17. Aug. 2026 · 
InterviewKirche

Landesbischöfin Bammel: „Es gibt mehr kirchliche Orte als die Gemeinde am Kirchturm“

Braunschweigs neue Landesbischöfin im Rundblick-Podcast: Wie geht die Theologin die Strukturreform ihrer Kirche an? Und warum meint sie, dass die AfD nicht wählbar ist?

Christina-Maria Bammel (53) ist die neue Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Im Rundblick-Gespräch mit Niklas Kleinwächter erzählt die Theologin, wie die Kirche vor Ort lebendig bleibt, auch wenn sich Strukturen verändern müssen – und wieso sie sich so deutlich gegen die AfD positioniert. Dieses Interview ist eine gekürzte und autorisierte Abschrift eines Podcast-Gesprächs, das Sie in voller Länge hier anhören können: Podigee | Spotify | Apple | Deezer | Pocket-Cast

Sucht die christliche Gemeinde auch an Orten ohne Kirchturm: Landesbischöfin Christina-Maria Bammel. | Foto: Beelte-Altwig

Rundblick: Frau Landesbischöfin, wann hat man Ihnen zuletzt geraten, die Kirche mal im Dorf zu lassen?

Bammel: Es gibt ja immer wieder hitzige Diskussionen, in denen man vielleicht mit der eigenen Meinungsbildung übers Ziel hinausschießt und einem dann geraten wird, man solle die Kirche doch mal im Dorf lassen. Das habe ich des Öfteren erlebt. Tatsächlich hat das konkrete Thema aber vor gar nicht langer Zeit eine Rolle gespielt im Gespräch dreier Landeskirchen und der katholischen Kirche mit Mitgliedern des Kabinetts von Sachsen-Anhalt in Halle. Dort erzählte der Kirchenpräsident einer der Landeskirchen in Sachsen-Anhalt von einer Aktion, bei der an die Kirchen Plakate gehängt wurden mit der Aufschrift „Wir lassen die Kirche im Dorf“. Denn das ist ihnen ein Anliegen. Jedes Sprichwort hat eine tiefe Wahrheit in sich und die Kirche gehört ins Dorf.

Rundblick: Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Kirchen schrumpfen. Die Landeskirche in Braunschweig hat einen Prozess beschlossen, bei dem perspektivisch von den derzeit noch 268 Gemeinden in elf Propsteien nur noch 16 sogenannte Regionalgemeinden übrigbleiben sollen. Die Entscheidung für dieses Modell fiel noch bevor Sie gewählt wurden. Belastet Sie die Aufgabe, den Plan nun umsetzen zu müssen?

Bammel: Dieser Prozess, mit dem die Strukturen und das Zusammenarbeiten neu geordnet werden sollen, hat schon wesentlich früher begonnen und er hat während des Bewerbungsverfahrens und der Kennlerngespräche eine Rolle gespielt. Der gesamte Zukunftsprozess hat mich eher gelockt und jetzt beflügelt er mich sogar. Ich komme aus einer Landeskirche, in der es massive Umbrüche gegeben hat, schon seit Ende der neunziger Jahre. Verschiedene Zukunftsprozesse, verschiedene Transformationsprozesse mit verschiedenen Ausrichtungen. Ich trage diese Erfahrung gern ein.

Rundblick: Sie kennen also schon andere Verfahren. Was finden Sie an dem Braunschweiger Modell überzeugend?

Bammel: Mich fasziniert der Weg, den die Synode beschritten hat. Denn sie tut dies in einer Haltung, die sagt: Wir haben hier nicht das eine Rezept, nach dem alle kochen müssen, aber wir wollen diesen Weg gemeinsam gehen und dabei immer wieder das Gespräch und den Konsens suchen. Das Bild, das wir immer wieder miteinander schärfen müssen, beschäftigt sich mit der Frage: Wie können wir lokal Gemeinschaft leben als selbsttätige Gemeinde und gleichzeitig regional verantwortlich das tragen, was nötig ist? Dieser Prozess kommt in eine Zeit hinein, in der viele Gemeinden durch Fusionsbemühungen eine gewisse Erschöpfung erreicht haben. Herkömmliche Lösungen bringen uns nicht weiter, wir brauchen einen anderen Ansatz. Genau den hat die Synode gesucht und wir finden jetzt heraus, wie wir das weiter schrittweise miteinander umsetzen können.

Rundblick: Wenn sich Dinge verändern sollen, wenn etwas weggenommen oder zusammengelegt werden soll, stößt das naturgemäß auch auf Widerstand bei den Betroffenen. Wie erklären Sie den Besorgten, was dabei auch Gutes für sie herauskommen kann?

Bammel: Allen ist klar, dass Kleinteiligkeit nicht die Zukunft ist. Die Gemeinden auf der regionalen Ebene sind größer, damit sie ein Schirm sein können, der ermöglichen soll, dass Gemeinden lokal aktiv und vital sein können. Gemeinde entsteht auch manchmal auf Zeit, manchmal nur um ein bestimmtes Projekt herum, Gemeinde entsteht auch dort, wo Kindergärten sind, wo ein Krankenhaus ist und eine Struktur von Ehrenamtlichen unter der Leitung einer professionellen Seelsorgerin ist. Es gibt mehr kirchliche Orte als die klassische Ortsgemeinde. Damit wir Professionalität finanzieren können und Pfarrpersonen von Verwaltung entlastet werden und sich wieder mehr um Seelsorge kümmern können, müssen wir Ressourcen zusammenlegen. Das geschieht in Zukunft auf den regionalen Ebenen.

„Braunschweig traut sich weiterzudenken als bis zum Ende des Jahrzehnts.“

Rundblick: Sie haben angesprochen, dass die ostdeutsche Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), in der Sie zuletzt in leitender Funktion tätig waren, schon viel länger mit sinkenden Mitgliederzahlen und anderen Veränderungen zu kämpfen hat. Würden Sie sagen, dass der braunschweigische Ansatz im Vergleich zu dem, was in anderen Landeskirchen passiert, besonders innovativ ist?

Bammel: Im Osten unseres Landes haben wir sicherlich einen gewissen Problemvorsprung in den vergangenen Jahren gehabt. Dort gibt es Gemeinden, die damit konfrontiert sind, dass die evangelische Mitgliedschaft in einer Stadt nur bei sieben Prozent oder noch weniger liegt. Vom Umgang damit können wir eine Menge lernen. Braunschweig traut sich weiterzudenken als bis zum Ende des Jahrzehnts. Wir bereiten uns heute schon auf morgen vor. Wir antizipieren Zukunftsszenarien und denken über unsere Generation hinaus. Das halte ich für sehr unterstützenswert.

Rundblick: Denkt man diesen Weg weiter, stellt sich da nicht auch die Frage, ob es wirklich noch fünf evangelische Kirchen in Niedersachsen geben muss?

Bammel: Strukturvereinfachungsfragen gehören auch auf die landeskirchliche Ebene. Ich erlebe in Niedersachsen ein phantastisches Modell mit der Konföderation evangelischer Kirchen. In den ersten Gesprächen habe ich immer wieder erfragt, wo wir diese Zusammenarbeit vertiefen, verdichten, noch stärker routinisieren, noch besser miteinander die Lasten tragen können. Die Frage, wie wir auch auf dieser Ebene Strukturen vereinfachen können, ist immer wieder präsent. Und wenn alle Gremien einen guten Konsens miteinander haben, gehen wir darauf zu. Jetzt geht es erst mal darum, die Transformationsschritte, die die Landeskirche ins Auge gefasst hat, miteinander anzugehen.

„Seelsorge ist gefragt. Sie bleibt die Muttersprache der Kirche.“

Rundblick: Ihre Landeskirche reicht über Niedersachsen hinaus, die beiden Exklaven Calvörde und Blankenburg liegen im benachbarten Sachsen-Anhalt. Wie sehr beschäftigt Sie deshalb die Landtagswahl im kommenden Herbst?

Bammel: Die anstehende Landtagswahl beschäftigt uns sehr. Aber nicht erst die Wahl, Demokratie ist mehr, als wählen zu gehen. Demokratie bedeutet Beteiligung, Mitwirkung. Viele Menschen aus der evangelischen Kirche engagieren sich, vernetzen sich, sind Teil von demokratischen Bündnissen. Wenn es darum geht, Demokratiefeste zu organisieren und Zeichen zu setzen, sind auch die Kirchengemeinden dabei. Mich beschäftigt schon länger, woher die Radikalisierung bei einem Teil der Menschen in unserem Land kommt. Woher kommt die Radikalisierung in der Sprache? Woher kommt die Radikalisierung in ausgrenzenden Gesten und Grenzverschiebungen? Wir wissen aus Studien, dass es auch mit seelischer Verarmung zu tun hat, mit Frustration, mit Ressentiments. Ich bin nicht dazu berufen, abschließende Analysen zu geben. Aber die Frage treibt mich um. Und mich treibt auch die Frage um, was wir als zivilgesellschaftliche Kraft tun können, die sich sorgt um die Seele von Stadt und Land. Ich glaube, wir können offene Räume schaffen, Gespräche und Lebensbegleitung anbieten. Es nimmt nicht wunder, dass gerade Lebensberatungsstellen die höchste Nachfrage haben in unserer Landeskirche. Seelsorge ist gefragt. Sie bleibt die Muttersprache der Kirche.

„Wir sollten immer wieder und bei jeder Gelegenheit das Gespräch suchen“, sagt die Landesbischöfin im Podcast-Studio. | Foto: Beelte-Altwig

Rundblick: Sie sagen sehr deutlich, die AfD sei für einen evangelischen Christen nicht wählbar. Warum?

