(rb) Bis vor einigen Jahren waren berufstätige Mütter und Väter froh, wenn sie für ihren Nachwuchs einen Platz im Kindergarten ergattern konnten, der werktags wenigstens bis 13.30 oder sogar bis 14 Uhr geöffnet hatte und inklusive warmes Mittagessen war. Die mal mehr, mal weniger netten „Tanten“ übergaben in der Regel glückliche, verschwitzte, angedreckte Vorschulkinder, an manchen Tagen mit kleinen Kratzern oder größeren Schürfwunden. Alles war gut. Heute ist das anders. Der Kindergarten ist keiner mehr, sondern die Brutstätte „Frühkindlicher Bildung“. Dort kommen schon Säuglinge in den Genuss ausgeklügelter Förderung. Selbst das Windelwechseln, das Zähneputzen und die gemeinsamen Mahlzeiten folgen sozialpädagogischen Konzepten. Ausgiebige, selbstbestimmte Spiel- und Tobezeiten sind passé. Mittlerweile ist auch der Tag in der Kita eng getaktet: Gezielte Sprachbildung und -förderung, angeleitetes Spiel, nachhaltige Gruppenrituale, Motorik-Training, musikalische und künstlerische Früherziehung, Fremdsprachen etc. Die Entwicklung der Kinder soll minutiös dokumentiert werden. Da reicht natürlich keine einfach Ausbildung als Kinderpflegerin, Sozialassistent oder Erzieherin mehr. Zusätzliche Qualifikationen müssen her, fordern Hochschulen, Gewerkschaften und zunehmend auch die Bildungspolitik – am besten würden flächendeckend Akademiker/innen in die Leitung und in die Gruppen der Krippen und Kitas einziehen, heißt es.
Noch schreitet die Akademisierung des Kita-Personals in Deutschland langsam voran und entwickelt sich zudem regional unterschiedlich: Im vergangenen Jahr hatten 29 455 Fachkräfte einen Hochschulabschluss. 2006 waren es erst 11 303. Der Anteil der Akademiker/innen am pädagogischen und leitenden Personal (bundesweit knapp 550 000) stieg damit seit 2006 lediglich um 2,2 Prozent auf 5,4 Prozent. Das zeigt die aktuelle Auswertung des „Fachkräftebarometers Frühe Bildung“. Die vom Bundesbildungsministerium, der Robert Bosch Stiftung und dem Deutschen Jugendinstitut geförderte „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF)“ hat diese Daten mittlerweile zum zweiten Mal erhoben. Danach variieren die Anteile akademisch ausgebildeter Kita-Fachkräfte in den Ländern: Deutlich über dem Bundesdurchschnitt lag Mecklenburg-Vorpommern mit 13 Prozent, gefolgt von Hessen (10 Prozent) sowie den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und dem Land Sachsen mit jeweils neun Prozent. Niedersachsen liegt mit fünf Prozent im Bundesdurchschnitt. Beim akademischen Leitungspersonal haben Hamburg (48 Prozent), Bremen (45 Prozent) und Sachsen (39 Prozent) die Nase vorn, während in Baden-Württemberg, Bayern und Brandenburg nur jede zehnte Kita von Akademiker/innen geleitet wird. Der Bundesschnitt liegt bei 16 Prozent. Nach wie vor stellen die an Fachschulen ausgebildeten Erzieher/innen mit rund 70 Prozent den größten Anteil am pädagogischen und leitenden Personal in der Kita. An zweiter Stelle folgen Beschäftigte mit einer Berufsfachschulausbildung (13 Prozent), zumeist in der Kinderpflege.
Wenn es nach dem Willen von ver.di ginge, würden Kinderpflegerinnen und Sozialassistenten in den Krippen und Kitas bald gar nicht mehr eingesetzt. Die Dienstleistungsgewerkschaft macht seit geraumer Zeit Druck mit einem eigenen Gesetzentwurf zur Novelle des Niedersächsischen Kita-Gesetzes, die von der rotgrünen Landesregierung seit 2013 in Aussicht gestellt wird. Nach den Vorstellungen der Gewerkschaft sollen die „Zweitkräfte“ in den Gruppen, mittelfristig auch die dritten Kräfte, ausschließlich Erzieher/innen sein, die Betreuungsrelation in den Gruppen massiv sinken, gleichzeitig die pauschalen Freistellungen für Vorbereitung und für Fortbildung deutlich steigen. Das ver.di-Gesetz würde ein Drittel mehr Personal bzw. mindestens 450 Millionen Euro Zusatzkosten pro Jahr bedeuten.
Abgesehen von den Kosten, die am Ende auch die Eltern übernehmen müssten, lässt dieser Ansatz außer Acht, dass pädagogisches Personal derzeit nicht nur händeringend gesucht wird, sondern es durchaus Fachkräfte gibt, die die nächste Ausbildungsstufe nicht schaffen, aber dennoch hervorragend mit Kindern umgehen können. Die Leitungen nach und nach mit Hochschulabsolventen zu besetzen, ist mit Sicherheit sinnvoll – allein schon, um den immer anspruchsvolleren Eltern auf Augenhöhe begegnen zu können. Wem nützt aber eine durchgängige Höherstufung bis hin zur Akademisierung im Krippen- und Kita-Bereich? Frühkindliche Bildung hin oder her: Fürs Wickeln und Füttern braucht es keinen Hochschulabschluss. Kindern Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, sie stärken, gemeinsam Spaß haben – darauf kommt es in der Kita an. Das ist weniger eine Frage der Qualifikation als eine der Persönlichkeits- und Herzensbildung. briDieser Artikel erschien in Ausgabe #96.