18. Feb. 2026 · 
Blick in die WirtschaftWirtschaft

Mutterschutz, Aktivrente und Bürokratiefrust: Das sind die offenen Baustellen der Freiberufler

Zwischen Versorgungsauftrag und Regulierung wächst der Unmut. Was Ärzte, Planer und Kanzleien von der Politik in Bund und Land erwarten.

Die Freien Berufe in Niedersachsen (FBN) starten mit einer unmissverständlichen Botschaft in das Jahr 2026: Wer Qualität, unabhängige Beratung und verlässliche Versorgung will, muss den Fachleuten den nötigen Freiraum lassen. In Arztpraxen, Planungsbüros, Kanzleien und Apotheken wächst seit Jahren der Eindruck, dass der eigentliche Beruf zunehmend von Dokumentation, Vorgaben und rechtlichen Unsicherheiten überlagert wird. Beim jüngsten Austausch zwischen Standesvertretern und Politik in Hannover wurde deutlich, dass viele Konflikte inzwischen eine grundsätzliche Ebene erreicht haben. Es geht nicht mehr nur um einzelne Paragraphen, sondern um die Frage, wie viel Vertrauen der Staat seinen freien Berufen noch entgegenbringt – und ob politische Reformen tatsächlich im Alltag ankommen.

Diese Themen beschäftigen die Freiberufler in Niedersachsen:

"Mir ist bewusst, dass wir mit der Apothekenreform Enttäuschung ausgelöst haben", räumt Gitta Connemann ein. | Foto: FBN/Andrea Seifert
  • Apotheken-Fixum ist „Schicksalsfrage“: Die wirtschaftliche Lage vieler Apotheken hat sich weiter verschärft. Steigende Personal- und Energiekosten treffen auf ein Vergütungssystem, das seit Jahren kaum angepasst wurde. Besonders in ländlichen Regionen wächst die Sorge vor einer ausgedünnten Versorgung. Das zentrale Problem ist das Apotheken-Fixum, also der Festbetrag, den Apotheken für die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel erhalten. Er liegt bei 8,35 Euro und wurde seit 2013 nicht erhöht. Beim Neujahrsempfang der Freien Berufe räumte Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium und Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, ein: „Mir ist bewusst, dass wir mit der Apothekenreform Enttäuschung ausgelöst haben.“ Dass das Fixum für Apotheker das Thema Nummer eins sei, könne sie nachvollziehen. Gleichzeitig verwies sie auf die finanzielle Gesamtlage. Gesundheitsministerin Nina Warken habe eine „massive Unterfinanzierung in allen Sozialsystemen“ festgestellt. „Wir zerreißen uns an der Stelle“, sagte Connemann über den politischen Spagat zwischen Versorgungsanspruch und Haushaltsrealität. Für Robert Marlow, Präsident des Verbandes der Freien Berufe im Lande Niedersachsen, ist die Lage eindeutig: „Die Erhöhung des Apotheken-Fixum ist überfällig. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.“
Auch 2026 noch ein Problem: Freiberuflerinnen genießen keinen Mutterschutz. | Foto: GettyImages/SrdjanPav
  • Existenzrisiko Mutterschaft: Während Angestellte durch Mutterschutzgesetz und Lohnfortzahlung abgesichert sind, tragen Freiberuflerinnen das finanzielle Risiko einer Schwangerschaft weitgehend allein. Einnahmen brechen weg, während die Fixkosten für Praxis, Büro oder Kanzlei weiterlaufen. „Es ist ein Skandal, dass sich selbstständige Frauen immer noch zwischen Mutterschaft und Selbstständigkeit entscheiden müssen“, sagte Connemann. „Hochqualifizierte Frauen werden dringend benötigt.“ Eine pauschale Lösung sei jedoch schwierig: „Dafür sind die Berufe einfach zu unterschiedlich.“


  • Bürokratie löst Wut aus: Kaum ein Thema verbindet die freien Berufe so sehr wie der wachsende administrative Aufwand. „Bürokratie trifft die Freien Berufe besonders“, sagte Marlow mit Blick auf ausufernde Dokumentations- und Nachweispflichten. „Bürokratie löst Wut, Frustration und Erschöpfung aus“, bestätigte Connemann. Als Gegenmaßnahmen nannte sie das Once-Only-Prinzip, bei dem Daten nur einmal gemeldet werden müssen. „Wir sind dabei, alle Fälle von Doppelmeldung aufzuspüren“, kündigte sie an. Zudem soll ein digitaler One-Stop-Shop Unternehmensgründungen binnen 24 Stunden ermöglichen. Gleichzeitig betonte die CDU-Bundestagsabgeordnete aus Leer, nicht jede Hürde gehe auf politische Entscheidungen zurück. „Ich übernehme für vieles Verantwortung, aber nicht für den Leiterschein“, sagte Connemann mit Verweis auf Zuständigkeiten etwa der Berufsgenossenschaften.


  • Vergaberecht braucht Qualität: Das geplante Vergabebeschleunigungsgesetz sorgt vor allem bei Architekten und Ingenieuren für Zündstoff. Der Gesetzentwurf wurde im Bundeskabinett beschlossen, wird im Bundestag aber noch beraten. Während Politik und Verwaltung auf Tempo setzen, warnen die Freiberufler vor Qualitätsverlusten durch große Vergabepakete und verkürzte Planungsphasen. „Wer glaubt, mit diesen Generalvergaben Geld sparen zu können, der ist nicht in der Sache“, stellte Connemann klar. Fehlende Planungstiefe führe häufig zu kostspieligen Nachträgen. Marlow warnte ebenfalls vor einer Aufweichung bewährter Prinzipien: „Gute Planung ist keine Verzögerung, sondern die Voraussetzung dafür, dass Mittel funktional und zukunftsgerecht eingesetzt werden.“ Für die Freiberufler gilt: „Die Qualität der Planung hängt entscheidend davon ab, wie Planungsleistungen vergeben werden.“
  • Selbstständige fordern Aktivrente: Die neue Aktivrente soll Rentnern das Weiterarbeiten mit einem dicken Netto-Bonus schmackhaft machen – Selbstständige gehen bislang leer aus. Laut Stephan Hofmeister, Präsident des Bundesverbandes der Freien Berufe, steckt dahinter ein „fast zynisches“ Kalkül: Wer eine eigene Praxis oder Kanzlei betreibe, arbeite ohnehin bis zum Umfallen und brauche keinen zusätzlichen Anreiz. Der Verband fordert deshalb eine Kurskorrektur. Bei der Überarbeitung der Pläne sollten Selbstständige ab 2026 einbezogen und die Wirkung dieses Schrittes soll bis 2029 überprüft werden. „Es ist unverständlich, weshalb ausgerechnet Selbstständige von dieser Regelung ausgeschlossen sind“, sagte Hofmeister in Hannover.
Wollen die Freien Berufe stärken (von links): Stephan Hofmeister, Gitta Connemann, Martina Wenker und Robert Marlow. | FBN/Andrea Seifert

  • Tonne kämpft für Standards: Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne sieht die Freien Berufe durch Brüsseler Liberalisierungspläne unter Druck. Er warnt davor, bewährte Qualitätsstandards im Namen des EU-Binnenmarktes aufzugeben. „Wir stehen für die Unabhängigkeit der Freien Berufe ein“, betonte Tonne. Das gemeinsam mit dem Land entwickelte Leitbild soll 2026 als politischer Kompass dienen, um die Freiberufler als Stabilitätsanker zu stärken – gerade dort, wo staatliche Strukturen sich zurückziehen. „Wir müssen die Freien Berufe in ihrer Rolle stärken, anstatt sie durch unnötige EU-Vorgaben zu schwächen.“


  • Ärzte lehnen Triage-Regeln ab: Als „grandioses Ergebnis“ bezeichnete Martina Wenker, scheidende Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom November 2025. Die Karlsruher Richter hatten die gesetzlichen Triage-Vorgaben gekippt – nicht wegen ihres Inhalts, sondern weil dem Bund die Gesetzgebungskompetenz fehlte. Für Wenker ist das Urteil ein Sieg für die ärztliche Unabhängigkeit. „Wir Ärzte brauchen keinen neuen Paragraphen, um uns unserer Verantwortung bewusst zu sein. Wir brauchen einen Rahmen, aber nichts, was uns einengt“, sagte die Ärztin, die 42 Jahre im Klinikalltag gearbeitet hat. Sie warnte davor, dass starre gesetzliche Diskriminierungsverbote in extremen Mangellagen zu kaum auflösbaren Zielkonflikten führen könnten. „Zur freien Berufsausübung gehört die Freiheit, selbst in komplexen Situationen eigenverantwortlich nach fachlicher Kenntnis und eigenem Gewissen zu entscheiden“, betonte sie.
Dieser Artikel erschien am 19.2.2026 in Ausgabe #033.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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