So katastrophal, wie die Lage oftmals dargestellt wird, ist sie in der Realität allerdings nicht. Während in der Straßenbaubehörde in Nordrhein-Westfalen viele Ingenieure fehlen, ist das in Niedersachsen aktuell nicht der Fall. Und in Bezug auf die Elektroingenieure heißt es seitens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, es fehle vor allem an „billigen“ Ingenieuren. Man möge also die Klage über den sogenannten Fachkräftemangel nicht übertreiben. Auch an den Universitäten werden derzeit tausende Ingenieure ausgebildet, die dem Arbeitsmarkt in der Zukunft zur Verfügung stehen werden. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird – auch nicht bei den Ingenieuren.
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Das bedeutet allerdings nicht, dass man die Hände in den Schoß legen kann. Der demographische Wandel wird den Mangel an Fachkräften automatisch verstärken. Jeder sollte deshalb jetzt die Aufgaben angehen, um diesem Mangel so gut es geht vorzubeugen. Die Bundespolitik sollte das Gerede von der Green Card oder Blue Card ad acta legen und endlich ein echtes Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen. Dazu gehört auch ein professionelles Standort-Marketing, um Ingenieure aus dem Ausland für das Land zu begeistern. Deutschland ist für viele ausländische Kräfte, allein schon wegen der sprachlichen Hürde, nicht so ansprechend wie viele immer denken. Man muss schon etwas dafür tun, um den indischen Ingenieur zu überzeugen, ins Schaumburger Land oder nach Wolfsburg zu ziehen.
Die Unternehmen müssen auch älteren Fachkräften eine Chance geben und die jungen mit modernen Konzepten überzeugen. Firmen an unattraktiven Standorten haben es da naturgemäß schwerer. Aber da für die Absolventen von heute das Gehalt allein oft nicht mehr im Zentrum steht, müssen die Unternehmen die Chancen nutzen, die sich daraus ergeben. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zum Beispiel mit einem Betriebs-Kindergarten, oder weniger starre Hierarchien und mehr Verantwortung können vermutlich manchen Bewerber überzeugen.
Und das Land Niedersachsen? Es kann im Gehaltspoker mit vielen Unternehmen nicht mithalten. Deshalb spielt das Wirtschaftsministerium die richtige Karte. Soziale Sicherheit, Weiterbildungen und flexible Arbeitszeitregelungen können der richtige Weg sein, um junge Fachkräfte von einem Job im Landesdienst zu überzeugen. Für alle Stellenanbieter gilt: Es wird schwieriger werden, die geeigneten Kandidaten zu finden. Die 08/15-Stellenanzeige, die zu einer Flut von überzeugenden Bewerbungen auf dem Schreibtisch führte, gehört schon heute zum Teil der Vergangenheit an. Für die Fachkräfte von morgen, die an diesem Montag noch in einem Seminar an der Uni sitzen, ist das eine gute Perspektive.
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