Gesellschaft und zeigt sich so offen wie nie. In Niedersachsen hat vor allem Oberst Dirk Waldau diesen Kurs geprägt, der heute nach mehr als vier Jahren an der Spitze des Landeskommandos und vier Jahrzehnten Dienstzeit verabschiedet wird. Der gebürtige Helmstedter trat 1983 in die Bundeswehr ein, führte von 2016 bis 2019 die Schule für Feldjäger und Stabsdienst in Hannover, bevor er als stellvertretender Kommandeur nach Munster wechselte. Zudem blickt er auf Einsätze in Bosnien und Afghanistan zurück.
Das Landeskommando übernahm Waldau im März 2021. Es sorgt für den Heimatschutz, koordiniert die Katastrophenhilfe und ist erste Anlaufstelle für die Zusammenarbeit mit Behörden, Kommunen, Verbänden und Hilfsorganisationen. Zugleich wirkt es an der Umsetzung des „Operationsplans Deutschland“ mit – jenem Verteidigungskonzept, das nach dem russischen Überfall auf die Ukraine die Landes- und Bündnisverteidigung neu bestimmen soll. Niedersachsen spielt darin eine Schlüsselrolle: Häfen, Flughäfen und Autobahnen machen das Land zur logistischen Drehscheibe für Nato-Truppen, die im Ernstfall nach Osten verlegt werden müssen.
An der Spitze dieses Kommandos hat Waldau in den vergangenen Jahren den großen Graben zwischen Militär und Gesellschaft überbrückt, indem er die Schwächen der Streitkräfte nie beschönigte, sondern die Lage stets nüchtern erklärt hat. „Wir Militärs können die Verteidigung Deutschlands nicht allein bewältigen. Wir brauchen Sie“, lautete seine Botschaft. Immer wieder hat er dabei auf den aus Bordenau bei Hannover stammenden Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst verwiesen. Dessen Satz „Jeder Bürger eines Staates ist der geborene Verteidiger desselben“ machte er zu einem Leitmotiv seiner Arbeit: Landesverteidigung ist keine Aufgabe der Bundeswehr allein, sondern eine gemeinsame Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Besonders sichtbar wurde dieser Ansatz in Hannover, wo unter Waldaus Führung das feierliche Gelöbnis erstmals mitten in der Innenstadt vor dem Neuen Rathaus stattfand, mit politischen Spitzenvertretern – begleitet von Applaus ebenso wie von Protesten. Neben dieser Öffnung nach außen hat Waldau auch den internen Umbau des Landeskommandos begleitet. Unter seiner Verantwortung wurde in Niedersachsen das Heimatschutzregiment 3 aufgestellt, das die bisherigen Kompanien bündelte und die Reserve für die Landesverteidigung deutlich erweiterte. Auch die Verbindungskommandos in die Landkreise wurden ausgebaut, um im Krisen- oder Verteidigungsfall die Zusammenarbeit mit den Kommunen sicherzustellen.
Waldau kommunizierte dabei stets klar und kritisch, aber nie alarmistisch oder provokativ. Schon 2022, als bei der Nato-Übung „Wettiner Heide“ Panzer durch Niedersachsen rollten, betonte er, dass es sich um ein lange geplantes Manöver handelte. „Soldaten, die üben, sind besser als Soldaten, die nicht üben“, erklärte er damals. Auch den Start für den Operationsplan Deutschland, der Niedersachsen als logistische Drehscheibe festschreibt, kommentierte er nüchtern: „Es ist ein langer Weg, aber die ersten Schritte sind gemacht. Wir müssen das Thema Wehrhaftigkeit in die Gesellschaft tragen und tun, was dafür nötig ist.“ Immer wieder warnte er zugleich vor hybriden Angriffen – von Cyberattacken über Desinformation bis hin zu gezielten Störungen der Energieversorgung. Für ihn sind diese Bedrohungen längst Realität und zugleich Beleg dafür, warum Militär, Verwaltung und Wirtschaft enger zusammenarbeiten müssen. Die Verantwortung, diesen Kurs fortzuführen, liegt nun bei seinem Nachfolger Frank Wachter. Der Oberst im Generalstabsdienst hat sich vor allem in der Deutsch-Französischen Brigade profiliert und übernimmt in Hannover ein Kommando, das heute stärker als je zuvor in der Zivilgesellschaft verankert ist.


