9. Dez. 2018
Wirtschaft

Immer mehr Menschen sind arm, obwohl die Wirtschaft weiter brummt

Viel Licht offenbarten die jüngsten Statistiken zu Niedersachsen, aber auch einige Schatten sind dabei. Mit diesen Worten stellte Simone Lehmann, Präsidentin des Landesamts für Statistik, den neusten Niedersachsen-Monitor vor. Es ist eine Zusammenfassung der wesentlichen Daten über das Leben in Niedersachsen im vergangenen Jahr. Besonders gute Nachrichten kommen aus der Wirtschaft: Die Konjunktur brummt, die Auftragslage ist so gut wie lange nicht, die Steuereinnahmen steigen, immer weniger Unternehmen gehen pleite und immer weniger Menschen sind arbeitslos. Doch es liegt auch ein Schatten auf der Wirtschaft: „Die Wirtschaft wächst, aber nicht alle profitieren davon“, sagt Lehmann. Denn knapp jeder sechste Niedersachse war im vergangenen Jahr von Einkommensarmut betroffen, insgesamt mehr als 1,2 Millionen Menschen.
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Im Vergleich mit 2016 ist die Zahl der von Armut gefährdeten Menschen um 0,2 Prozent auf 15,8 Prozent leicht zurückgegangen, doch ein Blick in die langfristige Statistik zeigt, dass ihr Anteil über die vergangenen 13 Jahre um 0,7 Prozent gestiegen ist. Aus Sicht der Statistiker dürfte sich dieser langfristige Trend auch fortsetzen, wenn sich die gute Konjunkturentwicklung nicht auch in der Arbeitsmarkt- und Einkommensentwicklung niederschlägt. Doch woran liegt das, dass trotz sozialversicherungspflichtiger Arbeit immer öfter das Geld fehlt? Und wer ist besonders von Armut gefährdet? Eigentlich müsste davon auszugehen sein, dass die Armut sinkt. Denn durch die gute Beschäftigungslage ist auch das durchschnittlich verfügbare Einkommen pro Einwohner gestiegen. Etwa 21.045 Euro netto hatte jeder Niedersachse im Jahr 2016 zur Verfügung, 400 Euro mehr als noch im Vorjahr und zehn Prozent mehr als 2011. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht durch den Konjunkturaufschwung Fachkräftemangel, doch Ungelernte und Geringqualifizierte haben es zunehmend schwer, Arbeit zu finden. Bei den Löhnen im unteren Drittel hat sich bisher wenig getan. Dafür ist die Armutsgefährdungsschwelle über die Jahre immer weiter angestiegen. Galt 2005 ein Einpersonenhaushalt in Niedersachsen als armutsgefährdet, wenn er 730 Euro netto pro Monat zu Verfügung hatte, so waren es im vergangenen Jahr 980 Euro. Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern mussten im vergangenen Jahr mindestens 2059 Euro netto zur Verfügung haben, um nicht in Armut zu leben. Mindestsicherung, also staatliche Finanzhilfen zur Existenzsicherung, bekamen im Jahr 2016 insgesamt 768.718 Menschen, knapp jeder zehnte Niedersachse. Im Vergleich zu 2011 stieg ihre Zahl um 14,4 Prozent. Das höchste Risiko, arm zu werden, haben nach wie vor Arbeitslose (55 Prozent). Auch Alleinerziehende rutschen oft in die Armut ab, allerdings nicht mehr so häufig. Die Quote der armutsgefährdeten Alleinerziehenden sank zum zweiten Mal in Folge um 2,8 Prozent auf 42,1 Prozent. Von Armut besonders gefährdet sind zudem Menschen mit Migrationshintergrund. 41 Prozent hatten im vergangenen Jahr weniger Geld zur Verfügung als für ausreichend befunden wird. Obwohl die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich zurückgeht, sind trotzdem mehr Menschen auf Hartz IV angewiesen. 607.553 Niedersachsen lebten im vergangenen Jahr in einem Haushalt, der Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld erhielt. Im Vorjahr waren es noch 602.251 Menschen gewesen. Der Anstieg lässt sich durch die Flüchtlinge erklären, die im vergangenen Jahr durch ihre Anerkennung als Asylbewerber in zunehmender Zahl vom Bereich der Asylbewerberleistungen in die Grundsicherung für Arbeitsuchende verschoben wurden. Auch wenn die Zahl der deutschen Hartz IV-Empfänger im vergangenen Jahr gesunken ist, so konnte der Zuwachs bei den auf Hartz IV angewiesenen Ausländern nicht kompensiert werden.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #220.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum