29. Apr. 2020
Soziales

Kirchen und Ärzte wollen „Ethikrat“ für Corona-Krise

Eine Initiative von vier niedersächsischen Persönlichkeiten hat gestern öffentlich vorgeschlagen, die Landesregierung möge einen „Ethikrat“ berufen, der Ratschläge zum Umgang mit heiklen Fragen gibt – etwa dazu, wie mit kranken und alten Menschen in den Zeiten der Corona-Epidemie umgegangen werden soll. Für den Initiativkreis, der die Forderung vehement unterstützt, stehen Martina Wenker als Präsidentin der niedersächsischen Ärztekammer, der evangelische Landesbischof Ralf Meister, der katholische Bischof des Bistums Osnabrück Franz-Josef Bode und die SPD-Landtagsabgeordnete und Ärztin Thela Wernstedt.
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Nach Ansicht dieser vier solle die Landesregierung ein Gremium einsetzen, das sie ständig berät und in ethischen Fragen Hilfestellungen leistet. Hier sollten auch Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Wissenschaft und die Pflegekammer vertreten sein. In der Vorstellung von Wenker, Wernstedt, Meister und Bode wurde schnell deutlich, in welche Richtung ihre Vorstellungen zielen: Alte Menschen in Pflegeheimen dürften „nicht eingesperrt werden“ (Wenker), ihnen drohe „eine soziale Ghettoisierung“ (Meister), er befürchte „die Gefahr einer Verschiebung ethischer Standards“ (Bode) und „eine Kategorisierung von Menschen nach ihrem Alter, die dem Grundgesetz widerspricht“ (Wernstedt).

Initiatoren finden bei der Landesregierung kein Gehör

Nach Wenkers Worten werden alte Menschen in Pflegeheimen isoliert zu ihrem eigenen Schutz, obwohl sie gar nicht gefragt werden, ob sie das überhaupt wollen. Nötig seien intelligente Lösungen, so Meister, damit diese Menschen weiter an der Gesellschaft teilhaben können. Für Wenker zählen dazu auch regelmäßige Tests, die eine Corona-Infektion anzeigen und all denen, die negativ getestet sind, mehr Freiräume ermöglichen. Die Kassen wollten diese Tests nicht zahlen, da es um die Seuchenbekämpfung gehe, die Kommunen nicht, da die Betroffenen noch nicht erkrankt seien. „Es muss aber eine Lösung geben“, fordert die Ärztekammerpräsidentin. https://www.youtube.com/watch?v=ogkbXhhmoPA Die vier Initiatoren haben seit längerem versucht, für ihren Vorschlag Unterstützung in der Landesregierung zu finden – bisher jedoch vergeblich. Dass sie jetzt damit in die Öffentlichkeit gegangen sind, ohne ein mögliches grünes Licht von Ministerpräsident Stephan Weil abgewartet zu haben, zeigt eine gewisse „Flucht nach vorn“ an. Es ist zu bezweifeln, dass damit die Erfolgsaussichten eines solchen Beratungsgremiums gewachsen sind.

Das Corona-Geschehen spielte sich am gestrigen Mittwoch noch auf anderen Baustellen ab:

Schwarze Zahlen trotz Corona-Krise: Der Volkswagen-Konzern muss laut Nord/LB-Analyst Frank Schwope in diesem Jahr zwar mit deutlichen Gewinnrückgängen, aber nicht zwangsweise mit roten Zahlen rechnen. Die ersten Monate dieses Jahres waren für den Wolfsburger Autobauer allerdings fatal. Im ersten Quartal ging die Zahl der Fahrzeugauslieferung um fast ein Viertel, im März sogar um fast 38 Prozent zurück. Allerdings keimt laut Nord/LB vor allem am chinesischen Markt Hoffnung auf. Im April könnte dort das Minus nur noch im einstelligen Prozent-Bereich liegen, heißt es in einer Analyse. Zudem dürfte die Wiederaufnahme der Produktion in 32 von 33 chinesischen Werken den Weg auch für Europa aufzeigen. Man erwarte, dass die meisten Werke in Europa in den Monaten Mai oder Juni wieder mit der Fertigung beginnen könnten, allerdings nicht im Umfang der Vor-Krisen-Zeit. Tourismus-Konzept liegt vor: Wirtschaftsminister Bernd Althusmann hat sich mit seinen Amtskollegen in Stuttgart und Düsseldorf auf ein Drei-Phasen-Konzept zum Neustart der Tourismuswirtschaft verständigt: Zuerst sollten Zoos, Freizeitparks und Klettergärten wieder öffnen, dann Restaurants und eingeschränkt Ferienwohnungen und Hotels, erst später folge dann uneingeschränkt der Übernachtungstourismus. Wann die einzelnen Phasen beginnen, sollten die Länder „in Eigenverantwortung bestimmen“, heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums. Schub für Tele-Medizin: Die Corona-Krise sorgt auch in der Medizin für einen Digitalisierungsschub. AOK-Chef Jürgen Peter sagte am Mittwoch in der Landespressekonferenz, im vierten Quartal des vergangenen Jahres seien in Niedersachsen 75 telemedizinische Anwendungen abgerechnet worden. Im ersten Quartal waren es schon fast 14.000 – und das, obwohl die Corona-Krise gar nicht das gesamte erste Quartal umfasste. „Wir nehmen an, dass die Zahl der telemedizinischen Maßnahmen noch deutlich steigen wird. So schrecklich die Krise ist, in Sache Digitalisierung wird sich viel tun“, sagte Peter. Er und Sozialministerin Carola Reimann kündigten an, dass die 1400 Pflegeheime in Niedersachsen mit Tablets ausgestattet werden können – Land und Pflegekassen von insgesamt 340.000 Euro.  96.000 Menschen leben in Niedersachsen in Pflegeheimen. Reimann sagte, die Menschen in den Heimen seien derzeit aufgrund ihres Alters und der Vorerkrankungen einem ganz besonders hohen Risiko ausgesetzt. Aktuell seien bei 522 Bewohnern und 256 Beschäftigten in 107 Einrichtungen Infektionen nachgewiesen worden. Insgesamt seien 180 Pflegeheimbewohner an dem Virus gestorben, das sind bezogen auf die Gesamtzahl der Todesopfer durch das Coronavirus rund 43 Prozent.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #082.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter