Eltern sollen in die Lage versetzt werden, ihre Familien selbst zu ernähren und nicht Leistungsbezugsexperten werden.
Der Volkswirtschaftler Professor Holger Bonin von der Universität Kassel meinte, der Kinderzuschlag, den einkommensschwache Familien mit Kindern erhalten können, sei durch komplexe Zugangsvoraussetzungen und ein kompliziertes Verfahren gekennzeichnet. Betroffen könnten die eigenen Ansprüche deshalb nur schwer beurteilen und nähmen diese dadurch häufig nicht wahr. Auch Martin Hagen, Staatsrat im Bremer Finanzressort, kritisierte beim Kinderzuschlag eine „hohe Komplexität in der Antragstellung“. Es sei davon auszugehen, dass nicht nur die mangelnde Bekanntheit, sondern auch diese Komplexität des Beantragungsprozesses eine Rolle bei der relativ geringen Inanspruchnahme spiele. Der Deutsche Landkreistag sprach sich in der Anhörung dafür aus, die zahlreichen kindbezogenen Leistungen zu bündeln. Christine Volland meinte, dass auch das Bildungs- und Teilhabepaket „krachend gescheitert“ sei, viel zu viele Mittel flössen in die Bürokratie anstatt in real gewährte Leistungen.
Die Idee einer Grundsicherung für Kinder fand in der Anhörung große Zustimmung, mehrfach wurde aber auch auf die drohenden Kosten hingewiesen. Holger Bonin sprach von einem „hohen finanziellen Aufwand“. Simulationsrechnungen für ein großzügig ausgestattetes Kindergrundsicherungsmodell wie das der Linksfraktion hätten Nettokosten für die öffentliche Hand von mehr als 40 Milliarden Euro jährlich ergeben, erklärte der Volkswirt. Auch das Modell der Grünen lasse Kosten zwischen 20 und 25 Milliarden Euro erwarten. Der Landkreistag wies ebenfalls darauf hin, dass die Einführung einer existenzsichernden Kindergrundsicherung „ein erhebliches Finanzierungsvolumen“ erfordere. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Grigorios Aggelidis aus der Region Hannover plädierte nach der Anhörung dafür, die familienpolitischen Leistungen in einem „Kinderchancengeld“ zu bündeln. Die FDP will damit das „Gießkannen-Förderprinzip“ beenden mit dem Ziel, Familien gezielter und besser als bisher zu fördern.
Einig waren sich die Experten darin, dass das System verbessert werden muss. In Niedersachsen habe sich in zehn Jahren konjunkturellen Aufschwungs an der Kinderarmut nichts Substanzielles verändert, stellte Volland im Bundestagsausschuss fest. Es bleibe dabei, dass nicht alle Familien am Aufschwung teilhaben könnten – ihre Kinder demnach auch nicht. Die Schere könnte noch weiter auseinandergehen, befürchtete Volland und verwies auf sozioökonomische Umbrüche wie die klimaneutrale Wirtschaft oder die Digitalisierung. Die Gesellschaft stehe vor tiefgreifenden Umstellungen.

