Handwerk fordert „gelebte Gerechtigkeit“ bei Ausbildung in Hochschule und Betrieb
Die niedersächsische Handwerkskammer fordert die Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Ausbildung. „Das muss ein übergeordnetes politisches Ziel sein. Wir brauchen eine nachhaltige Politikwende, weil das System in Gefahr ist“, sagte der Kammer-Vorsitzende Karl-Wilhelm Steinmann in Hannover. Das aktuelle Ungleichgewicht werde deutlich, weil es auf der einen Seite zahlreiche Studienabbrecher, auf der anderen Seite aber auch einen akuten Fachkräftemangel gebe. Das Kultusministerium müsse den Erlass zur Berufsorientierung jetzt mit Leben füllen. Das gelte vor allem für die verbindliche Berufsorientierung in der gymnasialen Oberstufe. „Die Berufsorientierung muss in der Leitungsebene aufgehängt werden. Man muss sie zur Chefsache machen“, forderte Steinmann. Die Lehrer müssten kurzfristig geschult werden, mittelfristig müssten ihnen Hilfsmittel an die Hand gegeben werden. Langfristig müsse das Fach „Berufsorientierung“ in die Lehrerausbildung integriert werden. Zugleich ärgert man sich im Handwerk immer noch über die Unterrichtsversorgung in Berufsschulen. „Ein Versorgungsgrad von unter 90 Prozent ist nach wie vor alarmierend. Und nur 109 Quereinsteiger bei einem Bedarf von rund 1000 Berufsschullehrern ist eine magere Quote. Da geht mehr“, sagte Steinmann. Für Hildegard Sander, Hauptgeschäftsführerin der niedersächsischen Handwerkskammer, wäre es schon einer erster Schritt, wenn es an den Berufsschulen eine Lehrerversorgung wie an den Gymnasien geben würde. „Das wäre für mich auch gelegte Gleichwertigkeit“, betonte Sander. In der Realität liegen bei der Unterrichtsversorgung zwischen Berufsschulen und Gymnasien zehn Prozentpunkte.
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Eine Umfrage der Kammer unter den Mitgliedsunternehmen brachte zugleich positive Zahlen hervor. So sind 86 Prozent der Betriebe mit ihren Auszubildenden zufrieden oder sehr zufrieden. Die Unternehmen loben dabei vor allem soziale Kompetenzen wie Motivation, Teamfähigkeit und Disziplin. Diese Fähigkeiten spielten für die Betriebe auch eine immer größere Rolle. Defizite sehen die Ausbilder vor allem bei den elementaren Rechenfertigkeiten sowie beim mündlichen und schriftlichen Ausdrucksvermögen. „Das ist verwunderlich, weil wir es schon seit Jahren sagen. Das sollte man eigentlich auf Landesebene einmal verstehen. Es kann doch nicht so schwierig sein, an der Stelle Abhilfe zu schaffen“, sagte Steinmann. Viele Unternehmen engagierten sich inzwischen allerdings auch stärker, um schulische Defizite auszugleichen. 40 Prozent bereiteten ihre Auszubildenden auf die Lehre vor, 60 Prozent schulten sie auf eigene Kosten betriebsintern oder auch mit externer Unterstützung zusätzlich zur Berufsschule.
In Zeiten des Fachkräftemangels müssen sich die Unternehmer stärker bemühen, Auszubildende zu finden und zu halten. Die Hälfte der Betriebe leistet inzwischen finanzielle Unterstützung bei der Weiterbildung, zum Beispiel für Schulbücher oder Nachhilfestunden. Rund ein Drittel gibt etwas zu den Fahrkosten, mehr als ein Viertel Geld für den Führerschein dazu. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche individuelle Anreize. Sie reichen vom Fitnessstudio- oder Handyvertrag bis hin zum E-Bike. Bis Ende August verzeichneten die Handwerkskammern knapp 15.500 Ausbildungsverträge – ein Plus von 3,6 Prozent. Der Bedarf konnte damit allerdings nicht gedeckt werden. 60 Prozent der Betriebe konnten der Umfrage zufolge ihre Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzen, bei vier Fünfteln gingen die Bewerberzahlen zurück. Insgesamt haben die 83.000 Handwerksbetriebe in Niedersachsen fast 540.000 Mitarbeiter. Hildegard Sander warb um Auszubildende für das Handwerk: „Ob Infrastruktur oder Wohnungsbau: Deutschland wird gerade renoviert. Deshalb wird es in den kommenden Jahren keinen Engpass geben, was die Arbeit betrifft. Die Perspektiven sind sehr gut.“Dieser Artikel erschien in Ausgabe #163.