Bammel: Mich erschreckt, in welcher Weise im Wahlprogramm der AfD formuliert wird. Wenn davon gesprochen wird, dass Engagement unterstützt werden soll bei allen Vereinen, die eine patriotische Grundhaltung haben, dann gehen bei mir alle Alarmglocken an. Und es gehen bei mir alle Alarmglocken an, wenn Menschen meinen, man sollte die AfD mal machen lassen, dann entlarve sie sich selber. Ich traue dem nicht. Aber ich habe Vertrauen in eine Gesellschaft, die weiß, dass es sich besser gemeinsam lebt, wenn wir einander teilhaben lassen. Alle, egal woher wir kommen, egal welche Gaben und Handicaps wir einbringen, egal welche sozialen Voraussetzungen wir mitbringen. Dass Teilhabe, Respekt und Achtung vor der Menschenwürde eine Gesellschaft wachsen lassen und dass es eine Gesellschaft vergiftet, wenn diese Werte in Frage gestellt werden.

„Kirche ist eine jahrhundertelang präsente Kraft, die sich darauf konzentriert, da zu sein für die Menschen.“

Rundblick: Die AfD in Sachsen-Anhalt positioniert sich in ihrem Wahlprogramm auch gegen die Landeskirchen, zumindest gegen das Kirchenasyl oder die Staatskirchenleistungen. Das sind allerdings Punkte, die nicht extrem sind: Dass die Staatskirchenleistungen auslaufen sollen, verlangt das Grundgesetz. Und das Kirchenasyl ist auch in der Mitte der Gesellschaft eine umstrittene Grauzone. Sehen Sie das anders?

Bammel: Die Positionierung der AfD gegen Landeskirchen geht weit über das hinaus. Wenn AfD-Politiker von „Kirchensteuerkirche“ oder „Regenbogenkirche“ reden, dann ist das eine abwertende Rhetorik. Dagegen stehe ich sehr klar und deutlich. Was wir als Kirchen miteinander für den gesellschaftlichen Zusammenhalt tun und leisten, läuft deshalb, weil sich Menschen dafür einsetzen, weil sie ihre finanzielle Kraft dort einbringen. Denken wir an Angebote für Jugendliche, für Kinder, für Senioren, für Menschen in Lebenskrisen, Angebote für Menschen in Krankenhäusern wie auch in Gefängnissen. Ohne diese Angebote wäre unsere Gesellschaft weitaus ärmer. Das heißt nicht, dass wir unsere Daseinsberechtigung daraus beziehen – ganz und gar nicht. Kirche ist eine jahrhundertelang präsente Kraft, die sich darauf konzentriert, da zu sein für die Menschen. Wenn es beispielsweise darum geht, Trauer in Katastrophenzeiten zu teilen. Oder wenn Menschen davon sprechen, was es heißt, dass wir aus Gnade das sind, was wir sind. Das teilen Christen, und sie tun das in einer säkularen Gesellschaft, die sie bejahen. Die Möglichkeit, in Vielfalt miteinander zu leben, sehe ich gefährdet, wenn extreme Kräfte Einfluss gewinnen.

Rundblick: Im Osten Deutschlands ist die AfD schon viel länger viel stärker als beispielsweise hier in Niedersachsen. Was haben Sie in der EKBO für Erfahrungen gemacht im Umgang mit den Wählern der AfD?

Bammel: Wir sollten immer wieder und bei jeder Gelegenheit das Gespräch suchen und nachfragen, warum Menschen ihre Schlussfolgerungen ziehen. Es kann verschiedene Gründe für eine Verunsicherung geben. Zum Beispiel, wenn Infrastruktur abgebaut wurde oder die Gesundheitsversorgung weit weg ist. Einsamkeit ist ein Riesenproblem, das auch eine politische Dimension hat. Es mag auch Irritation auslösen, wenn Rollenbilder von Mann und Frau für Etliche ins Wanken gekommen sind. Neben dem Nachfragen sollten wir aber auch nichts schönreden. Es ist nicht schönzureden, dass Veränderungen, wie beispielsweise in der Lausitz, schmerzhafte Einschnitte gewesen sind. Niemand sollte ein gelobtes Land versprechen. Wir sollten ehrlich sein, dass Veränderungen nicht von heute auf Morgen möglich sind. Die Welt ist komplex und alles, was wir tun können, ist, in der Komplexität Handlungsspielräume zu schaffen, damit Menschen wieder Wirksamkeit erleben.


Im kompletten Podcast-Gespräch erfahren Sie außerdem, welche Stationen auf ihrem Lebensweg Landesbischöfin Bammel besonders geprägt haben, und welche Rolle sie der Kirche in der politischen Meinungsbildung beimisst.

Dieser Artikel erschien am 18.8.2026 in Ausgabe #139.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter

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