9. Jan. 2023
Wirtschaft

Niedersachsens Unternehmen dringen auf mehr Zuwanderungen aus dem Ausland

Gerhard Oppermann begrüßt die Gäste beim Neujahrsempfang der IHK Hannover. | Foto: Insa Cathérine Hagemann

Die Botschaften der niedersächsischen Wirtschaft sind bei der Landesregierung offenbar angekommen. Beim gestrigen Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover zeigte Ministerpräsident Stephan Weil in seiner Rede großes Verständnis für die Probleme und Nöte insbesondere der mittelständischen Unternehmen. „Das Ziel der Landesregierung ist es, die wirtschaftliche Substanz des Landes auch durch diese Krise hindurchzubringen“, versprach Weil und betonte: „Jedes Unternehmen, das vom Markt verschwindet, zahlt nie wieder Steuern und Gehälter. Für gesunde Staatsfinanzen brauchen wir eine gesunde Wirtschaft.“ Durch die bisherigen Hilfspakete sei es gelungen, etwa 40 bis 50 Prozent der gestiegenen Energiekosten zu kompensieren.

Auf diesem Erfolg dürften sich aber weder Bund noch Land ausruhen. „Am Ende muss der Maßstab für alle Entlastungsmaßnahmen der Weltmarkt sein“, sagte der Ministerpräsident. Niedersachsen brauche seine Grundstoffindustrie, weshalb eine Deindustrialisierung kein Thema sei. „Niedersachsen war immer ein wichtiges Industrieland und wir wollen das auch bleiben – aber unter anderen Vorzeichen“, betonte Weil.

Stephan Weil wirbt im Congress Centrum Hannover
leidenschaftlich für seine Wirtschaftspolitik. | Foto: Insa Cathérine Hagemann

Der Ministerpräsident wittert für Niedersachsen eine „historische Chance“. Gemäß dem Motto „Industrie folgt Energie“ könne nach Westdeutschland (Kohle) und Süddeutschland (Atomkraft) jetzt der Norden (Windenergie) zum industriellen Powerhouse der Bundesrepublik werden. „Das nächste Kapitel der Energiewirtschaft wird das Kapitel der erneuerbaren Energie sein“, sagte Weil. Nicht nur beim Ausbau der Windkraft an Land und auf See will der SPD-Politiker „richtig Druck machen“. Auch bei der Agri-Photovoltaik, also der Nutzung von Solaranlagen auf landwirtschaftlichen Flächen, sieht Weil noch erhebliches Potenzial. Das gute Gasnetz zwischen Harz und Küste sowie die vielen Kavernen zur Gasspeicherung würden Niedersachsen aber noch einen weiteren Standortvorteil verschaffen. „Wir wollen das Wasserstoff-Pilotland für Deutschland insgesamt sein“, sagte Weil. Die staatlichen Förderungen in Höhe von 2,3 Milliarden Euro hätten bereits Investitionen von insgesamt 6 Milliarden Euro ausgelöst. Weil betonte aber auch: „Wir müssen schneller werden.“ Die Geschwindigkeit beim Bau des LNG-Terminals in Wilhelmshaven müsse das „neue Normal“ sein – und zwar bei allen Infrastrukturprojekten. Dabei forderte der Ministerpräsident schnelle Ergebnisse. „Ich will nicht auf die nächste Expertenkommission warten“, sagte Weil, wofür er von den 300 Gästen des IHK-Neujahrsempfangs heftigen Applaus bekam.

Weil: Schulen sollen wieder mehr Basiskenntnisse lehren

Aber auch bei der Ausbildung will die Landesregierung den Unternehmen entgegenkommen, die zuletzt immer lauter eine bessere berufliche Orientierung gefordert hatten – insbesondere in den Gymnasien. Zudem versprach Weil zusätzliche Anstrengungen, um den Lehrerberuf in Niedersachsen attraktiver zu machen. Auf die ernüchternden Ergebnisse der jüngsten Bildungsstudien will der Ministerpräsident ebenfalls reagieren. „In den Schulen soll es eine verstärkte Konzentration auf Basiskenntnisse geben: Lesen, Rechnen, Schreiben“, kündigte Weil an. Außerdem will sich der SPD-Politiker für mehr Zuwanderung stark machen und verstärkt um Arbeitskräfte im Ausland werben. „Wir werden in Deutschland aus unserem ureigensten Interesse heraus mehr Migration benötigen“, sagte Weil.

Rund 800 Gäste aus Wirtschaft und Politik nehmen am Neujahrsempfang der IHK Hannover im Kuppelsaal des HCC teil. Die äußerst prominent besuchte Veranstaltung gilt traditionell als der wirtschaftspolitische Start ins neue Jahr in Niedersachsen. | Foto: Insa Cathérine Hagemann

Das betonen auch die Unternehmer. „Corona und der Krieg haben uns einerseits die Augen geöffnet und andererseits auch überdeckt, was uns seit Jahren beschäftigt und wofür wir seit mindestens ebenso lange keine Lösungen anbieten. Ich spreche vom Fachkräftemangel und der unsäglichen Bürokratie“, sagte der hannoversche IHK-Präsident Gerhard Oppermann. „Behörden wachsen immer mehr, die Aufgaben werden ja auch nicht geringer. Aber wenn von zehn Personen sieben die Norm überwachen und nur drei arbeiten, wie wollen wir da an Zukunftsprojekten arbeiten?“, fragte das Vorstandsmitglied der Hannoverschen Volksbank. Deutschland müsse mehr Zuwanderung zulassen und dabei die Hürden geringhalten.

Als positive Beispiele nannte Oppermann die Anerkennungsstelle der IHK Hannover und das Projekt „Adelante“, bei dem junge Menschen aus Spanien für den deutschen Arbeitsmarkt geworben werden. „Wir werden mit Holzminden einen weiteren Landkreis hierfür in den Blick nehmen“, kündigte der IHK-Präsident an. Außerdem werde die Industrie- und Handelskammer in diesem Jahr ein Team aufbauen, dass sich mit dem Thema „Azubi-Marketing“ beschäftigt, um für die duale Ausbildung zu werben.

„Bürokratie verhindert gute Ideen, sie macht uns träge
und hemmt unseren Fortschritt“, sagt Hannovers IHK-Präsident
Gerhard Oppermann. | Foto: Insa Cathérine Hagemann

Wie genau der Arbeitskräftemangel die niedersächsischen Unternehmen ausbremste, machte Moritz von Soden deutlich. „Wir haben uns darauf spezialisiert, die besten Gewindekomponenten der Welt herzustellen“, sagte der Geschäftsführer der Firma „Bornemann Gewindetechnik“. Doch trotz eines erfolgreichen Geschäftsmodells stoße der Betrieb an Grenzen. „Wir können unser angestrebtes Wachstum in den kommenden Jahren mit den derzeitigen Azubis nicht abdecken“, sagte von Soden und berichtete, dass auch viele andere Firmen ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland ihre Wachstumsziele nicht erreichen werden. An die Politik appellierte der Unternehmer aus Delligsen (Landkreis Holzminden) deswegen: „Schaffen Sie Rahmenbedingungen, die es auch kleinen Firmen wie unserer ermöglicht, schnell und unkompliziert Fachkräfte aus dem Ausland zu finden.“ Außerdem schlug von Soden vor, Anreize dafür zu schaffen, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken, sondern die freien Kapazitäten dafür nutzen, um andere Beschäftigte auszubilden.

BIBB-Präsident schlägt Punktesystem für Einwanderung vor

Prof. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn, bekräftigte die Befürchtungen der Unternehmen. „Was uns Sorge macht, ist das nachlassende Interesse der jungen Leute an einer Ausbildung“, sagte Esser. Dieses sei gegenüber 2019 um 10,5 Prozent gesunken und eine Trendumkehr sei nicht in Sicht. Deutschland sei dem von der OECD verbreiteten Irrtum aufgesessen, unbedingt zu einem „Akademikerland“ werden zu müssen, was auf Kosten der Ausbildungsberufe auch geschehen sei. Der Ausweg aus der selbstverschuldeten Krise ist für Esser klar: „Es ist wichtig, dass wir ein offenes Einwandererland werden.“ Vorbilder könnten Neuseeland, Australien und Kanada mit ihren Punktesystemen sein. Das Anerkennungsgesetz und das Fachkräfteeinwanderungsgesetz würden dafür eine gute Grundlage bilden.

Außerdem kritisierte der Honorarprofessor für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Uni Köln, der sein Abitur erst auf dem zweiten Bildungsweg nach einer Bäckerlehre absolviert hatte, die fehlende Flexibilität der deutschen Berufsordnung. „Wir sind ein Land, das sehr stark abschlussorientiert ist. Damit kommen wir nicht mehr weiter“, sagte Esser. Neben der Säule der formalen Qualifizierung müsse es auch eine zweite Säule geben, um die weiteren Fähigkeiten zu erfassen und den Arbeitgebern zu zeigen, was der Mensch als Arbeitskraft anzubieten hat. „Wir benötigen ein Validierungssystem, das die Menschen da abholt, wo sie sind.“ Geradezu tosenden Applaus bekam Esser für seine Feststellung, dass ein Studium keine höhere Qualifikation darstelle als eine Ausbildung mit Berufserfahrung. „Wir brauchen sowohl den Bachelor als auch den Meister. Aber es ist wichtig, dass beide Abschlüsse gleichwertig sind. Und da fehlt mir ein klares Bekenntnis der Politik“, sagte der BIBB-Präsident.

Suchen Lösungen für den Fach- und Arbeitskräftemangel
in der deutschen Wirtschaft: Angela Papenburg (von
links), Prof. Friedrich Hubert Esser, Ariane Reinhart und
Moderatorin Antje Diller-Wolff. | Foto: Insa Cathérine Hagemann

Ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie die Anwerbung von Auszubildenden aus dem Ausland gelingen kann, schilderte Angela Papenburg, Vorständin der Günter Papenburg AG. Die hannoversche Bauunternehmensgruppe hat 48 Auszubildende aus Usbekistan angestellt, die aus den ländlichen Regionen des zentralasiatischen Staates kommen. „Die Möglichkeiten sind dort nicht so immens für junge Menschen. Hier verdienen sie gutes Geld“, berichtete Papenburg. Die Strahlkraft des reichen Deutschlands allein reiche aber nicht aus, um die jungen Leute hierher zu locken. „Man muss vor Ort sein und sich kümmern. Ich fahre regelmäßig nach Usbekistan“, sagte die Unternehmerin. Zudem kooperiere ihre Firma mit einem Sprachzentrum vor Ort. „Unsere Azubis kommen mit B1- oder B2-Kenntnissen nach Deutschland. Und das ist erst mal das Entscheidende, dass die Sprachbarriere nicht mehr da ist“, sagte Papenburg.

Es sei aber nicht damit getan, die Auszubildenden einfach nur nach Deutschland zu holen. Die jungen Leute müssten hier auch integriert werden, wobei nicht nur die Unterbringung angesichts des Wohnraummangels problematisch ist. „Man muss sich überlegen, ob man künftig mehr in Ausbildungswohnheime investiert“, sagte Papenburg. Als weitere Probleme nannte sie den Familiennachzug, der erst nach Abschluss von Ausbildung und der Probezeit im neuen Job möglich ist, sowie die fehlenden Ausbildungsangebote für usbekische Frauen in Deutschland. An einem von Prof. Esser vorgeschlagenen Punktesystem für Zuwanderer äußerte Papenburg allerdings Zweifel, weil die Betriebe dadurch unter Umständen nicht mehr vor Ort nach geeigneten Bewerbern suchen können. „Wir müssen den Unternehmen die Chance geben, diese Kriterien mitzugestalten.“

Dieser Artikel erschien am 10.1.2023 in Ausgabe #002.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link