6. Jan. 2020
Inneres

Meister warnt vor einer „Liebschaft mit der Retroperspektive“

Ministerpräsident Stephan Weil sieht in der aktuellen weltweiten politischen Krise auch Glaubensfragen berührt. „Vieles, was uns über Jahrzehnte absolut stabil erschien und als Grundlage unseres Lebens, erscheint derzeit eben fragil und unsicher. Es geht um die Festigung von Vertrauen und das Zurückgewinnen von Vertrauen. Es geht um die Herstellung von ,innerer Sicherheit‘ im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht um nicht weniger als um eine Schlüsselfrage für Staat und Gesellschaft“, sagte der SPD-Politiker während des Neujahrsempfangs der evangelischen Landeskirche Hannover im Kloster Loccum vor etwa 130 Zuhörern aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Verwaltung. Seit 70 Jahren startet die Landeskirche mit dieser Veranstaltung in das neue Jahr – stets begleitet von nachdenklichen Ansprachen. Landesbischof Ralf Meister erinnerte in seiner Rede, ebenso wie Weil, an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, der am 15. April begangen wird. Neben der Wiederkehr der Befreiung des Lagers Auschwitz am 27. Januar sei dies „der wichtigste Gedenktag in unserem Kalender“. Der Ministerpräsident hatte zuvor erklärt: „Bergen-Belsen steht stellvertretend für die Qualen der Opfer des Nationalsozialismus in Niedersachsen. Wir werden dieses Tages in Niedersachsen in besonderer Weise gedenken.“ [caption id="attachment_46421" align="alignnone" width="780"] Der diesjährige Neujahrsempfangs der evangelischen Landeskirche Hannover im Kloster Loccum - Foto: kw[/caption] Beide Reden, die von Weil wie die von Meister, kreisten um die international wachsenden Polarisierungen in den Gesellschaften. Weil ging provokant auf das Jahr 1945 ein und das Leiden der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg durchlitten hatten. Diese Menschen würden heute „aus dem Staunen nicht mehr herauskommen“, sagte der Ministerpräsident: „Müssten sie nicht erwarten, dass die Menschen heute ihr Leben in vollen Zügen genießen und voller Zuversicht in die Zukunft blicken? Stattdessen war das Jahr 2019 das Jahr des Protestes.“ Das gelte nicht nur für die – berechtigten – Aktionen der jungen Leute, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Auch Proteste gegen Windkraft, gegen die EU-Urheberrechtsreform oder gegen die Agrarpolitik habe man erlebt, die Bauern seien so vehement wie seit Jahren nicht aufgetreten. Wie angemessen gerade die Rufe nach mehr Klimaschutz seien, zeige sich nicht nur bei den Waldbränden im fernen Australien, sondern auch bei den zerstörten Wäldern im Harz und im Solling. Er rate im Umgang mit all diesen Protesten dazu, auf Ignoranz ebenso zu verzichten wie auf Aktionismus. Eine Mischung aus Einsicht, Umsicht und Konsequenz sei nötig – Einsicht in die Notwendigkeit der Veränderungen, gerade zum Klimaschutz, Umsicht bei der Planung und beim Umbau der Gesellschaft – und Konsequenz bei der Realisierung von Veränderung.
Vieles, was uns über Jahrzehnte absolut stabil erschien und als Grundlage unseres Lebens, erscheint derzeit eben fragil und unsicher.
Konsequenz hält Weil auch für unabdingbar bei der Verteidigung der Demokratie, die weltweit unter Druck stehe – denn die Menschen erwarteten Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Schutz vom Staat, am besten in Verbindung mit ganz einfachen Antworten. Ungehemmter Rechtspopulismus breite sich aus, und von vielen Seiten nehme der Druck auf Amtspersonen zu. Jüngst erst habe ein Bürgermeister in Estorf bei Nienburg aufgegeben, weil er die Radikalität der Vorbehalte gegen die von ihm geplante Grundsteuererhöhung nicht mehr habe aushalten können. „Wir sind auf das aktive Bekenntnis der Bürger für dieses System angewiesen. Ein lauwarmes Verhalten ist nicht mehr ausreichend, davon bin ich überzeugt.“ Landesbischof Meister klagte, Menschen in Vertrauenskrisen neigten dazu, „die Zukunft aufzugeben“. Sie rieten, das Heil in der Vergangenheit zu suchen – „ein schmachtendes Verlangen nach Gemeinschaftlichkeit und gemeinsamer Vergangenheit“ nach dem unsinnigen Motto „früher war eben alles besser“. Meister warnt vor einer solchen Sichtweise: „Diese Liebschaft mit der Retroperspektive ist eine verhängnisvolle Affäre, sie lähmt unsere Gesellschaft. Ein Leben, überwiegend im Rückspiegel gelebt, endet irgendwann am Baum.“ Er wünsche sich „viele glaubwürdige Menschen als Friedensagenten“. Meister fügte hinzu: „Polarisierungen, die durch Rückblick-Politik entstehen, die in nationalen Alleingängen schwelen, die die Wahrheit ignorieren und Fakes zu Fakten erklären, all das führt fast zwangsläufig zu tiefen gesellschaftlichen Spaltungen. Sie produzieren einen riskanten Nationalismus und beschädigen letztlich die Freiheitsrechte der Demokratie.“ Zum Abschluss der Veranstaltung verabschiedete sich der Abt des Klosters Loccum, Alt-Landesbischof Horst Hirschler (88) nach 20-jähriger Amtszeit. Er wechselt in den Ruhestand, Anfang Mai wird Ralf Meister als neuer Abt eingeführt. Dieses altehrwürdige Amt bringt es mit sich, den Vorsitz in der Trägerversammlung der Versicherung VGH zu führen – eine Organisation, die auf überlieferten ständischen Eigentumsverhältnissen beruht.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #002.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning