Wer die Frau sein wird, die in einem Jahr die Grünen im Bundestagswahlkampf führen wird, steht aus heutiger Sicht schon fest: Katrin Göring-Eckardt ist die einzige Bewerberin für die weibliche Spitzenkandidatur, und weil keine weitere Frau sich bereitgefunden hat, könnte allenfalls ein miserabel schlechtes Resultat ihre Nominierung im kommenden Januar noch verhindern. Doch danach sieht es nicht aus. Selbstbewusst, wortgewandt – vielleicht ein wenig zu pastoral und zu wenig kämpferisch tritt die bisherige Bundestags-Fraktionschefin beim ersten „Urwahlforum“ in Hannover auf. Sie erntet durchaus kräftigen Applaus bei der niedersächsischen Basis.
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Wenn nun Göring-Eckardt am Ende aufgestellt wird, wer wird dann ihr männlicher Partner? Vor vier Jahren war es Jürgen Trittin, doch der will nicht mehr ganz vorn stehen. So muss nun unter drei recht unterschiedlichen Männern ausgewählt werden. In zehn Basis-Konferenzen sollen die Grünen-Mitglieder die Kandidaten testen, der bundesweite Auftakt war am vergangenen Sonnabend in Hannover. Gut 200 Mitglieder sind gekommen, zwei Stunden lang werden die Bewerber befragt – zu allen möglichen Themen. Nicht nur ihre inhaltliche Substanz wird geprüft, auch ihre Schlagfertigkeit und Beliebtheit.
Da ist zunächst Cem Özdemir aus Baden-Württemberg, bisher Parteichef, ein selbstsicherer Akteur in allen bundespolitischen Streitfragen und einer, der in seinen Antworten, etwa zur Steuerpolitik, immer noch einen Schritt vorausdenkt und damit sehr souverän wirkt. Das sichert ihm mehr Applaus erwartet, zumal Özdemir als Schwarz-Grün-Fan bei Niedersachsens links geprägtem Grünen-Landesverband eher weniger Anhänger hat. Aber er schlägt sich wacker als alter Routinier, vor allem, als er einen „Marschallplan für Afrika“ als vordringliche Antwort auf die Flüchtlingsströme fordert.
Der wahre Wettkampf an diesem Abend in Hannover aber findet zwischen den beiden anderen Männern statt. Da ist zunächst der Bayer Anton Hofreiter, bisher Göring-Eckardts Kompagnon in der Führung der Bundestagsfraktion, ausgewiesener Linker und Hoffnungsträger all derer, die sich nach der Bundestagswahl eine von SPD, Grünen und Linkspartei getragene Bundesregierung wünschen. Ihm gegenüber steht Robert Habeck, Schriftsteller und Landesminister für Agrar und Umwelt in Schleswig-Holstein. Er will die festgefügten Lager aufbrechen, zunächst für ein möglichst starkes Grünen-Ergebnis kämpfen und erst anschließend ausloten, wen die Partei als Regierungspartner bevorzugt. Offiziell bekennen sich an diesem Abend zwar alle zu dieser Linie, doch nur Habeck nimmt man ab, dass er es auch so meint. „Er polarisiert nicht so stark“, sagen die Habeck-Freunde. „Man weiß nicht, was er eigentlich will“, meinen seine Gegner.
Sobald Hofreiter an der Reihe ist, sind gleich einige Klatscher zur Stelle, die für ihn Stimmung machen. Der Fraktionsvorsitzende steht oben am Pult, fast reglos wie ein Fels in der Brandung. „Wir brauchen klare Botschaften und die Menschen müssen wissen, wo wir stehen“, brummt er mit seiner tiefen, im bayerischen Dialekt gefärbten Stimme. Habeck hingegen wirkt quirlig, springt öfter hin und her, bringt immer wieder Selbstkritik an. „Das ist das Problem in unserer Partei, dass man etwa in der Vermögensteuerdebatte sofort in Schubladen gepackt wird“, meint er, der sich an diesem Abend richtig abstrampelt – aber immer wieder wird das mit kräftigem Applaus belohnt. Außerdem gelingt es Habeck an diesem Abend auch stärker als Hofreiter, typisch linke Positionen als die seinen auszugeben: Nein zur Austeritätspolitik in Europa, nein zu Militäreinsätzen in Syrien wegen des „pazifistischen Erbes“ der Grünen, ja zur Besteuerung hoher Vermögen.
Im Saal spürt der Hofreiter-Fanblock, wie gut Habeck hier ankommt. Ganz am Ende, als die Befragung schon abgeschlossen ist, kommt es dann noch zu einem direkten Angriff: Der sonst in sich so sehr ruhende Hofreiter wird auf einmal richtig aggressiv beim Thema Massentierhaltung: Für Habeck, den Agrarminister, ist die „industrielle Tierproduktion“ das Übel, nicht die Tatsache, dass in manchen Gegenden sehr viele Tiere gehalten werden. Es geht für ihm um die Art der Haltung, nicht um die Quantität. Für Hofreiter ist das Unsinn, weil der Wunsch nach hoher Stückzahl die Form des Wirtschaftens bestimme. Zwischen den beiden wird es am Schluss richtig giftig, sodass die niedersächsische Landesvorsitzende Meta Janssen-Kucz schon vorschlägt, mal „ein Treffen in Cloppenburg“ zu organisieren: „Dort kann man direkt erleben, wie die betroffenen Menschen das sehen.“ Die meisten Mitglieder aber bekommen von dem Disput gar nicht so viel mit, da sie schon im Aufbruch begriffen sind.
Alle knapp 60.000 Grünen-Mitglieder, davon 6600 aus Niedersachsen, erhalten Anfang Dezember ihre Wahlunterlagen – und bis 13. Januar müssen sie diese dann ausgefüllt zurückschicken. Welche zwei Bewerber dann zu Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl benannt werden, soll dann in der zweiten Januarhälfte feststehen. (kw)Dieser Artikel erschien in Ausgabe #191.