
Das Ausrufen der Gas-Notfallstufe hätte dramatische Auswirkungen auf die Industrie zwischen Harz und Küste. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Niedersachsen (IHKN), an der sich 1817 Unternehmen beteiligt haben. Jeder zehnte Industriebetrieb müsste demnach schon bei einer Drosselung der Gaslieferungen von nur zehn Prozent seine Produktion einstellen. Bei einer Reduzierung um 25 Prozent würden insgesamt 41 Prozent der Unternehmen ihre Maschinen ausschalten. Nur jeder achte Betrieb gibt an, dass er vollständig auf Gas verzichten könnte. „Das sind schon dramatische Aussagen“, kommentierte IHKN-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt die Zahlen am Freitag. Als erste Branchen wären etwa die Aluminiumproduzenten, die chemische Industrie oder die Papierherstellung von einem Produktionsstopp betroffen.
„Die Lage ist angespannt und eine weitere Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden.“
Bundesnetzagentur im aktuellen LageberichtGleichzeitig berichtete die Bundesnetzagentur zur Gasversorgung in Deutschland: „Die Lage ist angespannt und eine weitere Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden.“ Für den Fall einer „dauerhaften Verschlechterung“ kann die Bundesregierung die dritte Eskalationsstufe des Notfallplans Gas ausrufen, wodurch die Bundesnetzagentur beispielsweise Bezugsreduktionen verfügen kann. Die deutschen Gasspeicher sind zwar schon zu mehr als 95 Prozent gefüllt, sobald mit dem Winterbeginn der Gasverbrauch der Haushalts- und Gewerbekunden ansteigt, wird diese Reserve aber rapide abschmelzen. Die weiterhin beständigen Gasimporte aus Belgien, den Niederlanden und vor allem Norwegen machen allerdings Hoffnung, dass es nicht zum Äußersten kommen wird. „Entscheidend wird sein, dass die Gasmangellage vermieden wird. Die Wirtschaft spart, wo sie kann“, sagte Bielfeldt und betonte: „Jetzt ist es wichtig, die Vorschläge der Gaskommission schnell umzusetzen. Die Unternehmen brauchen dringend Planungssicherheit und verlässliche Energiepreise.“

Die Stimmung in der niedersächsischen Wirtschaft ist angesichts der möglichen Versorgungsengpässe äußerst schlecht. Der IHK-Konjunkturklimaindikator stürzt zum dritten Mal infolge auf nun 62 Punkte ab (Vorquartal: 80 Punkte). Nur auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie war das Wirtschaftsklima noch schlechter. In einem durchschnittlichen Jahr liegt der Stimmungsindikator bei etwa 100 Punkten. „Wir sind vor dem Sturm“, beschrieb Bielfeldt die Lage. Zwei von drei Unternehmen rechnen laut Umfrage damit, dass die Geschäftslage schlechter wird. Nur vier Prozent glauben, dass es für sie aufwärts geht. „Solche pessimistischen Erwartungen haben wir noch nicht gehabt“, sagte die IHKN-Hauptgeschäftsführerin.
Auch die Auftragseingänge in der Industrie gehen weiter zurück, der Auftragsbestand schmilzt ab und die Exporterwartungen sind aufgrund der Wirtschaftskrise im Euro-Raum weiter im Sinkflug. „Das ist eine Rezession mit Ansage“, meinte Bielfeldt. Dementsprechend zurückhaltend äußern sich die niedersächsischen Unternehmen auch bezüglich ihrer Neueinstellungen und Investitionen. Die Ausgaben für Kapazitätsausweitungen und Produktinnovationen werden zurückgeschraubt, dafür steigen die Investitionen in den Umweltschutz. 55 Prozent aller Unternehmen sagen, dass sie in eine höhere Energieeffizienz investieren. Betrachtet man nur die Industriebetriebe sind es sogar 66 Prozent. Weitere Reaktionen auf die hohen Energiepreise sind die Verlagerung der Produktion (4 Prozent), die Reduzierung der Produktion (15 Prozent), das Ausweichen auf andere Energieträger (20 Prozent) sowie Weitergabe der Preissteigerungen an die Kunden (62 Prozent).

Nicht nur die Industrie, auch die anderen Branchen haben Probleme. In der Bauwirtschaft bremsen Preissteigerungen und gestiegene Zinsen den Wohnungsbau. Sämtliche Einzelhandelsbereiche rechnen mit rückläufigen Umsätzen, weil die Konsumneigung der Kunden auf dem tiefsten Wert seit 20 Jahren angekommen ist. Die Verkehrsunternehmen sind aufgrund der hohen Dieselpreise weiterhin unter Druck. Und auch im Gastgewerbe sind die Perspektiven düster. Nach einem guten Sommer sehen sich die Hoteliers und Gastronomen mit Kostenexplosionen, dem neuen Mindestlohn, schwindender Kaufkraft der Gäste sowie einer neuen Corona-Welle konfrontiert. Bei den Dienstleistungsbetrieben gehen Aufträge und Umsätze zurück. Und selbst die Kreditinstitute melden erstmals seit der Finanzkrise 2008, dass sich das Kreditgeschäft mit Privatpersonen und die Investitionskredite für Unternehmen ungünstig entwickeln.


