Ich schrieb es bereits und schreibe es wieder: Einer wohldurchdachten Wahlkampagne bei ihrer Entfaltung zuzusehen, kann ein großer Genuss sein. In den zwei Wochen zwischen Wahl und Stichwahl beweist sich nun, wer mit der Extrarunde gerechnet hat und wem vielleicht kurz vorm Ziel doch die Puste ausgeht.
Der SPD Hannover sind die Lungen jedenfalls noch gut gefüllt. Während andere nur schnöde Störer auf die alten Plakate pappen, zieht SPD-OB-Kandidat Axel von der Ohe ganz frische Fotomotive auf. Noch vor der ersten Wahl schmunzelten wir in der Redaktion über den sprachlichen Wohlklang des Slogans „Wechsel zu Axel“ und vermissen bis heute das weitaus weniger kreative Kontra „Bleib bei Belit“.

Der wohl gewieftere Coup der Sozialdemokraten findet sich allerdings in einer neuen Unterzeile. Seitdem die Stichwahl-Konstellation feststeht, ziert die von-der-Ohe-Motive zumindest im Digitalen ein neuer Claim: „Damit Hannover wieder funktioniert“. Das ist irgendwo natürlich putzig, wenn der langjährige Finanz- und Ordnungsdezernent jetzt plötzlich feststellt, dass in Hannover nichts mehr funktioniert. Eine gewisse Verantwortungsdiffusion ist uns aus dem Wahlkampf allerdings schon länger bekannt. Schließlich stilisiert die SPD Hannover die Oberbürgermeister seit Wochen zur „Richtungsentscheidung“ statt zum Führungswechsel, als wäre sie nie Teil des Teams gewesen.

Bemerkenswerter ist jedoch, wo uns der Spruch zuvor schon begegnet ist. War es doch niemand anderes als CDU-Mitbewerber Peter Karst, der das Funktionieren der Landeshauptstadt zum Ziel seiner Kandidatur erklärt hatte. Während offizielle Wahlempfehlungen der CDU Hannover einstweilen ausbleiben und einzelne Christdemokraten Belit Onay zum sympathischeren Kerl erklären, kapert die SPD Hannover also einfach den Kampagnen-Claim des Unterlegenen. Ob das wohl funktioniert?
Das Vorgehen ist zumindest folgerichtig und hätte fast erwartet werden können, versucht die SPD Hannover doch seit ihrem Koalitionsbruch vor gut drei Jahren, die bürgerlichen Wählerschichten an sich zu binden. Erst freuten sich CDU und FDP noch über den neuen nicht-koalitionären Kuschelkurs. Nun sehen sie selbst, wohin das geführt hat. Von der Ohe könnte unterdessen noch einen draufsetzen und ein weiteres Karst-Plakat plagiieren. Oder wären am Ende sämtliche Tischtücher im Neuen Rathaus zerschnitten, wenn die SPD nun fordert „aus Protest Vernunft [zu] wählen“?
Die Stichwahlen beschäftigen uns im heutigen Rundblick eher am Rande, um Landräte geht’s dabei aber schon. Hier kommen alle Themen im Überblick:
Am Sonntag wird wieder gewählt. Wir werden erneut aus der Landeshauptstadt tickern. Schauen Sie doch in der heißen Phase am Abend mal vorbei auf rundblick-niedersachsen.de
Starten Sie gut ins Wochenende!
Ihr Niklas Kleinwächter


