23. Sept. 2020
Wirtschaft

Niedersachsen will beim „Smart Living“ den Anschluss behalten

Wenn Heizung, Herd oder Licht per Smartphone bedient werden können oder in der Wohnung eingebaute Systeme erkennen, dass ältere Menschen Hilfe benötigen, dann nennt man das „Smart Living“. Laut Wirtschafts-Staatssekretär Stefan Muhle gibt es in Niedersachsen eine Vielzahl von Unternehmen, die sich mit diesem Thema befassen. Eines der sehr erfolgreichen ist die Firma EQ3 in Leer, deren Produkte nach einen Angaben in mehr als zwei Millionen Haushalten genutzt werden. Diese Struktur will man in Niedersachsen nicht nur erhalten, sondern wenn möglich auch ausbauen. Muhle sprach am Mittwoch in Hannover von einer Branche, um die man sich kümmern müsse, gerade auch weil das Tempo der Digitalisierung enorm sei. „In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass Branchenführer in kürzester Zeit marginalisiert werden. Wenn man den Anschluss verpasst, ist man ganz schnell weg vom Fenster“, sagt Muhle. Deshalb haben Wirtschaftsministerium und der Verband der Wohnungswirtschaft (VDW) im Land nun ein sogenanntes „Smart-Living-Cluster“ gegründet, in dem sie sich in vier Arbeitsgruppen mit Themen befassen, die für das Vorankommen von „Smart Living“ entscheidend sein werden. Dabei gehe es nicht nur um vernetzte Heizkörper oder eine Lichtsteuerung mit dem Smartphone, sondern um wichtige Themen wie Datensicherheit, Installation und Bedienbarkeit, meinte der Wirtschafts-Staatsekretär.
Wenn man den Anschluss verpasst, ist man ganz schnell weg vom Fenster.
Man könne mit „Smart Living“ der Digitalisierung des Landes insgesamt einen Schub verpassen, erklärte VDW-Direktorin Susanne Schmitt. „Das Wohnen wird sich verändern, und bei richtiger Nutzung der Digitalisierung wird sich das unmittelbar und positiv auf die Lebensqualität der Mieter auswirken“, so die VDW-Chefin. Beispiele für Smart Living im Alltag gebe es bei niedersächsischen Wohnungsbauunternehmen schon heute. So hätten die Unternehmen Gundlach und Meravis in Hannover eine Art zentrale Home Office-Möglichkeit im Quartier entwickelt. Dabei werde eine Wohnung mit verschiedenen Arbeitsplätzen ausgestattet, die man stunden- oder tageweise mieten kann. Schmitt sprach von einer hervorragenden Möglichkeit, um flexibel wohnungsnah zu arbeiten, wenn die Raumverhältnisse in der eigenen Wohnung eine entspannte Arbeit im Hofe Office nicht hergäben. Die Nibelungen-Wohnbau in Braunschweig habe ein System entwickelt, das Daten in der Wohnung erfassen und feststellen kann, ob ein Mieter in eine Situation gekommen ist, in der Hilfe benötigt wird. „Die Daten bleiben dabei in der Wohnung, der Notruf wird nach außen gegeben“, erläuterte Schmitt. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass der Datenschutz ein wichtiges Thema in der Arbeitsgruppe „Recht“ werden wir. Am Ende soll es hier eine Arbeitshilfe für die Wohnungsbauunternehmen geben, auf deren Grundlage sie ein individuelles Datenkonzept entwickeln können. Für Schmitt ist entscheidend, dass die Maßnahmen bezahlbar bleiben, weil es in den kommenden Jahren ja auch darum gehe, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Muhle und Schmitt zeigten sich überzeugt, dass sich das Wohnumfeld und die eigene Wohnung in den nächsten Jahren durch „Smart Living“ deutlich verändern werden und wollen das Tempo erhöhen. Man müsse die Technologien jetzt so schnell wie möglich in die Fläche bringen, forderte Muhle. „Wir müssen raus aus diesen Projekten. Es darf nicht nur überall Projekte geben, wir müssen es ausbreiten.“ Digitale Messsysteme werden laut Schmitt bereits heute immer häufiger eingesetzt, in anderen Bereichen sieht sie aber „noch sehr viel Luft nach oben“. Da werde noch erheblich nachgerüstet, was übrigens auch in Altbauten möglich sei. Das alles könne in den kommenden zehn Jahren passieren. Sie halte das für einen realistischen Zeitraum, meinte Schmitt.  
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #168.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning