
Die evangelische Kirche hat ihr Verhältnis zum Krieg überdacht. Wie kam es dazu? Ein Gespräch mit Hannovers Landesbischof Ralf Meister über seine persönliche Abkehr vom radikalen Pazifismus, den neuen Wehrdienst und die Bereitschaft, Pflichten zu übernehmen.
Rundblick: Herr Landesbischof, als junger Mann haben Sie den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigert. Wissen Sie noch, wie genau Sie das damals begründet haben?
Meister: Was mich damals geleitet hat, war ein radikaler Pazifismus. Meine Eltern haben mir und meinen Geschwistern in unserer Kindheit jede Form von Gewaltausübung untersagt – selbst im Spiel. Bei meiner Kriegsdienstverweigerung musste ich diese Position vor einem Gremium älterer Herren verteidigen. Damals wurde man dort üblicherweise gefragt, ob man bereit sei, wenige Menschen zu töten, um eine ganze Stadt zu retten. Meine Antwort: Ich weiß es nicht, aber ich glaube ich kann keinen Menschen töten. Jede Anwendung von Gewalt führt in ein ethisches Dilemma. Es gibt keinen schuldlosen Mord. Die jüdisch-christliche Tradition ist eindeutig: „Du sollst nicht töten.“ Wann und unter welchen Bedingungen ist Gewalt legitimiert? Heute begegne ich meinen damaligen Positionen mit Vorsicht.
Rundblick: Wie kam es dazu?
Meister: Ich habe während meines Theologiestudiums einige Zeit in Jerusalem gelebt. In einem Land, das es nach 1948 ohne militärische Verteidigung nicht gegeben hätte. Immer wieder gab es Kriege, 1967 der Sieben-Tage-Krieg, 1973 der Jom-Kippur-Krieg, in der letztlich das Existenzrecht Israels verteidigt werden musste. Ich lebte und studierte dort rabbinische Tradition, hatte jüdische Freunde. Damals wurde mir klar, dass die Ausübung von Gewalt nicht immer eindeutig zu bewerten ist. Nicht nur im Hinblick auf die Wahrung territorialer Integrität, sondern auch zur Verteidigung von Menschenrechten. Bis heute gilt für mich, es muss zum Schutz der Rechte von Menschen eine letzte Möglichkeit bleiben, rechtserhaltende Gewalt auszuüben. Ein radikaler Pazifismus ohne diese Option ist für mich heute nicht mehr denkbar. Dennoch müssen politische und gesellschaftliche Kräfte alles tun, um jede Form von Gewalt und Gewaltausbreitung zu verhindern.
Rundblick: 2011 wurde die Wehrpflicht für junge Männer in Deutschland ausgesetzt. Damals sah man sich von Freunden umgeben, die Bundeswehr engagierte sich international und musste sich nicht um die Landesverteidigung kümmern. Nun hat sich die Sicherheitslage geändert und es wird diskutiert, die Wehrpflicht des Grundgesetzes – wenngleich abgestuft – wieder anzuwenden. Halten Sie das für einen richtigen Schritt?
Meister: Die Aussetzung der Wehrpflicht aufzuheben, wenn sich nicht ausreichend freiwillige junge Personen zum Dienst in der Bundeswehr finden werden, erscheint mir vor dem Hintergrund der veränderten weltpolitischen Lage nachvollziehbar. Wenn man anschaut, wie die Streitkräfte in einer Zeit großer Friedensperspektive an Zahl und Ausstattung verringert worden sind, erscheint Deutschland unter heutigen Gesichtspunkten kaum mehr verteidigungsfähig. Für mich bleibt aber zwingend die Aufgabe der Kirchen, eine Beratung zur Kriegsdienstverweigerung sowie eine Begleitung bei Fragen zur Wehrpflicht anzubieten. Zudem bleibe ich dabei, dass ein alternatives Pflichtjahr für unsere Gesellschaft wünschenswert ist.
Rundblick: Jugendverbände beklagen, hier werde über die Jugend entschieden, ohne sie angemessen an der Abwägung zu beteiligen. Hätte die Bundesregierung da einen partizipativeren Ansatz wählen sollen?

Meister: Ich höre die Kritik. Ich habe mit Mitgliedern aus Jugendverbänden gesprochen und kann den Unmut verstehen. Doch wie sollte die Beteiligung aussehen? Für mich gehört auch dazu, die Verfahren der Repräsentation in unserer parlamentarischen Demokratie anzuerkennen. Wir haben heute signifikant mehr jüngere Menschen im Bundestag als früher. Junge Menschen können sich auf diesem Wege in die Debatte einbringen. Sie können in Netzwerken und Verbänden Positionen formulieren und in die politische Debatte einbringen. Was übrigens auch zahlreich geschehen ist. Doch ich gestehe, man hätte sich in diesem Prozessvorweg noch intensiver andere Beteiligungsformate überlegen müssen.
Rundblick: Die Regelung zum Wehrdienst, die jetzt geschaffen werden soll, wird dazu führen, dass junge Menschen sich wieder mit der Frage beschäftigen müssen, ob sie dazu bereit wären, sich für dieses Land einzusetzen. Finden Sie, das ist eine zumutbare Frage?
Meister: Die Frage ist zumutbar. Jeder Mensch lebt nicht für sich allein, sondern ist als Mensch von Geburt an ein soziales Wesen. Sozialität und Individualität gehören zusammen. Andernfalls könnten wir nicht überleben. Die erste soziale Situation ist dabei die Eltern-Kind-Beziehung. Ein demokratischer Staat ist eine komplexe gesellschaftliche Konstruktion, in der das Zusammenleben und auch die Verteidigung der Werte, unserer Freiheiten und Rechte eine gemeinsame Aufgabe ist. Dazu gehören auch Pflichten. Die reichen von der Schulpflicht über das Zahlen der Steuern, dem Befolgen der Gesetze bis zu der Frage der Verteidigung dieses demokratischen Gemeinwesens. Es irritiert mich, dass der Begriff „Pflicht“ inzwischen so negativ besetzt ist. Als wäre es unzumutbar, für etwas einzutreten, was vielleicht zeitweilig nicht mein ur-eigenes, hochsubjektives Interesse ist. Es geht im Kern um die Verteidigung einer fairen Handlungs- und Rechtsgemeinschaft, in der wir in Freiheit und im Frieden leben.
Rundblick: Es wird vielfach gesagt, dass sich die Jugend vor allem in der Corona-Pandemie so stark hat einschränken müssen und von der älteren Generation ignoriert wurde. Und nun kommt auch noch das…
Meister: Ja, das stimmt. Mit dem heutigen Wissen lässt sich sagen, dass die Bedürfnisse junger Menschen während der Corona-Einschränkungen stärker hätten berücksichtigt werden können. Wir haben Benachteiligungen und soziale Isolationen provoziert, die noch lange nachwirken werden. Als christliche Kirchen in Niedersachsen haben wir früh auf die Nöte der Jugend hingewiesen. Aber das war nicht genug. Zugleich müssen wir anerkennen, dass in einer derart außergewöhnlichen Krisensituation bei Entscheidungen einer Gesellschaft und staatlicher Organe Fehler gemacht werden. Und lasst uns nicht vergessen: Gestorben sind an einer Covid-Infektion vor allem ältere Menschen. Zu beklagen, es habe nur die Jugend hart getroffen, wäre ungerecht.
„Wir müssen die Frage neu beantworten, unter welchen Bedingungen die Anwendung von rechtsstaatlicher Gewalt notwendig ist.“
Rundblick: Die evangelische Kirche in der Bundesrepublik war eng mit der Friedensbewegung verbunden. Mit der neuen EKD-Friedensdenkschrift ändern die Protestanten nun ihre Haltung zum Krieg. Warum?
Meister: Um das zu verstehen, müssen wir den Bogen etwas weiterspannen. Die Kirche hat in ihrer zweitausendjährigen Geschichte sich lange schwer damit getan, für den Frieden in dieser Welt einzutreten. Sie hat sogar zum Krieg aufgerufen. Und sie hat lange gebraucht, um ein positives Verhältnis zur Demokratie zu entwickeln. Die Kirche hatte Schwierigkeiten mit der Freiheit des Menschen. Erste demokratische Vorstöße wurden verhindert, weil sich die evangelischen Kirchen in einer engen Allianz mit Landesherrschern befanden. Erst in der Geschichte der Bundesrepublik, nach den Jahren des nationalsozialistischen Terrorregimes, kommt es Stück für Stück zu einer neuen Einsicht. 1981 entsteht die erste Friedensdenkschrift der EKD, die in die Zeit der Friedensbewegung im Zusammenhang mit der Nato-Nachrüstungsdebatte fällt. Die folgende Friedensdenkschrift von 2007 setzt das Leitbild eines gerechten Friedens fort. Der gerechte Friede kann und muss schon in dieser Welt intensiv vorbereitet werden. So richtig das ist, heute sagen selbst die Verfasser von damals, dass man vielleicht zu optimistisch gewesen sei und diese Position einschränken müsse. Die Weltlage hat sich deutlich verändert. So hat die neue Denkschrift eine andere Tonalität. Wir müssen die Frage neu beantworten, unter welchen Bedingungen auf dem Weg zum gerechten Frieden die Anwendung von rechtsstaatlicher Gewalt in dieser Welt notwendig ist. Die biblische Grundlegung bleibt gleich: Jesus lehrte den vollständigen Verzicht auf Gewalt und predigte sogar die Liebe den Feinden gegenüber.
Rundblick: Wann darf aus protestantischer Sicht also Gewalt angewendet werden?
Meister: Wenn überhaupt Gewalt zur Verteidigung, dann muss sie strengen Regeln unterliegen: Sie dient ausschließlich dem Schutz und Erhalt von Recht, nicht der Rache. Sie muss das Ziel haben, die Gewalt zu beenden, statt sie fortzuführen oder zu eskalieren. Jesus sagt in der Bergpredigt eindeutig, dass Gewalt als Mittel der Vergeltung nicht in Frage kommt. In aktuellen Kriegen entsteht zurzeit fast der gegenteilige Eindruck. Rechtserhaltende Gewalt dagegen muss sich auf das unvermeidliche Maß beschränken. Doch es bleibt dabei: Jede Gewalt bleibt in einem moralischen Spannungsfeld, in dem wir uns unausweichlich in Schuld verstricken.

Rundblick: In Europa bereiten wir uns darauf vor, dass der Krieg auch wieder zu uns kommen könnte. Wir erleben gerade, dass sicherheitspolitische Fragen für jeden gesellschaftlichen Bereich durchdekliniert werden. Hat die Kirche eigentlich einen Plan für den Spannungs- oder Konfliktfall?
Meister: Bereits vor zwei Jahren wurden diese Fragestellungen an die Landeskirchen herangetragen. Dabei zeigte sich, dass Aspekte, die derzeit im Kontext des Operationsplans Deutschland diskutiert werden, insbesondere die optimale Kooperation zwischen Katastrophenschutzeinheiten und weiteren Rettungsteams, lokal wie regional, bereits seit längerem mit den Kirchen eingeübt und praktiziert werden. Es bestehen weitgehend Kontakte zu Freiwilliger Feuerwehr, Katastrophenschutz und Technischem Hilfswerk. Im äußersten Notfall sind zudem unsere Pastorinnen und Pastoren in den Kirchengemeinden, insbesondere in der Notfallseelsorge, fachlich darauf vorbereitet, auf Katastrophen zu reagieren oder Todesnachrichten zu überbringen. An der weiteren Professionalisierung dieser Kooperation wird innerhalb unserer Kirchen gearbeitet.
„Es täte gut, nicht sofort zu urteilen,
wenn Menschen Fehler machen“
Rundblick: Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche lautete: „Mit Gefühl – Sieben Wochen ohne Härte!“ Wie haben Sie dieses Motto für sich übersetzt?
Meister: Die Aktion reagiert auf die neue Dimension von sichtbarer äußerer Gewalt durch Krieg und Kampfeshandlungen auf der einen Seite, aber auch auf die zunehmende Härte der Auseinandersetzungen in den sozialen Medien. Dort gibt es zum Teil brutale Missachtungen, Entwürdigungen und Verächtlichmachung von Menschen. Das Motto antwortet auf die Normalisierung von Härte. Meine persönliche Interpretation lautet: manchmal schweigen. Das wünschte ich mir zuweilen auch für die politischen Debatten. Einige Stunden oder Tage still nachdenken. Und es täte gut, nicht sofort zu urteilen, wenn Menschen Fehler machen. Nicht über Menschen zu richten und alles zu beurteilen. Geduld, Rücksichtnahme. Nachsicht.
Rundblick: In diesem Jahr fielen die christliche Passionszeit und der muslimische Ramadan in dieselbe Zeit. Zu Beginn haben Sie auf diese interreligiöse Dimension hingewiesen. Waren Sie bei einem Fastenbrechen dabei?
Meister: Das war ich, wie in jedem Jahr. Und ich erlebe es jedes Jahr als ein wichtiges Zeichen der Gastfreundschaft. Diese persönlichen Begegnungen sind durch nichts zu ersetzen. Der nächste Schritt: Wir wollen wieder intensiver in Gespräche mit den muslimischen Verbänden in Niedersachsen eintreten. Die weltpolitische Lage hat diese Verbindungen zuletzt belastet. Ich bin dankbar, dass wir in unserem Land ein positives, friedliches, gutes Miteinander der unterschiedlichen Religionen haben.
Rundblick: Die weltpolitische Lage ist düster. Nun steht das Osterfest bevor. Was gibt Ihnen Hoffnung?
Meister: Ostern erinnert, selbst im Schlimmsten ist ein neuer Anfang möglich. Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Satz, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will“. Ohne den festen Glauben an das unbezwingbare Gute könnte ich nicht leben.


