18. Sept. 2017
Kommentar

Noten sind keine Garantie für gute Polizisten

Darum geht es: Die FDP will die Polizeiausbildung öffnen und Realschülern den Einstieg in eine Polizeikarriere einfacher machen. Ein Kommentar von Isabel Christian. In der Industrie wird sie schon zu Grabe getragen, die „Generation Praktikum“. Kaum ein Unternehmen kann es sich noch leisten, von Bewerbern mehrjährige Berufserfahrung, ein Studium mit Spitzennoten und Auslandssemester zu verlangen, bevor sie überhaupt für ein Bewerbungsgespräch in Betracht gezogen werden. Denn die Bewerber stehen nicht mehr Schlange, oft bleiben Ausbildungsplätze sogar leer, weil niemand gefunden wird, der sich a) für den Beruf interessiert und b) die erforderlichen Qualifikationen mitbringt. Und diese Situation wird sich noch verschärfen, denn die geburtenschwachen Jahrgänge werden in den kommenden Jahren mit der Schule fertig. Auch für die Polizei – Traumarbeitgeber vieler Fünfjähriger - wird es dann schwer, die 18-Jährigen noch für sich zu begeistern. Denn vor allem den Abiturienten stehen dann Alternativen zur Auswahl, die weniger Stress bei mehr Gehalt bedeuten. Was also tun? Den Bewerberkreis erweitern und es Nichtabiturienten erleichtern, bei der Polizei Karriere zu machen. Nun drängt sich die Befürchtung auf, dass die Polizei dann Klasse gegen Masse tauscht. Doch das Gegenteil wird der Fall sein. Denn ein Zeugnis sagt wenig über den Menschen aus, dem es verliehen worden ist. Es gibt unter Realschülern ebenso intelligente und zuverlässige Absolventen wie es faule und begriffsstutzige Abiturienten gibt. Warum sollten dann letztere pauschal einen leichteren Weg in die Polizei haben als erstere? Bessere Polizisten werden sie nicht allein dadurch, dass sie Abitur haben. Dafür zählen Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, Zusammenhänge schnell zu begreifen. In Schulnoten findet das nicht immer Eingang.
Eine duale Ausbildung für alle würde helfen, die Abbrecherquoten zu verringern.
Glücklicherweise entscheidet das Zeugnis nur darüber, ob ein Bewerber gleich an der Akademie anfangen darf oder den Umweg über ein Fachabitur nehmen muss. Einen Platz bekommt nur der, der die Auswahltests besteht. Warum es hier nicht den Realschülern leichter machen als bisher und sie mit Praxiserfahrung ausstatten, bevor sie mit den Abiturienten in Konkurrenz treten? Oder gleich alle Interessenten – egal, ob Realschüler oder Abiturient — mit einer dualen Ausbildung beginnen lassen und das Studium daran anschließen? Das würde dabei helfen, die Abbrecherquoten zu verringern, weil die Studenten wüssten, worauf sie sich eingelassen haben. Indem die Polizeiausbildung für einen größeren Bewerberkreis geöffnet würde, gäbe es kein Entweder-Oder, sondern Masse und Klasse. Die Auswahl der Bewerber ist größer und damit auch die Zahl derer, die für den Beruf aufgrund ihrer Persönlichkeit geeignet sind. Allerdings wird eine Öffnung nur wenig helfen, wenn sich insgesamt weniger junge Absolventen für die Polizei interessieren. Vor allem, wenn die Wirtschaft mit üppigen Gehältern, Zulagen und anderen Schmankerln lockt. Dagegen wird ein Beruf mit – bisher immer noch - hohem moralischen Ansehen, aber unpopulären Arbeitszeiten und starren Gehaltstabellen nur wenig ausrichten können. Selbst die, die ihren Beruf nach Überzeugung wählen, wollen sich eine Familie leisten und ein paar Extrawünsche erfüllen können. Es wird also kein Weg daran vorbeiführen, die Zulagen und Gehälter der Polizisten anzuheben und Beförderungen zu vereinfachen. Sonst bleiben nicht nur die Interessenten weg, schlimmstenfalls nehmen sie die Ausbildung in Niedersachsen mit und treten ihren Dienst in einem anderen Bundesland an, in dem die Arbeit von Polizisten mit mehr Gehalt gewürdigt wird. Mail an die Autorin dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #163.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum