4. Mai 2026 · 
TagesKolumne

Gendertest im Hühnernest

Hormontests und MRT fürs Frühstücksei: In Niedersachsen sucht die Forschung nach Wegen, das Küken-Geschlecht schon im Ei zu erkennen. Damit am Ende nicht die Pfanne siegt.

Sie heißen Cheggy Zoom, Orbem und Seleggt. Was klingt wie hippe Großstadt-Start-ups, dubiose China-Anbieter bei Amazon oder die nächste Generation seltener Pokémon, ist in Wahrheit die niedersächsische Speerspitze im Kampf für das Tierwohl. Weil das Töten männlicher Embryonen ab dem 13. Bruttag seit 2024 verboten ist, sucht man im Eierland Nummer eins nach legalen Wegen, die ungeliebten Küken gar nicht erst schlüpfen zu lassen.

Dazu rückt die Lebensmittelindustrie dem Ei mit Gerätschaften zu Leibe, von denen ein Kassenpatient nur träumen kann. Orbem schiebt das Ei durch ein MRT, Cheggy Zoom blickt mittels Sensorik und KI-Mustererkennung durch die Schale. Seleggt setzt auf den Hormontest: Ein winziges Loch wird in die Schale gelasert, Flüssigkeit entnommen und anschließend wieder versiegelt. Ziel des ganzen Hightech-Aufwands: bloß kein Männchen ausbrüten – denn das müsste man später teuer großziehen.

Sieht aus wie ein außer Kontrolle geratenes „Vier Gewinnt“ mit Eiern, es handelt sich aber tatsächlich um die nicht-invasive Technologie zur Geschlechtsbestimmung namens „Cheggy Zoom“. | Foto: Pluriton

Auch die niedersächsische Landesregierung mischt beim Gendertest im Hühnernest munter mit. Von 2020 bis 2023 förderte sie ein Forschungsprojekt der TU Dresden, das schon ab dem dritten Bruttag das Geschlecht „detektieren“ sollte. Allerdings hatte das Ganze einen kleinen Schönheitsfehler, wie das Agrarministerium jüngst auf Anfrage des CDU-Landtagsabgeordneten Hartmut Moorkamp verriet: „Dieses Verfahren konnte sich in der Praxis wegen der seinerzeit für die spektroskopische Untersuchung erforderlichen Öffnung des Eies nicht durchsetzen.“ Anders gesagt: Das Geschlecht ließ sich bestimmen – nur das Ei ging dabei kaputt. Ein klassischer Fall von „Operation gelungen, Patient tot“.

Doch aus Fehlern lernt man, und die Dresdner Wissenschaftler verfolgen bereits den nächsten Ansatz: Geschlechtsdifferenzierung im geschlossenen Ei. Auch dieses Projekt wird gefördert, damit die Forscher weiter den „Ei-Nostradamus“ spielen dürfen. Bleibt nur zu hoffen, dass sie auch ohne ihre allmorgendliche Pfanne voller Spiegeleier im Labor Höchstleistungen abrufen können.

Was bei der Hühnerhaltung richtig ist, ist in der Landespolitik übrigens auch nicht verkehrt: Man sollte möglichst früh erkennen, was da eigentlich wieder ausgebrütet wird. Schließlich erspart ein rechtzeitiger Blick ins Nest später das große Gackern. Wir blicken daher für Sie in der heutigen Ausgabe auf folgende Themen:

  • Kuckucksei im Erbbaurecht: Soll die Klosterkammer wegen der Erbbaurechts-Verträge stärker kontrolliert werden? Rot-Grün plant das, bekommt jetzt Zuspruch. Gleichzeitig wird ein neuer Mustervertrag vorgelegt.


  • Ganz schön gerupft: Der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn gehen die finanziellen Mittel aus. Gespräche mit der Rentenversicherung und der Politik blieben bislang erfolglos.


  • Harte Schale, harter Kurs: Nach der Ära Reitzle steht Conti vor der Zerreißprobe: Zwischen Millionenverlusten und Diesel-Altlasten muss die neue Führung die riskante Schrumpfkur nun zum Erfolg führen.


Lassen Sie sich nicht in die Pfanne hauen! Einen guten Start in die Woche wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #082.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link

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