Man kennt diese Bilder aus dem Profisport: Ein überbezahlter Neuzugang hält bei der Vorstellung das neue Trikot in die Kamera und behauptet, schon als Kind von diesem Verein geträumt zu haben. Friedrich Merz hat dieses Ritual nun in die Weltpolitik übertragen und Donald Trump beim G7-Gipfel ein DFB-Trikot überreicht, das dieser mit gequältem Blick kurz der Presse präsentierte.

Doch wer neben dem Bundeskanzler ein DFB-Trikot mit seinem Namen drauf in die Kamera hält – und sei’s auch nur für drei Sekunden –, gehört ab sofort zum Kader und muss sich der Einzelkritik stellen. Hier das Länderspielzeugnis für Donald Trump nach dem Treffen der Staatschefs in Évian:
Zweikampfverhalten: Trotz enormer physischer Präsenz verweigerte er jede Laufarbeit. Sogar Merz' Geburtstagsgeschenk nahm er im Sitzen entgegen und ließ sich nicht einmal zu einem Handschlag im Stehen bewegen. Einen entscheidenden Zweikampf verlor er gegen die Geografie, als er im Gespräch mit dem Emir von Katar behauptete, der Iran sei für diesen fußläufig erreichbar. „Sie können direkt über die Grenze gehen, also sind Sie in einer viel gefährlicheren Position“, sagte Trump. Zwischen den beiden Staaten liegt allerdings noch der Persische Golf.
Taktisches Verständnis: Vor dem Turnier ließ der US-Präsident gleich eine G7-Gipfelerklärung platzen, immerhin blieb er aber diesmal bis zum Abpfiff auf dem Platz. Im Spielaufbau zeigte er sich flexibel: Während er Ukraines Präsident Selenskyj am runden Tisch noch eiskalt die Schulter zeigte, stimmte er kurz darauf überraschend harten Ölsanktionen gegen Russland zu. Er bleibt eben ein Spieler, der alle taktischen Vorgaben ignoriert, durch unerwartete Einzelaktionen dann aber doch jedes Match belebt.
Teamgeist und Mannschaftssinn: Nach dem Abpfiff bemühte sich Friedrich Merz am Mikrofon um maximale Schadensbegrenzung und sprach von einer „hohen politischen Übereinstimmung zu den großen Themen“. Auf dem Platz sah das freilich anders aus: Doppelpässe zwischen den beiden Staatschefs suchte man vergeblich. „Schließlich spielen wir im selben Team", kommentierte Merz bei X die Trikotübergabe. Ob das der Beschenkte genauso sieht, bleibt weiterhin offen.
Fazit der Redaktion: Note 5. In der Fußballwelt galt der sogenannte „Stehgeiger“, der das Spiel dirigiert, während er selbst auf der Stelle verharrt, lange als ausgestorben. Donald Trump beweist das Gegenteil. Der US-Präsident versteht sich als genialer Spielmacher, der jede Partie im Alleingang entscheidet. Für Laufarbeit, Pressing oder gar Mannschaftsdienlichkeit fühlt er sich allerdings nicht zuständig. Nach dem Fifa-Friedenspreis ist das Deutschland-Trikot vermutlich das nächste Fußballaccessoire, das nun in einer Besenkammer des Weißen Hauses verstaubt.
Doch die Welt dreht sich nicht nur um Fußball, sondern auch ein bisschen um die Politik. Darum haben wir in der heutigen Rundblick-Ausgabe folgende Themen für Sie:
Kommen Sie sportlich durch den Tag. In die Kabine verabschiedet sich
Ihr Christian Wilhelm Link


