
Die Unterrichtsversorgung an Niedersachsens allgemeinbildenden Schulen ist das dritte Jahr in Folge gestiegen. Von einer Trendumkehr will Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) allerdings noch nicht sprechen. „Was ich sagen kann, ist, dass die ergriffenen Maßnahmen wirken: Wir haben so viele Lehrkräfte im System wie noch nie.“ Der kommende August werde die Kultusverwaltung allerdings noch einmal herausfordern: Ab dem nächsten Schuljahr greift der Ganztagsanspruch für die erste Klasse der Grundschule. Zusätzlich gebe es viele Kinder, die im vergangenen Jahr auf Wunsch ihrer Eltern zurückgestellt wurden und die nun in diesem Jahr eingeschult werden müssen. „Wir arbeiten daran, diesen massiven Berg zu bewältigen“, sagte Ministerin Hamburg am Donnerstag in der Landespressekonferenz. Dort rechnete sie auch vor, wie sehr verschiedene Entwicklungen die Unterrichtsversorgung verschlechtert hätten, wenn nicht bereits entschieden gegengesteuert worden wäre. Allein die steigenden Schülerzahlen wären mit 0,2 Prozentpunkten zu Buche geschlagen. Insgesamt 827.524 Schüler werden in diesem Schuljahr unterrichtet, rund 1780 mehr als im Jahr davor. Das Pflichtfach Informatik machte 0,4 Prozentpunkte aus, der zusätzliche Basisunterricht in der Grundschule komme mit 0,6 Prozentpunkten obendrauf, die Stärkung der Leitungen kleiner Grundschulen mit 0,4 Prozentpunkten und die Zusatzbedarfe durch Inklusion und Ganztag mit 0,5 Prozentpunkten. Tatsächlich liegt der rechnerische Wert der Unterrichtsversorgung in diesem Jahr allerdings bei 97,2 Prozent und damit ganz leicht über dem Vorjahreswert. Besonders zufrieden zeigt sich die Kultusministerin allerdings mit einem anderen Wert: Auf jeden Schüler entfallen umgerechnet und gerundet 1,72 Lehrerstunden, im vorherigen Schuljahr waren es noch 1,69. Nur 2019 und 2020 ist dieser Wert laut Schulstatistik bereits höher gewesen. Niedersachsens Kultusministerin will mit dieser sogenannten Schüler-Lehrer-Relation einen besseren Indikator für die Qualität der schulischen Versorgung etablieren.
Je nach Schulform variiert die Unterrichtsversorgung in Niedersachsen weiterhin teils stark. Die Gymnasien liegen mit einem statistischen Wert von 101,2 Prozent weit vorn, die Hauptschulen mit nur 90,6 Prozent bilden das Schlusslicht. Nach der Besoldungsanhebung für Grund-, Haupt- und Realschullehrer plant Niedersachsens rot-grüne Landesregierung nun eine weitere Maßnahme, um mehr Lehrkräfte für Haupt- und Realschulen zu gewinnen. Künftig soll dazu an niedersächsischen Hochschulen ein Lehramtsstudium für den Sekundarbereich I eingeführt werden. Absolventen müssen dann erst am Ende festlegen, an welche Schulform sie gehen wollen, erläuterte Ministerin Hamburg. Das Wissenschaftsministerium sei dabei, diesen Studiengang vorzubereiten. Aber auch innerhalb einer Schulform erkennt das Kultusministerium eine Verteilproblematik. „Wir haben kein Bewerber-Problem, sondern ein Problem damit, dass die Bewerber auf ihre Wunschstellen zocken“, erläuterte Hamburg und appellierte an die angehenden Lehrkräfte, jene Stellen anzunehmen, die das Ministerium ihnen zur Verfügung stellt. Eine entgegenkommende Maßnahme will die Ministerin noch stärker bewerben: Berufseinsteiger können sich auch zunächst befristet an einer Schule anstellen lassen und können dann nach drei Jahren auf ihre Wunschschule wechseln. Von dieser befristeten Einstellung machen nach Angaben des Kultusministeriums aktuell erst 27 Lehrkräfte Gebrauch. Eine weitere Maßnahme, um auf die zögerliche Stellenannahme zu reagieren, stellen die Vertretungslehrkräfte dar. Das Budget für diese Notlösung stockt die Landesregierung in diesem Haushaltsjahr von 55 auf 63 Millionen Euro auf. Auf die Frage, ob damit nicht ein falscher Anreiz gesetzt werde, entgegnete die Ministerin, sie sehe keine Alternative, weil den Schulen das Personal sonst komplett fehle.


