18. Apr. 2021
Wirtschaft

IHK sieht „extreme Zweiteilung“ in der Wirtschaft

Die Wirtschaft in Niedersachsen entwickelt sich in der Corona-Krise in zwei unterschiedliche Richtungen. Die Industrie- und Handelskammer Niedersachsen stellt eine „extreme Zweiteilung“ der Wirtschaft fest. Während die Industrieunternehmen Licht am Ende des Corona-Tunnels sehen und optimistischer in die Zukunft schauen, kämpfen zahlreiche andere Branchen ums Überleben. „Unternehmen, denen es nicht gut geht, haben ihre Liquiditätshilfen inzwischen weitgehend aufgebraucht“, sagte Mirko-Daniel Hoppe, Sprecher für Konjunktur und Volkswirtschaft der IHKN. Gerade im Bereich Unterhaltung und Erholung, dazu gehören zum Beispiel Hotels oder Discotheken, kämpfen Unternehmen ums Überleben. Viele Firmen, darunter auch zahlreiche Einzelhändler, stünden vor dem Ruin, da sie ihren Geschäften nur eingeschränkt oder gar nicht nachgehen dürften, heißt es bei der Kammer. Nach Ansicht der Wirtschaftsexperten bei der IHK wird man die dramatischen Probleme vieler Unternehmer nicht nur durch eine steigende Kurve bei den Insolvenzen erkennen, wenn die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht beendet ist. „Wir haben die Befürchtung, dass gerade Kleinbetriebe mit ihrer Schließung gar nicht aktenkundig werden. Sie sterben möglicherweise einen leisen Tod. Das Geschäft wird in der Innenstadt einfach nicht mehr da sein“, befürchtete IHKN-Hauptgeschäftsführer Marco Graf. Ein Blick allein auf die Insolvenzzahlen mache die wahre Größe des Problems nicht deutlich. Es werde Geschäfte geben, die gar nicht insolvent seien, sondern einfach aufgäben, weil es sich nicht mehr lohne.

In vielen Branchen sei die Stimmung schlecht, in einigen perspektivlos. Die IHKN forderte deshalb eine klare Perspektive für die Unternehmen. „Ein Befreiungsschlag ist nötig. Die Gastronomie ist inzwischen seit Anfang November im Lockdown, der größte Teil des Einzelhandels seit Dezember“, sagte Graf. Die Wirtschaft trage einen großen Teil der Lasten der Pandemiebekämpfung. Eine weitere Ausweitung des Lockdowns kann man sich auch angesichts steigender Inzidenzwerte kaum vorstellen. Eine komplette Schließung aller Betriebe und der kompletten Wirtschaft sei nicht akzeptabel, erklärte Hoppe. Teilweise sei das produktionstechnisch auch gar nicht möglich, man könne keine Chemieanlage einfach so herunterfahren. Industrie und Handel setzten ihre Hoffnung nun auf die Impfkampagne. „Mit den schnell steigenden Impfquoten können wir der neuen Normalität schneller näherkommen. Das lässt sich in anderen Ländern gut beobachten“, sagte Hoppe. Alles stehe und falle mit der Impfgeschwindigkeit

Aufgrund der großen Unterschiede in der Wirtschaft gibt die Gesamtschau auf die Daten der IHKN-Konjunkturumfrage das aktuelle Bild nur ungenau wider. So ist der Konjunkturklima-Indikator, der die Antworten von 2000 Unternehmen in Niedersachsen zusammenfasst, zwar um ein fünf Punkte auf 96 gestiegen. Allerdings liegt er im Bereich „Unterhaltung, Erholung“ am Boden, im Facheinzelhandel bei knapp 60 und in der Industrie bei knapp 110. Sie ist gerade der Grundpfeiler der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Erholung der Industrie setze sich fort, die Exporterwartung liege zwar noch unter dem langjährigen Durchschnitt, steigt aber wieder deutlich, berichtete Hoppe. Allerdings kämpfen viele Betriebe gerade mit einer Knappheit beim Material. Es fehlt an Rohstoffen, wie zum Beispiel Holz oder Papier. Das führt zu steigenden Rohstoffpreisen. Auch die Baubranche klagt über teurere Baumaterialien und Engpässen bei den Materialien. Eine zweigeteilte Branche ist derweil auch das Verkehrsgewerbe. Den aktuellen Konjunkturzahlen der IHKN zufolge läuft es beim Güterverkehr einigermaßen zufriedenstellend, Busse und Taxen seien aber nach wie vor nicht wirtschaftlich zu betreiben.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #072.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter